Szenenbild aus Mercedes Bryce Morgann Horrorthriller "Bone Lake" (© Busch Media Group / Bleecker Street and LD Entertainment)

Mercedes Bryce Morgan [Interview]

Courtesy of FLASCH

Könntest du uns etwas über die Entstehungsgeschichte des Films verraten? Wie bist du Teil des Projekts geworden?

Meine Agentur hatte mir das Drehbuch geschickt und man dachte wohl, dass das ein Projekt ist, das sich selbst nicht zu ernst nimmt und schon übertrieben ist. Das sind die Art Projekte, wie ich sie liebe. Ich mag es, wenn ich beim Lesen gefesselt bin und wissen will, was da geschehen wird. Wird jemand sterben? Aber ich mochte auch, wie die Geschichte moderne Beziehungen untersucht. Wir kennen natürlich die Filme über Paare, die einen Ort mieten und dabei einem anderen Paar begegnen. Hier geht das jedoch in eine andere Richtung. Ich schaue mir gern die Mann-Frau-Dynamik an und wie beide denken, dass sie ein wirklich modernes Paar sind. Doch sie sprechen nicht genug miteinander, weshalb die Beziehung nicht so läuft wie gehofft. Und dann ist da noch das Thema Vertrauen. Du weißt letztendlich nie, ob du deinem Partner vertrauen kannst oder nicht. Du kannst dich nur dafür entscheiden, es zu tun. Das war für mich interessant und ist der Höhepunkt, auf den alles hinausläuft.

Das Thema Beziehung bietet sich für die unterschiedlichsten Genres an. Naheliegend sind natürlich Dramen und Komödien. Was ist der Vorteil, das im Rahmen eines Genrefilms zu machen?

Der Film ist wie eine Art Paartherapie. Anstatt dich aber zu fragen, ob deine Beziehung halten wird, fragst du dich, ob du sterben musst. Ich wollte dem Publikum eine richtige Erfahrung mitgeben und schauen, wie weit ich das alles ausreizen kann. Für mich macht es mehr Spaß, das auf diese Weise zu behandeln, anstatt ein reguläres Drama daraus zu machen.

Du hast bereits erwähnt, dass es dieses Motiv, sich einen Ort mit anderen teilen zu müssen, immer wieder gibt. Was ist so erschreckend bei diesem Gedanken?

Wir sehen wohl alle, dass das eine Situation ist, in die wir versehentlich selbst geraten könnten. Guter Horror entsteht auch, indem die Figuren in Situationen sind, mit denen wir uns selbst identifizieren können und die dann einen Schritt weitergehen. Und zu dieser speziellen Situation: Wir Menschen wollen gern anderen Menschen vertrauen. Doch das führt oft dazu, dass andere einen ausnutzen. Und wir erwarten nie, dass wir diejenigen sind, die das erleiden müssen.

Beim Anschauen habe ich mich gefragt: Ist „Bone Lake“ eine Art Home Invasion Thriller? Denn es geht darum, wie andere in dein Leben und dein Innerstes einbrechen.

Ein Home Invasion Thriller im eigentlichen Sinn nicht, zumindest so, wie wir ihn verstehen. Aber ich mag diesen Vergleich. Es ist eine Art mentaler Home Invasion Thriller. Hier geht es nicht darum, in dein Haus einzubrechen und Türen zu zerschlagen, sondern in deinen Kopf zu kommen und an deine Geheimnisse zu kommen.

„Bone Lake“ ist ein Genrefilm, bei dem Menschen getötet werden, der gleichzeitig aber auch spaßig ist, manchmal sogar regelrecht lustig. Wie schwierig war es für dich, die Balance zu finden aus lustig und furchteinflößend?

Das ist tatsächlich nicht einfach. Ich habe darauf geachtet, dass klar ist, wann Szenen lustig sein sollen, und dann eben zu wechseln. Wir haben am Anfang die Szene mit dem Paar, das durch den Wald rennt. Dadurch haben wir einen Vorgeschmack auf den Horror, der später kommt. Danach geht es aber mit dem Beziehungsdrama weiter, das lustig und albern ist. Ich wollte das Publikum auf diesen Pfad führen und dann später den Horror wieder einführen. Mir war es wichtig, Figuren zu etablieren, die uns auch nahegehen, damit wir später auch wirklich mitfiebern.

Was bei deinem Film auffällt: Er ist ziemlich bunt. Wieso hast du dich dafür entschieden, anstatt wie viele andere ein Haus zu nehmen, das so düster ist, dass du von Anfang an weißt, dass etwas Schlimmes passieren wird?

Wir sehen die Ereignisse aus der Perspektive des Paares. Für sie sieht das alles toll aus, sie sind im Urlaub, alles ist so strahlend. Und das sollte sich in der Optik widerspiegeln. Später ändert sich das, wenn es zur Sache geht und die Geschichte nachts spielt. Der Mond leuchtet dann in Lila, du hast viel Grün und Rot, während die Figuren langsam verstehen, was da geschieht.

Das andere Paar ist am Anfang ja schon ganz nett, wenn auch ziemlich übergriffig. Wie kann man anderen Grenzen setzen, wenn sie sich nicht um Grenzen scheren?

Ich denke, dass es für viele Menschen schwierig ist, Grenzen zu setzen. Bei den beiden ist das sicher noch ausgeprägter. Bei Diego ist es so, dass er sein Leben lang davon geträumt hat, Autor zu werden. Und jetzt hat er die Chance dazu und ist dafür dann wohl auch bereit, das eine oder andere durchgehen zu lassen. Manchmal akzeptieren wir, dass Grenzen verletzt werden, selbst wenn wir das nicht tun sollten. Wenn andere das immer wieder tun und man nicht dagegen ankommt, dann muss man sie wohl aus dem eigenen Leben entfernen.

Wie du schon gesagt hast, ist „Bone Lake“ auch ein Film über Beziehungen. Ohne spoilern zu wollen, geht es auch darum, Beziehungen zu testen. Kann man überhaupt beweisen, dass eine Beziehung funktioniert?

Ich glaube nicht, dass du das beweisen kannst in dem Sinn. Du kannst nur fühlen, ob sie funktioniert. Du musst dich entscheiden, ob du deinem Partner vertraust oder nicht. Und nur wenn beide sich dafür entscheiden, kann das funktionieren. Sonst ist die Beziehung vorbei.

Wie würdest du eine gute Beziehung beschreiben?

Es ist zwar ein Klischee, aber gute Kommunikation ist wichtig. Zu sagen, was du wirklich brauchst, und das dann füreinander möglich zu machen, ist eine große Sache. In unserem Film behaupten beide, dass sie alles haben, was sie wollen. Aber sie sind nicht ehrlich dabei und reden nicht offen miteinander. Sie glauben, dass das so alles schon passt. Aber auf Dauer passt das eben nicht.

Glaubst du, dass einen Unterschied gibt zwischen Männern und Frauen und wie sie Beziehungen führen?

Ich denke, dass es eine geschlechterspezifische Art gibt, Beziehungen zu führen, die einem beigebracht wird. Unser Paar denkt zwar, dass es ganz fortschrittlich ist, weil mit Sage die Frau das Geld nach Hause bringt. Doch Diego entwickelt das Gefühl, nicht männlich genug zu sein. Es ist dann doch nicht genug, einfach nur das zu tun, was von einem verlangt wird. Du musst es auch wollen und dich damit wohlfühlen.

Vor einigen Jahren war es ein großes Thema, dass Frauen verstärkt Horrorfilme drehen, was lange ein Männergenre war. Inzwischen redet aber kaum mehr jemand darüber. Sind wir an dem Punkt, wo das Geschlecht keine Rolle mehr spielt?

Auf eine gewisse Weise ja, weil es inzwischen so oft vorgekommen ist, dass das jetzt einfach kein großes Thema mehr ist. Aber wenn du dir anschaust, was im Kino gezeigt wird, dann ist da noch immer ein großer Unterschied. Es ist also schon auch so, dass manche wohl einfach das Gefühl haben, ihre Schuldigkeit getan zu haben, obwohl noch so viel gemacht werden müsste. Als ich angefangen habe, Filme zu drehen, waren da fast keine Frauen in dem Genre. Inzwischen gibt es zwar welche, aber es ist immer noch eher selten.

Die Frauen, die damals gepusht wurden, waren dann auch eher in dem Horrorbereich unterwegs, der als „elevated horror“ beschrieben wird, während „Bone Lake“ ein Horrorfilm ist, der Spaß machen soll. Und im Bereich spaßiger Horrorfilm sehe ich fast nie etwas, das von einer Frau gedreht wurde.

Darüber hatte ich noch nicht nachgedacht. Aber da ist etwas dran.

Kommen wir noch zum Casting, weil der Film schon sehr stark von den Figuren lebt. Wonach hast du gesucht?

Das stimmt. Wir haben nur vier Figuren in einem Haus. Wenn die Figuren nicht funktionieren, funktioniert der ganze Film nicht. Ich wollte, dass sich unsere beiden Hauptfiguren sehr real anfühlen, damit wir auch glauben, was da geschieht. Die Antagonisten durften hingegen übertrieben sein, damit es wirklich Spaß macht.

Gleichzeitig sind sie nicht unheimlich im klassischen Sinn.

Genau. Sie sollten sexy sein und spaßig. Leute, mit denen du eigentlich gern Zeit verbringst – bis sie es übertreiben.

Und was war dir beim Setting wichtig?

Wir brauchten ein großes Haus mit ganz vielen Zimmern, die du erkunden kannst. Das Haus ist so etwas wie ein eigener Charakter in dem Film.

Einige der Zimmer sind dabei abgeschlossen und es geht dann um die Frage, ob die Figuren sie auch erkunden, obwohl sie dort nicht rein dürfen. Wie hättest du in dieser Situation reagiert?

Ich bin ein so neugieriger Mensch, dass ich es wahrscheinlich getan hätte. Außerdem liebe ich es, wenn Erfahrungen gute Geschichten ergeben. Manchmal sind es die schlechtesten Erfahrungen, die die besten Geschichten ergeben. Deswegen hätte ich da reingehen müssen. Wärst du gegangen?

Ich weiß es ehrlich nicht. Du hast in Horrorfilmen immer wieder diese Szenen, wo du als Zuschauer sagst: Mach das bloß nicht! Aber ich war nie in einer solchen Situation, um zu schauen, wie ich selbst reagieren würde.

Genau. Du denkst beim Anschauen, seid nicht so dumm, geht da nicht rein. Zum Glück stellt sich aber heraus, dass die beiden nicht dumm sind. Ich fand es sehr befriedigend, dass Sage und Diego tatsächlich lernen, wie sie mit der Situation umzugehen haben. Es ist toll, in einem Horrorfilm Figuren zu haben, die intelligent sind. Die dürfen ja am Anfang Fehler machen. Aber bis zum Ende sollten sie schon ein bisschen dazugelernt haben. Dafür haben wir einfach schon zu viele Horrorfilme gesehen.

Vielen Dank für das Interview!



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