
Im Tennisclub Lengenheide steht die Jahreshauptversammlung an. Unter der Führung des in die Jahre gekommenen Dauerclubpräsidenten Heribert (Hape Kerkeling) sind die Abstimmungen über die Tagesordnungspunkte lediglich Formsache. Auch die Entscheidung über die Anschaffung eines neuen modernen Grills ist vermeintlich schnell durchgewinkt, bis Melanie (Anja Knauer) überraschend Einwände hat. Sie gibt zu bedenken, dass es Muslimen verboten ist, halal(es) Fleisch neben beispielsweise Schweinefleisch zu grillen. Dementsprechend beantragt sie einen eigenen Grill für das einzige muslimische Mitglied des Clubs, ihren Doppelpartner Erol (Fahri Yardim). Während dieser weder einen eigenen Grill möchte, noch die Aufmerksamkeit rund um seine Person schätzt, beharren Miriam und ihr Mann Torsten (Christoph Maria Herbst) auf ihrer Vorstellung kultureller Inklusion, und die Grilldebatte eskaliert zu einem ausufernden Streitgespräch, bis schließlich die ganze Existenz des Tennisclubs Lengenheide bedroht ist.
Theater im Tennisclub
Mit ihrer Idee für Extrawurst eroberten die beiden Drehbuchautoren Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob bereits 2019 die Theaterbühnen. Nun wurde ihr Material in Zusammenarbeit mit Regisseur Marcus H. Rosenmüller und einem stargespickten Ensemble für die große Leinwand erweitert.
Relevanz ohne Erkenntnisgewinn
Thematisch bleibt die gesellschaftliche Realsatire von 2019 auch sieben Jahre später relevant. Extrawurst ist der Versuch, seinen Zuschauern stellvertretend für die Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Obgleich die Figuren charakterlich karikiert wirken, spiegeln sich in ihrem Verhalten reale Haltungen wider. Melanies Versuch von Toleranz und ihr Einstehen für eine vermeintliche Minderheit mutiert zu kultureller Aneignung. Heribert entspricht dem Klischee des „alten weißen Mannes“ durch sein konservatives Weltbild mit chauvinistischem und rassistischem Unterton, das auch bei übrigen männlichen Diskussionsteilnehmern zunehmend zum Vorschein kommt. Erol als türkischstämmiger Gegenpol ist nicht nur bereits jahrelang in Deutschland, sondern unterscheidet sich abseits seines religiös bedingten Verzichts auf Schweinefleisch kulturell nicht von seinen Vereinskollegen. Wie bereits in Polanskis Der Gott des Gemetzels ist es ein gut gemeintes Gespräch, hier ein Einwand, der in eine Grundsatzdebatte ausartet.
Auch 2026 stellt Extrawurst trotz satirischer Überzeichnung einen adäquaten Spiegel gesellschaftlicher Realität dar. Durch die hohe humoristische Dichte wird eine breite Zielgruppe an Kinogängern bedient. Thematische Tiefe oder echte Gesellschaftskritik lässt Extrawurst allerdings schmerzlich vermissen. Die andauernde Aktualität nach sieben Jahren seit der Uraufführung des Theaterstücks zeigt, der Diskurs ist dauerpräsent und festgefahren. Eine Welt, die Diversität heuchelt, mag insgeheim weniger tolerant sein als dargestellt, Extrawurst liefert aber neben der Darstellung aktueller gesellschaftlicher Muster keinerlei neue soziologische Einblicke. Stattdessen dreht sich die Handlung parallel zur öffentlichen Debatte im Kreis. Inhaltlich nutzt sich der Film bereits in seiner ersten Hälfte ab und verliert sich in inhaltlicher Redundanz und gelegentlicher Situationskomik.
Das mag der Realsituation dieser Debatte entsprechen, liefert aber spätestens nach der ersten Stunde keinen unterhaltungstechnischen Mehrwert mehr. Als Komödie ist Extrawurst zu nah am echten Leben, um Realitätsflucht zu sein und gleichzeitig zu relevant, um lediglich belächelt zu werden. Auch bezieht der Film keine klare Position, kann aber bei genauerem Hinsehen zum kritischen Hinterfragen der eigenen Wertvorstellung einladen. Nach einem ermüdenden Mittelteil rettet sich Extrawurst lediglich durch die exzellente schauspielerische Leistung des Ensembles in ein zu übertriebenes sowie vorhersehbares Finale.
Bühne im Kinoformat
Die Übertragung des Bühnenstücks auf die Kinoleinwand funktioniert weitgehend gut. Zwar passen überspitzte Theatralik und die Szenerie eines Kammerspiels besser auf die Bühne, Extrawurst schafft es dennoch, den Theaterflair filmisch zu transportieren. Das gesamte Ensemble spielt exzellent und schafft es dadurch, die inspirationslose, repetitive Handlung teilweise auszugleichen. Besonders Hape Kerkelings Heribert reflektiert eine gutherzige Verschrobenheit, die viele andere seiner Charaktere auszeichnet. Extrawurst lebt einzig von der Dynamik der Figuren, besonders der vier Hauptdarsteller, deren offensichtliche Spielfreude auf die Zuschauer abfärbt.
OT: „Extrawurst“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Marcus H. Rosenmüller
Drehbuch: Dietmar Jacobs, Moritz Netenjakob
Vorlage: Dietmar Jacobs, Moritz Netenjakob
Musik: Gerd Baumann
Kamera: Daniel Gottschalk
Besetzung: Hape Kerkeling, Christoph Maria Herbst, Fahri Yardim, Friedrich Mücke, Anja Knauer, Gaby Dohm
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