
Als der US-Seemann Philip Gale (Horst Buchholz) beim Landgang in Antwerpen auf der Suche nach dem schnellen Spaß ist, wird er das schon bald bereuen. Nicht nur, dass ihm sein Geld gestohlen wird. Auch seine Papiere sind seither verschwunden. Ohne diese hat er jedoch keine Chance, eine anständige Arbeit zu bekommen, kein Schiff will ihn an Bord nehmen. Da sein Versuch, über das Konsulat neue Papiere zu bekommen, nicht den erwünschten Erfolg mit sich bringt, beschließt er, weiter nach Marseille zu reisen, wo er sich erhofft, leichter Arbeit zu finden. Zunächst hat er in der französischen Hafenstadt ebenso wenig Erfolg. Dann lernt er jedoch den Seemann Stanislaw Lawski (Mario Adorf) kennen, der ihm einen Platz auf der Yorikke verspricht, die tatsächlich auf dem Weg nach Boston sein soll. Gale ist skeptisch, zumal das Schiff ein fahrender Schrotthaufen ist und etwas nicht zu stimmen scheint. Dennoch willigt er ein und muss bald feststellen, dass seine Ahnung richtig war …
Verloren ohne Identität
Eigentlich sollte man ja meinen, dass die Identität eines Menschen etwas ist, das in einem ruht. Tatsächlich sind es aber oft äußere Faktoren, die bestimmen, wer man selbst ist. Das ist ein interessantes und dankbares Thema für Filme. In Stiller beharrt ein Mann darauf, ein völliger anderer zu sein, wird aber von dem Umfeld kontinuierlich darauf reduziert, der titelgebende Bildhauer zu sein. So sehr er auch das Gegenteil zu beweisen versucht, er ist der Gefangene der anderen. Bei dem bereits 1959 veröffentlichten Das Totenschiff würde sich der Protagonist hingegen wünschen, überhaupt jemand zu sein. Denn ohne Papiere gibt es keine Beweise. Er existiert praktisch gar nicht, obwohl er da ist, da er erst durch andere zu einem Individuum wird.
Das klingt ein wenig verkopft. Tatsächlich war der zugrundeliegende, bereits 1926 veröffentlichte Roman von B. Traven (Der Schatz der Sierra Madre) durchaus auch eine philosophische Beschäftigung mit der Identitätsfrage. Regisseur Georg Tressler nimmt dieses Szenario aber lediglich zum Anlass, um seinen Protagonisten auf diese gefährliche Odyssee zu schicken. So ist Das Totenschiff zunächst zwar ein Drama, wenn Gale umherirrt. Auch die Begegnung mit Mylène (Elke Sommer) geht in diese Richtung, wenn die beiden Gefühle füreinander entwickeln. Aber das hält nicht lang. Auch wenn die Credits auf dem Artwork dies vermuten lassen, spielt die Französin für die Geschichte keine wirkliche Rolle. Man hätte sie sogar mehr oder weniger streichen können, ohne dass dies nennenswerte Auswirkungen auf den Film gehabt hätte.
Bitteres Abenteuer
Der eigentliche Schwerpunkt ist dann doch der Abenteuerpart, wenn es einmal auf das titelgebende Schiff geht. Der Film lässt dabei keinen Zweifel daran, dass mit diesem irgendetwas nicht stimmt, zumal der Kapitän (Alf Marholm) reichlich dubios ist. Was genau das ist, bleibt jedoch zunächst offen, was Das Totenschiff einen leichten Mysteryfaktor verleiht. Mit der Zeit weicht dieses Rätselraten aber einem stärkeren Actionanteil, wenn die Fahrt zu einem Überlebenskampf wird. Anders als bei Katastrophenfilmen wie dem Klassiker Die Höllenfahrt der Poseidon, wo man recht gut vorhersagen kann, wie es weitergeht und wen es erwischen wird, da ist das hier tatsächlich offen. Dadurch darf man wirklich bis zum Schluss mitfiebern.
Letzterer hat es dann auch in sich. Ohne vorwegnehmen zu wollen, was genau dann alles geschieht, ist das schon harter Stoff, wie man ihn heute wohl kaum mehr sehen würde. Das Totenschiff ist ein bitteres Werk, das einem auch wenig Anlass für Optimismus gibt. Nur hin und wieder gibt es hier mal einen leichten Hoffnungsschimmer. Ansonsten ist das ein Abenteuer, das erst langsam, später immer schnell in Richtung Abgrund rast. Der Vorlage mag das nicht gerecht werden, die gesellschaftskritische Note war im Original stärker ausgeprägt. Für sich genommen ist das aber ein spannender Film, der auch Jahrzehnte später noch gut funktioniert.
OT: „Das Totenschiff“
Land: Deutschland, Mexiko
Jahr: 1959
Regie: Georg Tressler
Drehbuch: Hans Jacoby
Vorlage: B. Traven
Musik: Roland Kovac
Kamera: Heinz Pehlke
Besetzung: Horst Buchholz, Mario Adorf, Helmut Schmid, Elke Sommer, Alf Marholm, Werner Buttler, Dieter von Keil, Panos Papadopulos
Amazon (DVD „Das Totenschiff“)
Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.
(Anzeige)





