
Als der Jugendliche Noah bei einer Polizeikontrolle ums Leben kommt, überschlagen sich die Ereignisse in der Nähe einer Hochhaussiedlung in Berlin. Seine Mutter Mariama (Meriam Abbas) erfährt noch auf dem Weg zum Revier vom Tod ihres Sohnes und ist fassungslos, als man ihr verwehrt, von ihm Abschied zu nehmen. Noahs Leichnam sei Teil einer polizeiinternen Untersuchung zu dem Zwischenfall, weshalb man ihr und dem Rest der Familie sowohl die Vorbereitung auf die Beerdigung als auch das Abschiednehmen verweigert. Außer sich vor Trauer und Wut setzt Mariama alles daran, ihrem Wunsch, ihren Sohn noch einmal sehen zu dürfen, Gehör zu verschaffen.
Parallel beginnen einige Polizisten mit den Ermittlungen, doch dem Zorn der Bewohner der Siedlung sowie der Bekannten Noahs entgehen sie nicht. Ein brennendes Auto ist nur der Beginn einer langen Nacht für die Beamten. Ibrahim (Doğa Gürer), ein Polizist mit türkischen Wurzeln, zieht zudem den Argwohn seiner Kollegen auf sich, die vermuten, er würde eher zu seinen „Landsmännern“ halten als zu ihnen.
Derweil versuchen Musa (Steven Sowah) und Melek (Joyce Sanhá), ihrem Frust auf andere Weise Luft zu machen. Frustriert von den Anfeindungen ihrer Umwelt streifen sie durch das nächtliche Berlin, doch ihre Wut wächst mit jeder Stunde. Schließlich meint Melek einen Ausweg für sie beide gefunden zu haben, der radikaler nicht sein könnte.
Ein Akt der Selbstermächtigung
Im Statement zu seinem ersten Langfilm Noah schreibt Regisseur Ali Tamim, dass Noah „ein Film mit Stimmen“ sei, „die sonst nirgendwo gehört werden“. Die Figuren, die wir in der Geschichte treffen, sind nicht nur im deutschen Film oftmals auf Stereotype beschränkt, die man mit sozialen Randgruppen in Verbindung bringt. Menschen mit Migrationshintergrund, die noch dazu in einer Hochhaussiedlung wohnen, sind arbeitslos, brutal oder verdienen ihren Lebensunterhalt mit Drogen – nur eines von vielen Klischees, gegen das sich Tamim mit seinem Film positionieren möchte. Noah, der auf dem Max Ophüls Filmfestival 2026 gezeigt wird, ist ein „Akt der Selbstermächtigung“, der eine andere Perspektive auf diese Menschen wagt, zugleich aber auch aktuelle Diskussionen rund um Themen wie Integration und Rassismus aufgreift. Es ist dann vor allem der Ton, der den Reiz von Noah ausmacht, sowie der Verweis auf eine zentrale Problematik innerhalb des Themas Integration, auch wenn der ein oder andere Dialog arg gestelzt anmutet.
Man kann sicherlich viele Bezeichnungen für einen Film wie Noah verwenden, doch eines ist Ali Tamims Film nicht: ein Problemfilm. Auch wenn der ein oder andere Dialog thematisch etwas überladen wirkt, liegt der Fokus des Films nicht auf Problemen wie Polizeigewalt, Alltagsrassismus oder Integration. Tamim begreift diese und andere Aspekte als komplexes Konstrukt, innerhalb dessen sich die Lebensrealität der Figuren abspielt. Besonders erhellend sind in Noah gerade deswegen die heiteren, lockeren Momente, beispielsweise die Interaktion zwischen Melek und Musa. Es ist nicht nur der Frust über ihre negativen Erfahrungen mit ihrer Umwelt – mit deutschen Behörden, der Polizei oder generell der Politik –, denn ihr Leben ist auch von einer unbändigen Lebenslust und Kreativität geprägt, was sie zu den leuchtendsten Charakteren im ganzen Film macht. Steven Sowah und Joyce Sanhá geben ihren Figuren etwas Authentisches, was gerade im deutschen Film nur selten vorkommt – ihre Umwelt mag sie als Opfer sehen, doch sie selbst verweigern sich diesem Label. Bei manchen Sätzen mag man mit den Augen rollen, wohingegen man bei anderen schmunzeln muss.
Integration und Lebenslüge
Während Integration im deutschen Film immer wieder als ein verklärtes Märchen dargestellt wird, zeigt Tamims Film eine ernüchternde Perspektive. In Noah werden dem Zuschauer die Grenzen der Integration, der Akzeptanz und der Mitmenschlichkeit vor Augen geführt, wenn beispielsweise die „Nützlichkeit“ eines Menschen darüber entscheidet, ob dieser noch weiter „dazugehört“. Während eine Familienmutter die Grenzen dieser Menschlichkeit am eigenen Leib zu spüren bekommt, als ihr der Abschied von ihrem verstorbenen Sohn verweigert wird, befindet sich Doğa Gürers Figur in einem Dilemma, das ihm von seinen Kollegen auferlegt wird. Da sie ihn einem bestimmten sozialen Umfeld zuschreiben, gerät seine Loyalität unter Generalverdacht – auch vonseiten der Bewohner der Hochhaussiedlung. Gürers starkes Spiel, das den inneren Konflikt der Figur ebenso hervorhebt wie sein Selbstbild als Polizist, ist nur ein Grund, warum man bedauert, ihn nicht noch länger begleiten zu können. Seine Geschichte hat sehr viel Potenzial und könnte für sich allein stehen, um die von Tamim angestrebten Themen darzulegen.
OT: „Noah“
Land: Deutschland
Jahr: 2025
Regie: Ali Tamim
Drehbuch: Ali Tamim
Musik: Felix Römer
Kamera: Lea Pech
Besetzung: Joyce Sanhá, Steven Sowah, Meriam Abbas, Doğa Gürer, Nils Kahnwald
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