Coexistence My Ass
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Coexistence, My Ass

Coexistence My Ass
„Coexistence, My Ass“ // Deutschland-Start: 5. Februar 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Noam Shuster-Eliassi stand schon früh im Rampenlicht. Mit acht Jahren überreichte sie Hillary Clinton einen Blumenstrauß, zwei Jahre später begegnete sie Jane Fonda. Beide besuchten das Dorf, in dem Shuster aufwuchs: Neve Shalom, auf Arabisch Wahat al-Salam – ein einzigartiger Ort in Israel, in dem jüdische und palästinensisch-israelische Menschen gemeinsam leben. Diese „Oase des Friedens“ galt lange als gelebte Vision einer möglichen Koexistenz zwischen Jüdinnen und Juden sowie Musliminnen und Muslimen. Eine Vision, die Shuster, Tochter einer iranischen Jüdin und eines rumänischen Juden, nachhaltig geprägt hat.

Sie wurde Friedensaktivistin, arbeitete sich bis zur Co-Direktorin der von der UNO gegründeten Organisation Interpeace hoch – bevor sie sich überraschend der Comedy zuwandte. Für ihr Stand-up erhielt sie sogar ein Stipendium in Harvard. Coexistence, My Ass heißt nicht nur ihr Bühnenprogramm, sondern auch das Filmporträt, das die Regisseurin Amber Fares über sie gedreht hat.

Zeit der Umbrüche

Fares begleitet Shuster über fünf Jahre hinweg – von 2019 bis 2024. Es ist eine Zeitspanne, die kaum dichter mit politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen gefüllt sein könnte: Shusters erste Schritte als Comedienne, die Covid-Pandemie, der Terroranschlag der Hamas am 7. Oktober 2023 und die darauffolgende militärische Offensive Israels im Gazastreifen. Der Film versteht sich damit nicht nur als Porträt einer außergewöhnlichen Frau, sondern auch als Momentaufnahme des Nahostkonflikts. Er macht deutlich: Das Private ist politisch – besonders, wenn man in einer sogenannten Krisenregion lebt.

Formal setzt Fares auf eine Mischung unterschiedlicher Materialtypen. Immer wieder sieht man Shuster auf der Bühne, wie sie Auszüge aus ihrem Programm spielt – offenbar die aktuellsten Aufnahmen des Films. Diese Stand-up-Szenen werden jedoch nie am Stück gezeigt, sondern mit dokumentarischem Material verwoben. Erzählt Shuster von ihrem Werdegang, folgen Archivaufnahmen; spricht sie über ihre Familie, sieht man sie im familiären Umfeld. Anfangs funktioniert dieser schnelle Wechsel zwischen Bühne und Dokumentation gut, verleiht dem Film Rhythmus und Leichtigkeit.

Verschiebung des Fokus

Doch diese Dynamik geht verloren, als Shuster zu Beginn der Pandemie aus den USA nach Israel zurückkehrt. Die Stand-up-Szenen werden seltener, ihre Comedy rückt zunehmend in den Hintergrund. Zwar sieht man noch Versuche, das Programm auch in Israel aufzuführen, doch schnell wird klar: So politisch, so provokant wie in den USA kann Shuster hier nicht auftreten. Ihre linken Positionen und ihr unerschütterlicher Glaube an ein friedliches Zusammenleben stoßen auf Widerstand. Die israelische Gesellschaft scheint tief gespalten.

In dieser Phase verschiebt sich der Fokus des Films deutlich. Aus dem Porträt einer Komikerin wird immer mehr das Porträt einer politischen Aktivistin. Das Private bleibt präsent – Shuster ist 32, unverheiratet, ringt mit familiären Erwartungen –, doch genau hier beginnt das Problem des Films. Viele Themen werden im Mittelteil immer wieder variiert, ohne neue Perspektiven zu eröffnen: der Konflikt innerhalb der Familie, die Frustration über politischen Stillstand, der Aktivismus als emotionaler Kraftakt. Das wirkt redundant.

Klarer Bruch

Mit dem 7. Oktober 2023 verändert Coexistence, My Ass erneut seinen Ton. Die Ereignisse markieren einen klaren Bruch – auch für Shuster. Zwar kämpft sie weiterhin vehement für Frieden und gegen die Angriffe auf Gaza, doch das Verständnis für ihre Position schwindet, selbst in ehemals solidarischen linken Kreisen. Der Film gewinnt hier wieder an Dringlichkeit. Gleichzeitig kann jedoch die zu Beginn aufgestellte These, Humor könne ein politisches Werkzeug sein, um Menschen unterschiedlicher Lager zusammenzuführen, angesichts der Eskalation nicht mehr einlösen. Die Utopie der Koexistenz, die Shuster seit ihrer Kindheit verkörpert, scheint begraben – wenn auch von ihr noch nicht völlig aufgegeben.

Umso bedauerlicher sind die Redundanzen im Mittelteil des Films. So bleibt Coexistence, My Ass trotz der enormen thematischen Spannung als filmisches Werk hinter seinen Möglichkeiten zurück. Zu viele Längen, zu wenig Zuspitzung. Vielleicht hätte eine stärkere Rückbindung an Shusters Stand-up – auch in diesem Teil als Kontrapunkt oder als Kommentar– dem Film gutgetan. So droht er, das Interesse eines Teils des Publikums bereits zu verlieren, bevor er durch die Ereignisse des 7. Oktobers noch einmal an Fahrt aufnimmt.

Coexistence, My Ass ist zwar durchaus ein engagierter Film, der viel will und viel erzählt. Doch zwischen persönlichem Porträt, politischem Zeitdokument und der Frage nach der Wirksamkeit von Humor bleibt er dramaturgisch zu oft stecken. Die Wut, die Trauer und die Hoffnung seiner Protagonistin sind spürbar – filmisch aber werden sie nicht immer konsequent genug gebündelt.

Credits

OT: „Coexistence, My Ass“
Land: USA, Frankreich
Jahr: 2025
Regie: Amber Fares
Buch: Rachel Leah Jones, Rabab Haj Yahya
Musik: William Ryan Fritch
Kamera: Philippe Bellaïche, Amber Fares, Amit Chachamov
Mitwirkende: Noam Shuster Eliassi

Bilder

Trailer

Filmfeste

Sundance 2025
San Sebastian 2025

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Coexistence, My Ass
fazit
„Coexistence, My Ass“ ist ein engagiertes, hochaktuelles Filmporträt, das persönliche Biografie und politische Realität eindrucksvoll verknüpft. Trotz starker Protagonistin und relevanter Themen leidet der Film jedoch unter dramaturgischen Längen und verschenkt so einen Teil seines kritischen Potenzials.
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