
Zur gleichen Zeit, als Regisseurin Jola Wieczorek schwanger wird, erkrankt ihre Mutter allmählich an Demenz. Um einerseits die Erinnerungen der Familie über deren Geschichte, vor allem deren Flucht aus Polen nach Österreich im Jahre 1989, zu konservieren, andererseits der Nachfolgegeneration einen kohärenten Überblick über Migration und Verwandtschaft zu bieten, fängt Wieczorek an, alte Fotoalben und Erzählungen zu rekonstruieren. Im vorliegenden Essayfilm, der beim Max Ophüls Preis 2026 seine Uraufführung feierte, wird ein Mixed-Media-Ansatz verwendet, um die Spuren sichtbar zu machen, die auf dem Weg zwischen Road Movie und zutiefst persönlicher Lebenshistorie verstreut sind.
Informationen über slawische Migration
Postkarten, Fotos und Briefe der Eltern bieten die Grundlage, auf der Jola Wieczorek diese komplexe, tumultuöse Phase ihrer Familiengeschichte seziert, erforscht und schließlich neu zusammenfügt, um Klarheit für sie selbst und vor allem für ihr Kind zu schaffen. In nachgestellten Aufnahmen, die wirken, als wären sie im Home-Video-Stil vor fast 30 Jahren festgehalten wurden, machen sowohl sie selbst als auch das Publikum eine Zeitreise mit, die für sämtliche Menschen mit Einwanderungshistorie, vor allem aus Osteuropa, nur allzu nachvollziehbar ist. Die Regisseurin beschreibt, welche Gründe die Familie zwangen, aus Polen nach Österreich überzusiedeln, kurz bevor der realsozialistische Ostblock zusammenbrach, und warum sie im Alpenland blieben, obwohl dies eigentlich nur als Zwischenstopp nach Kanada oder Australien geplant war, wohin viele polnische Zeitgenoss*innen zogen.
Mit viel Fingerspitzengefühl und einem stimmungsvollen, passenden Pacing bringt Wieczorek ihre eigene Spurensuche auf die Leinwand und kreiert eine Dokumentation, die zwar aufgrund ihres multimedialen Stils in den Zeitgeist passt, jedoch endlich mal nicht ausschließlich im Direct Cinema Format gefilmt wurde, sondern sich traditioneller Techniken bedient wie Sit-down Interviews und einem ruhigen, informativen Overvoice. Diese Kniffe können (in diesem Kontext) gleich viel mehr vermitteln, viel mehr zur damaligen Lebensrealität erzählen, viel besseres Verständnis für die Umstände liefern, denen die Familie damals ausgesetzt war. Denn neben der persönlichen Erzählungen werden viele Informationen über Probleme sowohl in Polen als auch in Österreich dargestellt.
Persönliche Spurensuche, gesellschaftlich relevant
So repressiv der Alltag im sozialistischen Polen war, so desillusionierend war die Ankunft in Österreich, das man sich zuerst als fröhlich, frei und willkommen heißend vorgestellt hatte. Doch dann stand die Familie vor dem Geflüchtetenlager in Traiskirchen, das erstmal keine rosige Aussicht bot. Kapitalistische Versprechungen sind für Menschen, die es nicht anders kennen, zuerst bunt und traumhaft, die Realität ist meist eine schwerere; die Wirtschaft funktioniert anders, die Gesellschaft ist individualistisch statt kollektivistisch, man ist mehr oder weniger innerhalb der ganzen Behördenquerelen auf sich allein gestellt, eine neue Sprache muss gelernt werden.
So steht man als Migrant*in in vielen Fällen zwangsweise vor einer kleineren oder größeren Identitätskrise, vor allem, wenn man in einem anderen Land aufwächst als in dem man geboren wurde. Zwischen zwei Ländern, zwei Kulturen, zwei Sprachen ist es mühsam, sich eine eigene Identität aufzubauen, geschweige denn sich irgendwo wirklich dazugehörig zu fühlen. In dem Fall ist man nie ganz polnisch, nie ganz österreichisch, weswegen es umso wichtiger ist, Verbindungen zwischen den jeweiligen Lebensetappen zu schaffen, um irgendwie, irgendwann auch seelisch anzukommen. Manchmal bleibt die Identität ein Leben lang liminal, doch solange die Erinnerungen der Eltern und Großeltern nicht vergessen werden, steht den nachfolgenden Generationen ein Anhaltspunkt zur Verfügung, an dem sie sich auf der Suche nach sich selbst entlanghangeln können.
OT: „Die noch unbekannten Tage“
Land: Österreich
Jahr: 2026
Regie: Jola Wieczorek
Drehbuch: Jola Wieczorek
Musik: Dorit Chrysler
Kamera: Serafin Spitzer, Klemens Koscher
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