„Der tote Winkel der Wahrnehmung“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt
Wien, 1996. Unter den Beweisstücken im Vermisstenfall „Flora“ befinden sich zwei Mini-DV-Videotapes. Auf ihnen sieht man das Rohmaterial der geplanten Dokumentation „Zeugen außergewöhnlicher Phänomene“, mit der sich Alina (Anna Rieser) und Flora (Julia Posch), Studentinnen der TU Wien, an der Filmhochschule bewerben wollen. Alina interviewt darin vor der Kamera Menschen, die angeblich Kontakt mit Außerirdischen hatten oder andere paranormale Begegnungen erlebt haben. Da ist der spirituelle Tierkommunikator Hubert (Hannes Bickel), der über sein Pferd womöglich mit Aliens spricht. Da ist Jonas (Jakob Egger), ein kiffender Aluhutträger, der einen Mottenmann gesehen haben will. Über ihn stoßen die beiden auch auf die Verschwörungstheorie der Echsenmenschen, wie sie der Autor Gernot Eschberger (Philipp Hauß) in seinem Buch Der tote Winkel der Wahrnehmung beschreibt. Was als ironisch-distanzierte Recherche beginnt, kippt allmählich. Je weiter Alina und Flora graben, desto schlüssiger erscheint selbst den skeptischen Studentinnen die Idee, dass eine Hybridisierung der menschlichen Rasse durch außerirdische Reptiloiden im Gange sein könnte.
Innovativ
Der tote Winkel der Wahrnehmung ist nicht nur der Titel dieses fiktiven Buches, sondern auch der des Spielfilmdebüts von Michael Gülzow, uraufgeführt bei der letztjährigen Diagonale in Graz und dort mit dem Preis für den innovativsten Film ausgezeichnet, nun im Wettbewerb des Filmfestival Max Ophüls Preis 2026 zu sehen. Und innovativ ist dieser Film tatsächlich. Gülzow, der bei Constanze Ruhm und Harun Farocki Medienkunst und Experimentalfilm studierte, mixt Mockumentary, Found Footage und Archivmaterial so selbstverständlich, dass man bald vergisst, was hier inszeniert und was vorgefunden ist. Er greift auf echtes Fernsehmaterial zurück, manipuliert es aber teilweise: Man sieht Eschberger als Gast in der Talkshow Arabella, oder Alina taucht plötzlich in realen TV-Aufnahmen vom Brand der Wiener Hofburg auf – ein Ereignis, das Gülzow um vier Jahre nach hinten datiert, um zu demonstrieren, wie leicht sich Geschichte verschieben lässt, wenn niemand mehr genau weiß, wann etwas wirklich geschah.
Die künstlich eingearbeiteten Bildfehler, Drop-outs und Tonartefakte der angeblichen Mini-DV-Tapes verleihen dem Ganzen eine irritierende Authentizität. Auch die subjektive, manchmal fahrige Kameraführung – das meiste stammt aus Floras Perspektive – verstärkt den Eindruck, man sehe hier tatsächlich nur unfertiges Rohmaterial, also nicht den fertigen Film der beiden, sondern seinen Entstehungsprozess. Dass die Handlung im Jahr 1996 angesiedelt ist, erweist sich als kluger Kunstgriff. Das Internet steckt noch in den Kinderschuhen, Verschwörungserzählungen zirkulieren zwar schon, aber langsam, in Nischen. Akte X läuft im Fernsehen, und im Autoradio hört man immer wieder Jörg Haider – ein leiser, aber deutlicher Hinweis darauf, wie sich zur gleichen Zeit rechtspopulistische Rhetorik und verschwörungsideologische Denkmuster ihren Weg in den Mainstream bahnen.
Medienkritik
Gülzow interessiert sich dabei weniger für die Frage, ob Echsenmenschen die Welt regieren, als dafür, wie solche Verschwörungserzählungen überhaupt funktionieren. Der Film zeigt mit entwaffnender Klarheit, wie schwache Indizien durch geschickte Montage zu scheinbar unwiderlegbaren Beweisen werden – und wie Gegenargumente im selben Atemzug als Teil einer großen Vertuschung umgedeutet werden können. In diesem Sinn ist Der tote Winkel der Wahrnehmung ebenso ein medienkritischer wie ein politischer Film: eine Studie darüber, wie leicht sich Wahrnehmung steuern lässt, wenn Form und Kontext stimmen. Dass er dabei zugleich eine augenzwinkernde Hommage an The Blair Witch Project ist, ohne je voll ins Horrorgenre abzurutschen, und gleichzeitig viele popkulturelle Anspielungen bietet, macht seinen Reiz nur größer. Michael Gülzow ist ein kluger Film gelungen, der gleichzeitig noch spannend unterhält und noch dazu mit einem schlüssigen Ende aufwartet. Auch wenn die vielleicht wichtigste Frage des Films unbeantwortet bleibt: Was passiert eigentlich wenn man alle Folgen der Serie Alf gleichzeitig abspielt?
OT: „Der tote Winkel der Wahrnehmung“
Land: Österreich
Jahr: 2025
Regie: Michael Gülzow
Buch: Michael Gülzow
Kamera: Arthur Summereder
Besetzung: Anna Rieser, Julia Posch, Hannes Bickel, Jakob Egger, Anke Zillich, Philipp Hauß, Ina Jaich, Veronika Zellner
SLASH 2025
Max Ophüls Preis 2026
Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.
(Anzeige)



