Archipele des Herzens
© Annika Gutsche

Archipele des Herzens

„Archipele des Herzens“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Die Regisseurin Annika Gutsche beginnt im Süden Patagoniens ein dokumentarisches Filmprojekt. Es soll sich der Feldforschung von Wissenschaftler*innen widmen, welche die Auswirkungen des Klimawandels auf die belebte Natur untersuchen. Dann wird Gutsche Mutter. Mit dem Kleinkind Junis kehrt sie nach Chile zurück, um die Arbeit fortzusetzen. Eine Weile kann auch ihr Partner vor Ort sein und den Sohn mitbetreuen. Ein Jahr später kehrt Gutsche zurück, um weiterzumachen, mit Junis und einem Kameramann. Der dokumentarische Fokus verschiebt sich noch stärker zur Frage, ob und wie eine Frau arbeiten kann, wenn sie sich gleichzeitig um ihr Kind kümmert.

Nach Patagonien mit Kind und Kamera

Der Titel verweist bereits auf den Doppelcharakter dieses dokumentarischen Langfilmdebüts. Die Filmemacherin Annika Gutsche hat sich in eine raue, einsame Region Chiles verliebt und dort, an der Südspitze des amerikanischen Kontinents, ihren Sehnsuchtsort gefunden. Sie filmt Klimaforscher*innen bei der Arbeit – Menschen, die Pflänzchen, Zweige, Tiere genau beobachten und offenlegen, wie verletzlich die Natur ist. Die Regisseurin ist außerdem eine liebende Mutter, die für ihr Kind da sein will. An diesem entlegenen Ort gibt es keine Kita, ihr Partner kann sie nur für kurze Zeit entlasten, weil er in Deutschland beruflich eingespannt ist.

Über die Küstenlandschaft pfeift der Wind. Es ist kalt, die Menschen tragen Anoraks, Mützen und dicke Wanderstiefel. Ein Forscher inspiziert die Flechten auf den Zweigen in einem naturbelassenen Wald mit der Lupe. In einem Feldlabor werden Proben sortiert, das Gewicht beringter Vögel gewogen. Am Meeresufer schneidet jemand Scheiben aus den Barten eines vor langer Zeit verendeten Wals. Rippen, Wirbel von Walen liegen grün überzogen da, wie steiniges Gelände. Wetterstationen nehmen Daten auf, die Forschende auf ihre Computer laden. Junis ist mit von der Partie, erst noch in der Rückenkraxe, später fährt er auf dem Laufrad vor die Kamera, möchte einbezogen werden, stellt unermüdlich Fragen.

Die Perspektive ändert sich

Die Regisseurin fungiert bei diesem Film auch als Produzentin, Cutterin, war an den Kamera- und Tonaufnahmen beteiligt, hat die Musik komponiert und überwiegend selbst interpretiert. In der Tradition des Cinéma Vérité legt Gutsche zudem den Prozess des Filmdrehs offen, stellt ihn selbst in den Fokus. In Voice-Over reflektiert sie, wie die Mutterrolle ihr Leben verändert. Wenn Begriffe wie „Sorgearbeit“ oder „Mutterkörper“ fallen, fühlt man sich an die Frauenbewegung der 1970er Jahre erinnert. Das Private scheint immer noch politisch zu sein, zum Beispiel wenn Gutsche aufzählt, dass sie von den 28 Monaten Elternzeit ganze 19 alleine für Junis zuständig ist. Der Dokumentarfilm entwickelt nicht nur eine eigene Atmosphäre, sondern auch eine beachtliche Spannung, wenn sich Junis am Arbeitsplatz der Mutter bemerkbar macht und Aufmerksamkeit beansprucht. Selten sieht man so nah und ungefiltert ein Beispiel dafür, was die Doppelbelastung aus Beruf und Familie für eine Frau konkret bedeutet.

Andererseits stellt sich dennoch auch die Frage, wie relevant der Dokumentarfilm für Unbeteiligte ist. Die Regisseurin sagt in ihrem Kommentar: „Ich mache nicht dort Kunst, wo es am besten geht oder über das Thema, was sich gut verkaufen lässt. Ich wende mich dem zu, wo es mich hinzieht.“ Sie führt also ein selbstbestimmtes Leben, dreht aus eigenem Antrieb am Ende der Welt, stillt ihr Kind aus Überzeugung lange, will nicht zuletzt ihren verschiedenen eigenen Ansprüchen gerecht werden. Insofern ist dieser Film auch ein gutes Beispiel für die vielfältigen Möglichkeiten unserer Zeit, sich auszuprobieren und zu entfalten. Der Öffentlichkeit aus dem eigenen Leben zu erzählen, ist aber in der Ära der sozialen Medien längst ein Massenphänomen, es wird immer schwerer, sich auf diesem Gebiet mit originellen Erkenntnissen zu profilieren.

Credits

OT: „Archipele des Herzens“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Annika Gutsche
Drehbuch: Annika Gutsche
Musik: Annika Gutsche
Kamera: Max Sänger, Annika Gutsche

Bilder



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Archipele des Herzens
fazit
In ihrem Dokumentarfilm zeigt und reflektiert die Regisseurin Annika Gutsche, wie schwierig und fordernd es für sie ist, beim Dreh in Patagonien Beruf und Mutterschaft zu vereinbaren. Eigentlich sollte es vorwiegend um Klimaforschung im Gelände gehen, aber der kleine Sohn will auch betreut werden und rückt oft in den Mittelpunkt. Gutsches Weg der Selbstverwirklichung erweist sich als schwierig und anstrengend, so dass sich zu schönen Naturaufnahmen auch eine interessante Spannung gesellt.
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