„Hygge“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt
In einer nahen Zukunft, in der die Welt infolge des Klimawandels im Chaos versinkt und Ressourcen durch strikte Geburtenkontrolle gesichert werden, scheint das private Glück für das queere Paar Levi (Eva Marie Jost) und Minu (Bayan Leyla) unerreichbar. Ihr einziger Ausweg zum eigenen Kind führt über die Reality-TV-Show Hygge. Nach ihrer erfolgreichen Bewerbung ziehen sie auf eine idyllische Insel, auf der eine umzäunte Siedlung als pastellfarbenes Ersatzparadies inszeniert wird. Unter der Spielleitung von Marieke (Catrin Striebeck) sollen die Teilnehmenden dort „leben wie im Jahr 2025“. Doch hinter der Fassade aus Zimtschnecken und Hygge-Ästhetik verbergen sich rigide Regeln, die das Paar vor eine Zerreißprobe stellen. Während Minu sich dem System anpasst, gerät Levi zunehmend unter Druck: Sie soll künstlich befruchtet werden, das Kind austragen und sich dabei einer normierten Weiblichkeit unterwerfen – eine Kontrolle, die bis hin zur Regulierung ihres Äußeren reicht. Als Levi schließlich droht, ohne Minu zurückgeschickt zu werden, flieht sie hinter den Zaun. Dort trifft sie auf die Ausgestoßenen der Show, wie die über 45-jährige Xenia (Jenny Elvers) oder den Elektriker Joachim (André Hennicke), die die künstliche Welt nicht mehr loslässt, da sie ihnen einst Sinn versprach.
Reality-TV als Beruhigungsmittel
Mit Hygge feiern die Regisseurinnen Lena Fakler und Zarah Schrade beim Filmfestival Max Ophüls Preis 2026 ihre Weltpremiere im Langfilmformat. Ihre dystopische Grundidee verbinden sie mit einer deutlichen Medien- und Gesellschaftskritik: In einer zerstörten Realität fungiert Reality-TV als Beruhigungsmittel, als emotionales Sedativum für eine Bevölkerung, die von Unsicherheit, Verlust und Perspektivlosigkeit geprägt ist. Der nostalgische Rückzug in eine vermeintlich bessere Zeit wirkt dabei erschreckend plausibel – gerade weil er weniger als Science-Fiction denn als überspitzte Fortschreibung gegenwärtiger Trends erscheint. Die Inszenierung unterstreicht dies durch bewusste Überzeichnung: zu perfekte Häuser, künstlich fröhliche Farben und Mariekes dauerhaft überzuckertes Lächeln, hinter dem ein latentes Machtbewusstsein und autoritäre Kälte lauern.
In den sogenannten „Nestern“ müssen sich die Bewohnerinnen und Bewohner Hygges in absurden Wettbewerben messen, um Privilegien wie neue Möbel, bessere Wohnbedingungen oder symbolische Anerkennung zu erhalten. Diese Spiele fungieren als bitteres Abbild neoliberaler Logik, verpackt in das scheinbar harmlose Gewand der Gemütlichkeit. Leistung, Anpassung und Konkurrenz werden emotional aufgeladen und als persönliche Verantwortung verkauft.
So schlüssig dieses Konzept auf dem Papier ist, so ernüchternd bleibt jedoch die filmische Ausführung. Denn auf Spielfilmlänge nutzt sich die zentrale Idee spürbar ab. Hygge hätte vermutlich als kompakte Black Mirror-Episode besser funktioniert. Die dargestellte Welt bleibt zwar durchgehend unheimlich, erreicht jedoch weder die notwendige Schärfe für eine wirklich durchdringende Gesellschaftskritik noch die Konsequenz für echten Social Horror. Gleichzeitig fehlt es der Satire an Mut zur Eskalation: Die Absurdität wird angedeutet, aber selten radikal ausgespielt.
Zahme Kritik
Auch die angeschnittene Kritik an normativen Geschlechterrollen, Reproduktionszwang und queerer Anpassung bleibt zu oft auf der Behauptungsebene stehen. Zwar werden Machtstrukturen sichtbar gemacht, doch deren Auswirkungen werden nicht konsequent genug zugespitzt oder emotional verdichtet. Dies spiegelt sich auch im darstellerischen Ensemble wider: Während Catrin Striebeck als kontrollierende, manipulative Marieke überzeugt und Eva Marie Jost Levis innere Zerrissenheit und Entfremdung eindrucksvoll verkörpert, bleibt Bayan Leyla als Minu vergleichsweise blass. Zudem werfen einige narrative Entscheidungen Fragen auf, etwa warum die Bewohnerin Barbara weiterhin Teil der Show bleiben darf, obwohl alle anderen Teilnehmenden sie meiden und Levi sogar ein Kontaktverbot für sie erhält. Solche Unschärfen schwächen die innere Logik des Systems und untergraben stellenweise die Glaubwürdigkeit der dystopischen Welt.
Bemerkenswert bleibt dennoch der sichtbare Anspruch an Inklusion und Gleichstellung, der sich nicht nur in der Figurenkonstellation, sondern sogar im alphabetisch sortierten Abspann manifestiert. Hygge ist ein Film mit relevanten Fragen, starken Ansätzen und spürbarem politischem Willen – scheitert jedoch daran, seine eigene Radikalität wirklich auszuspielen. Zurück bleibt ein ästhetisch ansprechender, thematisch ambitionierter, aber letztlich zu vorsichtige Dystopie.
OT: „Hygge“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Lena Fakler, Zarah Schrade
Buch: Lena Fakler, Zarah Schrade
Musik: Vanessa Donnelly
Kamera: Antonia Pepita Giesler
Besetzung: Eva Maria Jost, Bayan Layla, Catrin Striebeck, Johanna Polley, Susanne Dorothea Schneider, Jenny Elvers, Andre Hennicke
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