
Nore (Dana Herfurth) genießt das Leben, nimmt sich, wonach immer es ihr verlangt. Sie trinkt gern, feiert viel. Und sie hat Sex, jede Menge davon. Dabei will sie sich nicht festlegen lassen, die Männer sind für sie nur ein entbehrliches Mittel zum Zweck. Die schüchterne Jonna (Luna Jordan) ist da ganz anders. Umso größer ist aber die Faszination, welche die Schneiderin, die mit ausgefallenen Kleidern auf sich aufmerksam macht, auf sie ausübt. Immer wieder beobachtet Jonna sie, mal offen, mal verstohlen. Als sie die umschwärmte Schönheit vor einem aufdringlichen Verehrer rettet, kommen sie sich näher. Kurze Zeit später zieht Nore sogar bei ihr ein. Für Jonna bedeutet dies lauter neue Erfahrungen. Doch mit der Zeit merkt sie, dass ihre Mitbewohnerin etwas vor ihr verbirgt …
Zwei Welten treffen aufeinander
Es gibt nicht eben wenige Filme, die davon leben, dass die beiden Hauptfiguren sehr unterschiedlich sind. Das kann mal in einem amourösen Kontext geschehen, wenn sich Gegensätze anziehen. Aber auch bei Buddy Movies ist das oft zu sehen, wenn zwei konträre Leute zusammen Zeit verbringen müssen und dabei Freundschaft schließen. Bei Smalltown Girl wird auf einen sehr extremen Kontrast gesetzt, wenn Mauerblümchen auf Paradiesvogel trifft. Dabei ist anfangs nicht ganz klar, ob es sich dabei nun um eine amouröse oder freundschaftliche Geschichte handelt. Der Film ist da eher vage, hält sich alle Optionen offen – so wie es Nore eben auch tut, wenn sie wie ein Schmetterling von Mann zu Mann flattert.
Letztere ist dann auch Dreh- und Angelpunkt des Films. Zwar gibt es schon einige schöne Szenen über das Miteinander der beiden Frauen. Aber es ist doch klar, dass der Film ihre Geschichte ist. Das ist anfangs eher ein Manko, da die Protagonistin ziemlich anstrengend ist. So eindrucksvoll sie als Erscheinung zweifelsfrei ist mit ihrem selbstbewussten Auftreten und ihren farbenfrohen Outfits, liebenswürdig ist sie nicht gerade. Natürlich müssen Menschen nicht sympathisch sein, um interessant zu sein. So ganz wird jedoch zunächst nicht klar, was Smalltown Girl genau eigentlich erzählen will und warum einen das Treiben in dieser Wohngemeinschaft beschäftigen sollte. Es gibt zwar Hinweise, dass an der Sache mehr dran ist, gerade auch im Hinblick auf die Vergangenheit der Figuren. Dass da hinter den bunten Kleidern etwas sehr Dunkles verborgen ist. Aber das bleibt lang eher angedeutet.
Der Schmerz hinter der bunten Fassade
Tatsächlich ist das hier nur zum Teil ein Plädoyer für das Selbstbestimmungsrecht von Frauen. Vielmehr behandelt Regisseurin und Drehbuchautorin Hille Norden (Khello Brüder) in ihrem Spielfilmdebüt – Vorsicht Spoiler – eigene Erfahrungen als Vergewaltigungsopfer. Smalltown Girl erzählt von einer Frau, die so sehr von dem Willen getrieben ist, sich nach diesen schmerzhaften Erfahrungen nicht unterkriegen zu lassen, dass sie den Schmerz an sich ausblendet und dieser dafür umso stärker wuchert. Der Film stellt nicht die Vergewaltigung an sich in den Mittelpunkt. Tatsächlich sieht man diese in der Form gar nicht. Wichtiger ist Norden die Frage, was dies mit den Menschen macht und wie sie die Vergangenheit auch viele Jahre später noch bestimmen kann.
Das Drama, das auf dem Filmfest Hamburg 2025 Premiere feierte, wählt dabei einen ganz eigenen Zugang. Da sind zum einen die besagten Kontraste, nicht nur zwischen den Figuren, sondern auch zwischen der oft knallbunten Optik und den düsteren Themen. Zum anderen sind die Grenzen durchlässig, verschwimmen Vergangenheit und Gegenwart, auch Gefühle sind nicht immer klar zu umranden. Das hängt auch damit zusammen, dass Smalltown Girl nicht die Vergewaltigung zum Thema macht, die an dunklen Orten stattfindet und klar als eine solche zu erkennen ist. Vielmehr geht es hier um eine Vergewaltigung, die sich als Liebe tarnt, um Menschen, die einem nahe sind und dadurch umso mehr weh tun. Das ist naturgemäß nicht einfach. Aber doch auch wichtig und sehenswert und wegen der eigenständigen Handschrift ein Werk, das neugierig auf mehr macht.
OT: „Smalltown Girl“
Land: Deutschland
Jahr: 2025
Regie: Hille Norden
Drehbuch: Hille Norden
Musik: Lennart Saathoff
Kamera: Bine Jankowski
Besetzung: Dana Herfurth, Luna Jordan, Vera Fay, Jakob Geßner, Jan Georg Schütte, Marcel Heuperman, Johann von Bülow, Wanja Mues
Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.
(Anzeige)






