
Kilian Helmbrecht, sowohl Regisseur, Drehbuchautor, Kameramann als auch Protagonist dieses Dokumentarfilms, begibt sich auf die siebenmonatige Mission, als Vogelwart auf der sonst unbewohnten Düneninsel Scharhörn in der Helgoländer Bucht zu arbeiten. Dabei beobachtet und zählt er die dort ansässigen Vögel und hat ein Auge auf das immer wieder aufs Neue anschwemmende Treibgut, darunter Robben- und Vogelkarkassen. Kontakt zur Außenwelt hat er gemeinhin nur übers Mobiltelefon, weswegen er mit Im Licht der Sandbank versucht, seine Erfahrungen so nah und unverfälscht wie möglich darzubieten. Inmitten der Einsamkeit schwebt allerdings stets das Damoklesschwert des menschengemachten Klimawandels, und damit auch die Bedrohung der Existenz der kleinen Insel.
Der Alltag als Vogelwart
Kaum etwas ist idyllischer als das Meeresrauschen, die dazugehörige Brise, die vereinzelten Rufe der Möwen, all das an einem lauen, blauen Abend. Die natürliche Stille, den maritim-violetten Farbverlauf des Himmels durchbricht das Motorengeräusch des Traktors, dessen Tätigkeit das Publikum aus der Perspektive des Fahrers betrachtet. Es wrummt, es zurrt, es fährt, über Sandbänke, über die Nordsee, die optisch ihr Bestes abgibt. In diesem Cold Opening findet man sich gleich in der Arbeit Kilian Helmbrechts wieder, dessen Dasein als Quasi-Eremit, der nur noch von Naturgeräuschen umgeben ist, ab der ersten Sekunde spürbar wird. Kilian selbst ist erst 32, wählt sich als Feldornithologe dieses Leben selbst aus. Wie er weiterhin den Kontakt zu Freunden, selbst denen in Beirut, mit denen er auf Französisch spricht, hält? Natürlich übers Smartphone – ein Glück gibt es Empfang auf Scharhörn, ein in Deutschland nicht durchweg gegebenes Gut.
Der Film ist genauso langsam getaktet wie das Leben, das Kilian in diesen Monaten auf der Insel erlebt. Oftmals hört man mehrere Minuten lang hintereinander nichts, außer die Natur, die Geräusche der Vehikel, die Wellen, die gegen die Küste schlagen. Dies gibt einen netten, entschleunigten Einblick in die Tätigkeit als Vogelwart, lässt dennoch nach mehr verlangen – einen näheren Ablauf, tiefere Observationen der Vogelpopulation sowie der Probleme, die der Beruf, der Eingriff der Menschheit in die unberührte Wildnis, mit sich bringt. Der derzeit sehr populäre, fast schon jährlich automatisiert erscheinende Direct Cinema Ansatz einer jeder Dokumentation, die auf Festivals präsentiert wird, scheint bei Im Licht der Sandbank falsch zu sein, mindestens falsch umgesetzt.
Direkt, aber distanziert
Ja, die Kamera ist teilweise in erster Person angebracht, und somit so direkt wie möglich. Kilian Helmbrecht filmt sich selbst, filmt seine Umgebung, filmt seine Sichtweise, doch es fehlt etwas wie eine Narrative, eine Erzählstimme, die die gesamte Szenerie beisammenhält. Bei gelungener Umsetzung kann eine Dokumentation im Direct Cinema Stil Verbundenheit schaffen, Nähe erzeugen, Authentizität emulieren – bei solch einem Thema, das hauptsächlich auf wissenschaftlicher Basis erklärt werden sollte, schaffen die fehlende persönliche Ebene und die unzulänglich dargebrachten Fakten durch den gewählten Stil eher Distanz und Wissenslücken. Immer wieder werden durch Memos, die Kollegen an Kilian senden, die Bedrohung der Inselexistenz durch den Klimawandel geschildert, immer wieder werden Leichen von Robben und Vögeln gezeigt, die ans Land geschwemmt werden, und klar – somit kann die Problematik auch erklärt werden. Nichtsdestotrotz bleibt stets die Barriere zwischen zu inszeniert scheinendem Bild und der eigentlichen, uns alle betreffenden Thematik.
Die Sprachnachrichten wirken unauthentisch, schlicht zu Expositionszwecken eingesprochen; das Verhalten Kilians vor der Kamera wirkt auch so, als wüsste er (offensichtlich), dass er gerade vor einer Linse performen muss. Damit mindert sich nicht nur der Informationsgehalt, sondern auch der dokumentarische Charakter des Films, der „suspense of disbelief“, der in einer Dokumentation gar nicht vorhanden sein sollte, wenn die bare Realität wiedergegeben wird, dessen man sich allerdings dauernd bedienen muss, möchte man an Im Licht der Sandbank dranbleiben. Auch wenn das „Show, don’t tell“-Prinzip bereits seit mehreren Jahren Hochkonjunktur bei solchen Produktionen fährt, täte es einem Film wie diesem gut, aus dieser Formel auszubrechen; schließlich geht es um interspezifische Lebensrealitäten, um aussagekräftige Arbeiten für besondere Biotope, denen mit gut gemeinten, aber nicht so bedacht umgesetzten Werken ein Bärendienst erwiesen wird.
OT: „Im Licht der Sandbank“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Kilian Helmbrecht
Drehbuch: Kilian Helmbrecht
Musik: Alasdair Roberts, Robin Robertson
Kamera: Kilian Helmbrecht
Besetzung: Kilian Helmbrecht
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