Bon Voyage – Bis hierher und noch weiter (Kinostart: 1. Januar 2026) erzählt von einer besonderen Reise: Die 80-jährige Marie (Hélène Vincent) will in die Schweiz, um dort Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Sohn Bruno (David Ayala) und Enkelin Anna (Juliette Gasquet), die sie auf dieser Reise begleiten, dürfen von dem Ziel aber nichts wissen – im Gegensatz zu Pfleger Rudy (Pierre Lottin), dem Vierten im Bunde. Mit der Zeit kommen sich die vier aber näher und fangen an, auch die schweren Themen hervorzukramen. Wir haben uns mit Regisseurin und Co-Autorin Enya Baroux während der Französischen Filmwoche 2025 unterhalten. Im Interview spricht sie über selbstbestimmtes Sterben, den Umgang mit Tod und wohin ihre letzte Reise gehen sollte.
Kannst du uns etwas über die Entstehungsgeschichte von Bon Voyage verraten? Wie bist du auf die Idee gekommen?
Ich wollte einen Film über meine Großmutter machen, zu der ich ein sehr enges Verhältnis hatte. Als ich noch jung war, wurde sie sehr krank und ich fing an, mich um sie zu kümmern. Nach ihrem Tod wollte ich an sie erinnern, wusste aber noch nicht genau, was ich eigentlich erzählen will. Ich entschloss mich dann, über ihr Ende zu sprechen. Sie war eine sehr lustige und unabhängige Frau. Doch als sie so schwer krank war, ging das alles verloren und sie war kaum mehr wiederzuerkennen. Ich wollte einen Film drehen, in dem ich das berichtige und ihr das Ende gebe, das sie verdient hat. Ein Ende, bei dem sie selbst noch die Kontrolle hat und entscheiden kann.
War es nicht schwierig, eine so persönliche Geschichte zu erzählen?
Ja, das war es. Besonders am Anfang, weil meine Großmutter da gerade erst gestorben war und ich viel an sie denken musste. Damals habe ich sehr viel geweint. Gleichzeitig hat es mir aber auch viel Freude bereitet und mir geholfen, mich mit meiner Trauer auseinanderzusetzen. Bon Voyage war ja auch ein sehr langes Projekt, vom ersten Schreiben bis zum fertigen Film sind mehrere Jahre vergangen, während der ich jeden Tag an sie gedacht habe.
Hat sich deine Einstellung zum Tod während dieser langen Zeit verändert?
Tatsächlich habe ich jetzt mehr Angst davor. Der Tod ist ein sehr einsamer Moment und kann sehr hart sein für die Familien und für dich selbst. Aber ich habe auch eine Art Frieden gefunden.
Glaubst du, dass man lernen kann, einen anderen Menschen gehen zu lassen? Dein Film handelt ja nicht nur davon, selbst zu gehen, sondern auch verlassen zu werden.
Du musst es lernen, weil du nicht drumherum kommst, dich irgendwann von jemandem verabschieden zu müssen. Natürlich ist das sehr schwierig. Aber du kannst einen anderen Menschen nicht zwingen zu bleiben, wenn er gehen möchte.
Es gibt eine Reihe anderer Filme, in denen die Hauptfigur in die Schweiz oder nach Belgien fahren, um dort Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Dabei handelt es sich aber fast immer um Dramen. Warum hast du eine Komödie aus diesem Stoff gemacht?
Das Thema ist sehr hart und traurig. Meine Großmutter brachte mir bei, über alles lachen zu können, selbst die schwierigsten Sachen. Deswegen wollte ich auch bei meinem Film, dass Komik drin ist. Ich liebe es, ins Kino zu gehen und dort gleichzeitig zu lachen und zu weinen. Mein Ziel war es, dass es dem Publikum auch so geht und sich mit dem Thema beschäftigt, auch wenn es so schwierig ist.
Denkst du, dass deine Großmutter selbst Sterbehilfe gewählt hätte?
Das denke ich schon, ja. Wir haben oft über das Thema gesprochen und sie war sehr dafür. Am Ende wurde sie aber so sehr von der Krankheit eingenommen, dass sie nicht mehr selbst entscheiden konnte. Sie hatte nicht mehr die Zeit und die Möglichkeit, etwas zu machen. Leider wird in Frankreich auch kaum über das Thema gesprochen. Das war ein weiterer Grund für mich, diesen Film zu machen: Das ist bei uns ein großes Tabuthema, obwohl es keins sein sollte.
Du bist also dafür, Sterbehilfe in Frankreich zu legalisieren.
Natürlich! Niemand darf von dir verlangen, dass du leidest im Alter oder wenn du krank bist. Es war wirklich schwierig für mich, meine Großmutter, die ihr Leben lang unabhängig war, so zu sehen. Deswegen sollten wir Sterbehilfe legalisieren, um alten und kranken Menschen Frieden zu ermöglichen.
Ein Gegenargument bei Sterbehilfe ist, dass die Menschen sich vielleicht dazu verpflichtet fühlen, Selbstmord zu begehen, weil sie anderen keine Last sein wollen. Wir hatten in Deutschland dieses Jahr auch die Diskussion, dass man keine kostspieligen Behandlungen bei alten Menschen haben sollte, weil diese sowieso bald sterben.
Das ist aber eine furchtbare Weise, das Leben zu betrachten. Wir haben solche Diskussionen natürlich auch in Frankreich, wenn es heißt, dass es zu kostspielig ist, sie in den Heimen zu versorgen. Viele können es sich nicht leisten, im Alter in ein gutes Heim zu gehen. Der Ansatz kann dann aber nicht sein, dass wir die Alten loswerden. Das ist eine sehr selbstsüchtige Position. Wir müssen dafür einfach mehr Geld zur Verfügung stellen. Die Alten haben uns so viel zu zeigen und zu erzählen. Das müssen wir bewahren.
Ein weiteres Problem bei der Sterbehilfe ist, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Du willst auf der einen Seite das angehen, solang du noch stark genug bist. Gleichzeitig willst du aber auch nicht zu früh gehen, wenn du noch ein gutes Leben vor dir hättest.
Das stimmt. Wahrscheinlich gibt es nie den wirklich richtigen Zeitpunkt. Es kommt auch immer wieder vor, dass Leute, die in der Schweiz oder in Belgien einen Termin festgelegt haben, es sich an dem Tag noch einmal anders überlegen. Zumindest aber haben sie sich mit dem Thema auseinandergesetzt und sie wissen, dass sie es tun können, wenn ihr Leben eine zu große Qual geworden sein sollte. Und sie wissen, dass da draußen Menschen sind, die ihnen helfen können.
Eine weitere Schwierigkeit in dieser Situation ist, dass du unweigerlich anderen Menschen wehtust, wenn du dir das Leben nimmst. Das sieht man auch in deinem Film, wenn sich die Protagonistin damit schwertut, mit ihrer Familie zu sprechen. Wie findet man die Balance aus Selbstbestimmung und der Verantwortung für andere?
Die Lösung kannst du nur in den Gesprächen finden. Das ist es auch, was ich in meinem Film zeigen wollte. Wenn man nicht miteinander spricht, kann niemand einander verstehen. Deswegen meinte ich, dass wir dieses Tabu brechen müssen. Wir müssen einen Weg finden, über den Tod zu sprechen, über Krankheit, aber auch Erbschaften. All die Sachen, vor denen wir uns drücken. Dabei wäre es so wichtig, dass wir uns darüber austauschen, damit wir vorbereitet sind, wenn der Moment eintritt. Marie wartet zu lang, bis sie ihren Sohn einweiht. Und es ist auch ein denkbar schlechter Moment, als sie es tut. Dennoch ist es wichtig, weil er nur so verstehen kann, warum sie das tut. Zumindest müssen sie versuchen, sich zu verständigen. Und wenn das gar nicht geht, kann es auch sein, dass du selbstsüchtig sein musst.
Je nach Kultur wird sehr unterschiedlich mit dem Thema Tod umgegangen. Du hast bereits gesagt, dass er in Frankreich ein Tabuthema ist. Was kann Frankreich von anderen Ländern lernen?
Sehr viel! In Frankreich haben wir dieses katholische Erbe, welches den Tod als etwas sehr Kaltes ansieht. Bei Begräbnissen hast du keinerlei Freude. Deswegen habe ich in meinem Film auch die Roma-Gemeinschaft eingeführt. Ich hatte tatsächlich welche kennengelernt, kurz nach dem Tod meiner Großmutter. Ich war damals so traurig und habe ihnen erzählt, wie das alles abgelaufen ist. Von ihnen habe ich gelernt, dass das alles ganz anders gehen kann. Dort stirbst du nicht einsam in einem Krankenhaus. Das wäre undenkbar. Man kümmert sich dort bis zuletzt um dich. Und am Ende wird das Auto angezündet und gefeiert. Dort wird das Leben gefeiert, selbst während des Todes.
Dein Film ist einerseits eine Tragikomödie, gleichzeitig aber auch ein Roadmovie über die letzte gemeinsame Reise einer Familie. Wenn du dich für eine letzte Reise entscheiden müsstest, wohin würde diese gehen?
Das ist eine gute Frage. Ich glaube, ich würde an den Strand in der Normandie fahren, weil das der Ort ist, an den mich meine Großmutter mitgenommen hat, als ich noch ein Kind war. Meine Großeltern wurden in der Normandie geboren und wir haben dort auch die Asche meiner Großmutter verteilt. Für mich ist das ein richtiger Marcel-Proust-Ort.
Vielen Dank für das Interview!
(Anzeige)

