
Für Caterina Schöllack (Claudia Michelsen) bricht eine Welt zusammen, als die von ihr über Jahre aufgebaute Tanzschule vor dem Aus steht. Zwar hat sie die Leitung inzwischen offiziell an ihre Tochter Helga von Boost (Maria Ehrich) übergeben. Doch dass ihr Lebenswerk zwangsversteigert werden könnte, ist für sie eine Katastrophe. Helga wiederum ringt mit dem Berufswunsch ihrer Tochter Friederike (Marie Louise Albertine Becker), die Polizistin werden will, was in den 1970ern ein Unding ist. Aber auch der Zahnarzt Dr. Hannes Mikusch (Florian Stetter) bringt Unruhe in ihr Leben. Caterinas zweite Tochter Monika Franck-Schöllack (Sonja Gerhardt) versucht in der Zwischenzeit, die Tanzkarriere der eigenen Tochter Dorli (Carlotta Bähre) voranzutreiben, was Letztere zunehmend überfordert. In der Zwischenzeit verbüßt Eva Fassbender (Emilia Schüle), die jüngste Schwester, immer noch eine Haftstrafe wegen Totschlags …
Vierter Teil der Familiensaga
Ihr der von ihr konzipierten Reihe Ku’damm ist Annette Hess zweifelsfrei ein Volltreffer geglückt. Nachdem der Auftakt Ku’damm 56 über den Aufbruch der Jugend in den 1950er Jahren 2016 ein großes Publikum fand, folgte 2018 die Fortsetzung Ku’damm 59. Weitere drei Jahre später gab es mit Ku’damm 63 einen dritten Teil der Familiensaga. Danach sah es so aus, als würde es nicht weitergehen. Aber wo ein Wille – und die Einschaltquoten –, da auch ein Weg. Diesmal machte die ZDF-Dramareihe aber einen großen Zeitsprung und setzt mit Ku’damm 77 eben 14 Jahre später an. Dieses Mal erleben wir Deutschland in den späten 1970ern, gespiegelt nach wie vor von der Familie Schöllack und deren Nachkommen.
Während die bisherigen Zeitsprünge ungefähr so groß waren wie die Pausen bei der Produktion, man also die natürliche Alterung mitnahm, müssen die Figuren etwas stärker auf älter gemacht werden. Denn natürlich ist auch das Ensemble, das schon bei den ersten Teilen die Hauptrolle spielte, wieder mit von der Partie. Zumindest die meisten davon. Dafür kommt eine neue Generation hinzu, wenn es jetzt auch um die Enkelinnen von Caterina geht und deren Verhältnisse zu den Müttern. Diese sind nicht immer einfach. Ku’damm 77 erzählt von Erwartungshaltungen, die erfüllt werden sollen – was jeweils nicht so gut klappt. Gerade in diesen Passagen gelingt es dem Dreiteiler, einiges an Identifikationsfläche aufzubauen. Denn auch wenn es ursprünglich darum ging, wie sich die Protagonistinnen langsam emanzipieren, heißt das nicht, dass sie nicht selbst Normen und Vorstellungen im Kopf haben.
Zeitporträt mit hohem Problemfaktor
Diese persönlichen Geschichten werden wie immer mit einem Zeitporträt verbunden. Dieses fällt diesmal durch den Zeitsprung noch etwas größer aus. Dabei besteht dieses Porträt aus den verschiedensten Elementen. Zum einen wurde natürlich viel Wert auf die Inszenierung gelegt. Neben der stimmungsvollen Ausstattung und auf alt gemachten Kameraaufnahmen ertönt bekannte Musik aus dieser Epoche, etwa von Baccara und Fleetwood Mac. Das ist nicht originell, ist aber mit viel nostalgischem Wiedererkennungswert verbunden. Ku’damm 77 packt zusätzlich gesellschaftliche Themen aus, die nicht ganz so wehmütig stimmen. Friederikes Kampf gegen Sexismus bei der Polizei erinnert an die damaligen Geschlechterbilder. Auch Rassismus und Homophobie werden thematisiert.
Grundsätzlich funktioniert es zwar schon, die Familie als Spiegelbild der damaligen Zeit zu verwenden und auf diese Weise Individuelles mit Gesellschaftlichem zu kreuzen. Nur kennt Hess irgendwie kein Halten, wenn es darum geht, was sie erzählen will. Da wird dann ohne jede Scham alles zusammengeworfen, was in den Kopf gekommen ist, von Drogensucht über Nazi-Vergangenheit bis zu Verfolgung und dunklen Geheimnissen. Ku’damm 77 verwechselt dabei Komplexität mit Konzeptlosigkeit, ist mit der Zeit derart überfrachtet, dass man sich geradezu erschlagen fühlt. Das ist schade, weil der Dreiteiler in den besseren Momenten eine atmosphärische Zeitreise ist, die zugleich aktuell relevant ist. Er ist auch gut gespielt. Das Ergebnis ist jedoch eher anstrengend als wirklich interessant, wenn man das Gefühl hat, dass auf Teufel komm raus wirklich jeder Lebensaspekt problematisiert werden musste.
OT: „Ku’damm 77“
Land: Deutschland
Jahr: 2025
Regie: Maurice Hübner
Drehbuch: Annette Hess
Musik: Dascha Dauenhauer
Kamera: Michael Schreitel
Besetzung: Sonja Gerhardt, Claudia Michelsen, Maria Ehrich, Emilia Schüle, Carlotta Bähre, Marie Louise Albertine Becker, Massiamy Diaby, Sabin Tambrea, August Wittgenstein, Florian Stetter, Aziz Dyab
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