
Omar A. Alqam (Motaz Malhees) arbeitet in der Notrufzentrale des Palästinensischen Roten Halbmondes und versucht dort mit seinen Kollegen und Kolleginnen, den notleidenden Menschen in Gaza beizustehen. Immer wieder nehmen sie Anrufe entgegen, suchen nach Lösungen und organisieren Rettungsmaßnahmen. So auch am 29. Januar 2024, als sie mit der sechsjährigen Hind Rajab telefonieren. Diese war mit Onkel, Tante und deren Kindern auf der Flucht, als sie von der israelischen Armee unter Beschuss genommen wurden. Dabei wurden bis auf sie alle getötet. Seither kauert sie in dem Auto und fürchtet um ihr Leben. Omar und Rana Hassan Faqih (Saja Kilani) setzen alles daran, einen Rettungswagen dorthin zu schicken. Doch das ist nicht so einfach, da damit auch das Leben der Sanitäter auf Spiel gesetzt würde …
Drama nach einer wahren Geschichte
Kaum ein Ereignis hat die Menschen in den letzten Jahren derart entzweit und emotionalisiert wie der Gaza-Krieg, bei dem Zehntausende getötet wurden – ein Großteil davon Zivilisten. Insofern ist zu erwarten, dass in den kommenden Jahren zahlreiche Filme erscheinen werden, die von den Tragödien und dem Unrecht berichten werden. Zumal sich der Wind da gedreht hat. War die Auszeichnung des Dokumentarfilms No Other Land, der die Menschenrechtsverletzungen des israelischen Militärs im Westjordanland festhielt, noch mit einem Skandal verbunden, blieb dieser bei Die Stimme von Hind Rajab aus. Dabei erhielt dieser 2025 bei den Filmfestspielen von Venedig, wo der Film im Wettbewerb Weltpremiere hatte, den Großen Preis der Jury – der zweitwichtigste Preis des Festivals.
Wobei dem Film sicherlich geholfen hat, dass er eine wahre Geschichte erzählt, die durch die Medien schon vorher bekannt geworden war. Das Schicksal des Mädchens Hind Rajab, das in einem Auto eingeschlossen war und von der israelischen Armee beschossen wurde, ging um die Welt. Regisseurin und Drehbuchautorin Kaouther Ben Hania (Olfas Töchter, Der Mann, der seine Haut verkaufte) hält sich auch eng an die realen Ereignisse. Mehr noch, sie verwendet die Original-Aufnahmen aus dem damaligen Telefongespräch, was der Film auch klar ankündigt. Die Stimme von Hind Rajab wechselt auf diese Weise zwischen Spielfilm und Dokumentarfilm. Das ist etwas gewöhnungsbedürftig, aber effektiv, da man auf diese Weise ständig daran erinnert wird: Das ist alles real.
Effektiver Wechsel zwischen Spielfilm und Dokumentation
Dabei verzichtet die tunesische Regisseurin darauf, die Gewalt selbst zu zeigen. Die setzt sich nur in dem Kopf des Publikums zusammen. Stattdessen spielt der komplette Film in der Notrufzentrale. Das macht Vergleich zu The Guilty naheliegend, wo wir aus der Sicht eines Polizisten in dieser Zentrale miterleben, wie eine Frau entführt wurde. Wo der dänische Thriller aber mit der Ungewissheit spielte, was geschehen wird, da ist der Ausgang bei Die Stimme von Hind Rajab bekannt. Ähnlich spannend wird es also nicht, zumindest nicht bei Zuschauern und Zuschauerinnen, die mit der Geschichte vertraut sind. Es gibt auch keine vergleichbaren Wendungen, die tunesisch-französische Produktion dreht sich vielmehr im Kreis, wenn nach einem Weg gesucht wird, das Mädchen zu retten, aber das Team machtlos ist.
Das ist alles nicht sonderlich subtil in der Kritik an dem israelischen Vorgehen. Kontexte werden auch nicht gegeben, man konzentriert sich allein auf diesen einen Vorfall und setzt dabei auf eine maximale Emotionalisierung. Dieser kann man sich aber nur schwer entziehen. Wenn ein kleines Mädchen zwischen ihrer toten Familie kauert und von Panzern beschossen ist, ist es fast unmöglich, nicht selbst erschüttert zu sein. Das macht Die Stimme von Hind Rajab zu einem nur schwer erträglichen Werk, das einen zwangsläufig sprachlos und wütend zurücklässt. Zur Debatte, wie sich die Krisen und Konflikte lösen lassen, hat der Film zwar nichts beizutragen. Aber er erinnert doch daran, was es heißt, Opfer in einem solchen Krieg zu sein, und macht aus dem titelgebenden Mädchen einen Menschen, der als Symbol für den Schmerz und die Verluste dient. Eine Stimme für diejenigen, die keine hatten.
OT: „Sawt Hind Rajab“
IT: „The Voice of Hind Rajab“
Land: Tunesien, Frankreich
Jahr: 2025
Regie: Kaouther Ben Hania
Drehbuch: Kaouther Ben Hania
Musik: Amine Bouhafa
Kamera: Juan Sarmiento G.
Besetzung: Saja Kilani, Motaz Malhees, Clara Khoury, Amer Hlehel
Venedig 2025
Toronto International Film Festival 2025
Zurich Film Festival 2025
San Sebastian 2025
BFI London Film Festival 2025
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