
Schon bevor Astrid Lindgren mit Pippi Langstrumpf zur weltberühmten Kinderbuchautorin wurde, schrieb sie Tagebuch – nicht mit literarischem Ehrgeiz, sondern für den Hausgebrauch. Während des Zweiten Weltkriegs füllte sie 17 Kladden mit handschriftlichen Notizen über die Weltlage und ihr eigenes Leben. Diese Aufzeichnungen erschienen 2015 erstmals auf Schwedisch und im selben Jahr auf Deutsch unter dem Titel Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939–1945. Sie sind ein erstaunliches Dokument: politisch hellwach, persönlich offen, literaturgeschichtlich aufschlussreich.
Hybrider Ansatz
Der deutsche Dokumentarfilmer Wilfried Hauke hat diese Tagebücher nun zur Grundlage seines Films Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren gemacht. Herausgekommen ist keine klassische Dokumentation, sondern ein hybrides Werk aus Reenactment, Archivmaterial und Gesprächen mit Nachfahren. Die Schauspielerin Sofia Pekkari (Mord im Mittsommer: Tod im Fischernetz) verkörpert Lindgren in nachgestellten Szenen: mal einfach am Tisch sitzend und schreibend, mal direkt in die Kamera sprechend, während ihre Stimme aus dem Off Tagebucheinträge zitiert, mal im täglichen Familienleben. Ergänzt werden diese Passagen durch sorgfältig ausgewähltes Archivmaterial und durch Gespräche mit Lindgrens mittlerweile 90-jährigen Tochter Karin Nyman, der Enkelin Annika Lindgren und dem Urenkel Johan Palmberg, die an zentralen Orten – etwa im Sommerhaus auf der Insel Furusund – den Text ihrer Ahnin einordnen.
Haukes Zugang erweist sich als überraschend stringent. Der Film verzichtet auf kommentierende Expertenstimmen oder erklärende Off-Texte. Es gibt nur Lindgrens von Pekkari vorgetragene Worte und die Stimmen ihrer Nachfahren. Diese treten einzeln oder miteinander ins Gespräch, versuchen der Mutter, Großmutter und Urgroßmutter näherzukommen, folgen ihren Spuren, interpretieren ihre Texte. Dabei scheuen sie auch die schwierigen Kapitel nicht: Lindgrens Ehekrise, als ihr Mann Sture sie wegen einer Geliebten verlassen wollte, die Sorge um die kränkelnde Tochter Karin, die Belastung ihrer Arbeit als Zensorin für den schwedischen Geheimdienst.
Zwischen Weltgeschichte und Alltag
In den Tagebüchern analysiert Lindgren das Weltgeschehen oft messerscharf. Sie schreibt über den Krieg mit moralischer Klarheit, vergisst dabei aber nie ihre privilegierte Position im neutralen Schweden. Immer wieder reflektiert sie den Widerspruch zwischen ihrem vergleichsweisen sicheren, geordneten Alltag und einer Welt, die um sie herum in Flammen steht. Gerade diese Spannung – zwischen Weltgeschichte und Alltag, zwischen politischer Analyse und privater Sorge – macht den Reiz des Materials aus und prägt auch den Film.
Neben dem zeitgeschichtlichen Wert sind die Tagebücher aber auch literaturhistorisch aufschlussreich. Man erfährt, wie Pippi Langstrumpf entstand: 1941 denkt sich Lindgren die Geschichten für die fiebernde Tochter aus, die auch den Namen erfindet. 1944 schreibt sie das Manuskript nieder – während sie drei Wochen mit verstauchtem Knöchel ans Bett gefesselt ist. Solche Details verleihen dem Mythos der genialen Eingebung eine angenehm prosaische Erdung.
Pekkari als Lindgren
Ein Trumpf des Films ist Sofia Pekkari. Sie haucht Astrid Lindgren Leben ein, ohne sie zu imitieren. Die Momente, in denen sie sich direkt zur Kamera dreht, um in sie hineinzusprechen, fallen dabei auf. Wenn man am Ende des Films Lindgren selbst in einer historischen Aufnahme sieht, wie sie den Kopf zur Kamera dreht, begreift man, wie präzise Pekkari diese Geste verinnerlicht hat. Die Nähe zur historischen Figur wirkt nicht aufgesetzt, sondern erarbeitet.
Hauke, der skandinavische Literatur studiert hat und sich in früheren Filmen mit Kierkegaard, Andersen, Munch, Königin Christine sowie Liv Ullmann und Bibi Andersson beschäftigte, nähert sich auch Astrid Lindgren mit spürbarem Respekt. Er schlachtet das Persönliche nicht aus, er dramatisiert nicht künstlich. Dass die Nachfahren bereit waren, Material zur Verfügung zu stellen und aktiv mitzuwirken, spricht für diesen behutsamen Zugriff.
OT: „Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren“
Land: Deutschland, Schweden
Jahr: 2025
Regie: Wilfried Hauke
Buch: Wilfried Hauke, Hermann Pölking
Vorlage: Astrid Lindgren
Musik: George Kochbeck
Kamera: Sabine Panossian, Caroline Troedsson, Clas Elofsson
Besetzung: Sofia Pekkari, Karin Nyman, Annika Lindgren, Johan Palmberg
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