Nichts bleibt und nichts verschwindet
© Paul Sonntag

Nichts bleibt und nichts verschwindet

„Nichts bleibt und nichts verschwindet“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Es dauert nicht lange, bis leerer Raum von Menschen bedeutsam gemacht wird. Betritt man eine leere Wohnung oder einen Neubau, vergehen meist nur ein paar Monate, bis man diesen Ort für sich mit Bedeutung aufgeladen hat. Der Raum wird zum Spiegelbild unserer Identität und erweitert sie zugleich um weitere Aspekte. Dies ist uns mehr als bewusst, weil wir es durch Umzüge oft selbst miterleben, doch diese Idee geht weiter, als wir vielleicht glauben. Denn was für eine Wohnung oder ein Haus gilt, trifft ebenso auf Orte wie Raststätten, Bahnhöfe oder Supermärkte zu – jene Räume, die wir aufgrund ihres Bezugs zu einer Markenidentität oftmals als „immer gleich“ oder als rein wirtschaftliche Orte wahrnehmen. Wer jedoch immer im selben Supermarkt einkaufen geht, wird vielleicht merken, dass dem keineswegs so ist. Spätestens in der Corona-Pandemie haben viele Menschen bemerkt, dass es sich hierbei auch um einen sozialen Raum handelt, der für viele sehr bedeutsam ist und bei dem jede Veränderung nicht geringe Konsequenzen für seine Wahrnehmung hat.

Da zudem viele Menschen an diesen Orten ihren Lebensunterhalt verdienen, kommt noch eine weitere Komponente hinzu. Wenn wir einen Raum, den wir über lange Zeit aufsuchen, als Spiegelbild oder Erweiterung der eigenen Identität begreifen, stellt sich die Frage, in welcher Beziehung die Beschäftigten eines Supermarktes zu diesem stehen und ob dieser Raum nicht sogar sie selbst verändert. Durch sein Fotografie- und Architekturstudium hat Regisseur Paul Sonntag sicherlich eine ganz eigene Perspektive auf diese Fragen, die den Kern seiner Dokumentation Nichts bleibt und nichts verschwindet bilden. Im Zentrum des Films, der auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis seine Uraufführung feiert, steht ein Supermarkt im Berliner Bezirk Moabit, der abgerissen, zur Baustelle wird und schließlich neu gebaut wird. Sonntags Film ist „ein Versuch, den Zwischenmoment zu dokumentieren“, wenn das Alte noch nicht ganz verschwunden ist, das Neue aber bereits entsteht. Nichts bleibt und nichts verschwindet ist ein Nachdenken darüber, wie Orte Menschen prägen und umgekehrt, ebenso aber über Vergehen und Entstehen als fortwährende Prozesse im gesellschaftlichen Raum.

Zwischen Kühlregal und Weihnachtbeleuchtung

Während aus den Lautsprechern des Supermarktes ein Radiomoderator den nächsten Song ankündigt, bringt eine Frau die Weihnachtsbeleuchtung an der Decke an. Der alltägliche Anblick der Regale und Waren ist für einen Moment ein anderer, weil nun eine Trittleiter im Gang steht. Die bunten Lichter der Lichterkette suggerieren etwas anderes, als die Mimik der Frau zeigt, denn sie macht lediglich ihren Job. Die Monotonie des Raumes wird für einen Moment durchbrochen, doch seine Identität verändert sich keineswegs. Dennoch liegt diese Geste den Menschen, die dort arbeiten, am Herzen und wird mit derselben Selbstverständlichkeit ausgeführt wie das Einräumen der Waren, das wir in den ersten Minuten von Nichts bleibt und nichts verschwindet gesehen haben.

Die Abläufe der Beschäftigten des Supermarktes und die der Bauarbeiter, die später den Neubau des Marktes vorantreiben, folgen denselben Prinzipien – sie sind bestimmt vom Raum ebenso wie von der Natur ihrer Arbeit. Der Raum wird für einige Stunden Teil ihrer Identität oder ihrer sozialen Rolle, nach denen sie wieder jemand anderes werden: ein Vater, ein Bruder, eine Mutter oder eine Tochter.

Manche der Menschen, die Sonntag zeigt, reagieren überrascht auf seine Kamera. Ein Mann spricht ihn an und will wissen, warum er gerade ihn jetzt filmen wolle. Sonntag zeigt Menschen, die oft im Hintergrund agieren, oder Prozesse, die wir nicht sehen – weil wir sie nicht sehen sollen oder weil wir darauf konditioniert sind, sie nicht mehr wahrzunehmen. Er zeigt leise, langsame Veränderungen und nutzt dafür konsequenterweise lange Einstellungen. Durch den Bruch verschiedener Zeitebenen im Schnitt entsteht immer wieder ein Moment der Irritation für den Zuschauer. Der Ort scheint bekannt und ähnelt dem, den man im vorherigen Bild gesehen hat, und doch ist er nun ein anderer geworden. Darauf macht Sonntag seinen Zuschauer aufmerksam, während die Kunden weiter zwischen den Regalen einkaufen und die Mitarbeiter ihre Waren sortieren. Und spätestens im November kommen dann auch die bunten Lichter wieder.

Credits

OT: „Nichts bleibt und nichts verschwindet“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Paul Sonntag
Musik: Fabian Balker
Kamera: Paul Sonntag

Bilder

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Nichts bleibt und nichts verschwindet
fazit
„Nichts bleibt und nichts verschwindet“ ist ein kontemplativer Film über die sich verändernde Identität von Orten und den Menschen, die in ihnen leben und arbeiten. Regisseur Paul Sonntag gelingt ein stiller Film, der sich Zeit nimmt, subtile, leise und fast unsichtbare Prozesse zu beobachten und sie aus der Banalität und Gewohnheit herauszulösen.
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