Alison Kuhn gehört zu den spannendsten Stimmen einer neuen Generation des deutschen Films. 1995 in Saarbrücken geboren, studierte die deutsch-vietnamesische Filmemacherin an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, wo sie mit dem Dokumentarfilm The Case You – Ein Fall von vielen sowie den Kurzfilmen Fluffy Tales und Schwarmtiere früh auf sich aufmerksam machte und zahlreiche Nominierungen und Auszeichnungen erhielt. Es folgten Arbeiten fürs Fernsehen, darunter die achte Staffel der Serie Druck sowie die Miniserien Watch Me und Schattenseite. Am 1. Januar 2026 kommt mit Holy Meat ihr erster Spielfilm ins Kino. Darin treffen drei denkbar unterschiedliche Figuren aufeinander: der Theaterregisseur Roberto, die Metzgerin Mia und der Pfarrer Oskar. Aus verschiedenen Gründen verschlägt es sie in die schwäbische Provinz, wo ein Passionsspiel die vom Aus bedrohte Pfarrgemeinde retten soll. Doch das Projekt nimmt schnell eine unerwartete Wendung und stellt Glauben, Kunst und Gemeinschaft auf die Probe. Zum Kinostart von Holy Meat hatten wir die Gelegenheit, mit Regisseurin Alison Kuhn über ihren Debütfilm, seine Themen und ihre Handschrift zu sprechen.
Hallo Alison, du hast mit dem Dokumentarfilm The Case You die Bühne betreten und anschließend einige Kurzfilme und Serien gedreht. Nun kommt mit Holy Meat dein fiktionales Langfilmdebüt in die Kinos. Wie kam die Idee zu dem Film?
Ursprünglich habe ich 2016 die erste Stoffentwicklungsförderung von meiner Heimatförderung, den Saarland-Medien, bekommen – also vor neun Jahren. Damals spielte der Stoff noch im Saarland und war deutlich kommerzieller angelegt. Es ging eigentlich nur um eine Passionsaufführung und um das Stadt-Land-Gefälle in Deutschland. Der Stoff war stark in meiner Heimat verankert, und ich hatte zunächst vor, ihn nur als Autorin weiterzuentwickeln. Ich hatte gar nicht die Absicht, selbst Regie zu führen. Es war eher als Geldverdienprojekt gedacht, das ich neben meinem Regiestudium weiter angeschoben habe.
Dann landete der Stoff aber irgendwann auf dem Schreibtisch von Stefanie Groß, der tollen Debütredakteurin vom SWR. Sie meinte, daraus könnte ich doch mein Regiedebüt machen. Das war natürlich erst einmal eine große Ehre. Gleichzeitig war mir klar: Wenn ich den Film selbst inszeniere, muss ich den Stoff komplett neu aufrollen und mit Themen anreichern, die mich auch als Regisseurin interessieren. Ich musste dieses sehr kommerzielle Drehbuch also noch einmal dekonstruieren. So entstand die Struktur, die Geschichte aus drei Perspektiven zu erzählen. Außerdem habe ich den Aspekt der katholischen Kirche stark vertieft – ein Thema, das mich schon lange umgetrieben hat und zu dem ich unbedingt etwas machen wollte.
Die Themen, die du in Holy Meat ansprichst, sind ja durchaus dramatisch. Wann fiel die Entscheidung, daraus eine – wenn auch schwarze – Komödie zu machen?
Das stand tatsächlich von Anfang an fest. Es war immer klar, dass es eine Komödie werden sollte. Gerade das fand ich spannend: sehr ernste Themen zu nehmen, bei denen man intuitiv an ein Drama oder einen Dokumentarfilm denkt, und sie dann in ein unerwartetes Genre zu überführen. Ich brauche beim Arbeiten immer etwas, das mich kitzelt oder herausfordert – etwas, das es mir nicht zu leicht macht.
Auch die Erzählstruktur aus drei Perspektiven ist eher ungewöhnlich. Wie kam es zu diesem Triptychon?
Das ergab sich während der Umstrukturierung, als ich selbst die Regie übernommen habe. Mir wurde klar, dass die Geschichte gar nicht so schwarz-weiß ist. Ursprünglich war sie nur aus der Perspektive des Theaterregisseurs erzählt. Aber mich haben die Nebenfiguren zunehmend interessiert, und ich hatte das Gefühl, dass ich ihre Perspektiven brauche, um der Geschichte gerecht zu werden. Also habe ich mir angeschaut, wie die Ereignisse aus der Sicht der Metzgerin oder des Priesters wirken.
Das Spannende daran ist: Eine Figur kann in einem Kapitel extrem antagonistisch erscheinen, und im eigenen Kapitel versteht man plötzlich, dass die Dinge ganz anders liegen – und jemand anderes wird zur antagonistischen Kraft. Das lässt sich gut auf das eigene Leben übertragen. Bevor man jemanden vorschnell verurteilt, sollte man sich vielleicht fragen: Wie sehe ich eigentlich in den Augen anderer aus? Vielleicht bin ich ja selbst der Bösewicht.
Wie schwer war es, sich beim Schreiben in diese unterschiedlichen Perspektiven hineinzuversetzen? Der Regisseur oder die Metzgerin sind noch relativ nah an deiner eigenen Biografie, die Perspektive eines katholischen Priesters hingegen nicht.
Ich liebe es, mich in Perspektiven hineinzudenken, die nicht meine eigenen sind. Das ist ja auch das Bereichernde am Film: dass man in andere Welten schlüpfen kann. Während der Drehbucharbeit habe ich intensive Recherchegespräche mit Theologen und ehemaligen Priestern geführt. Ich wollte wissen, was sie umtreibt, welche Themen sie beschäftigen und welche Geschichten noch nicht erzählt wurden. So habe ich mich dieser Figur angenähert.
Dazu kam dann Jens Albinus, ein genialer Schauspieler, der auch biografisch etwas in die Rolle eingebracht hat. Er ist in einem Pfarrhaus aufgewachsen – zwar in einem evangelischen, aber dennoch. Im Austausch mit ihm haben wir die Figur des Priesters Oskar weiter vertieft.
Wie kommt man auf die Idee, einen dänischen Schauspieler als katholischen Priester in der schwäbischen Provinz zu besetzen?
Indem man sich in einen großartigen Schauspieler verliebt. Das war ursprünglich gar nicht so geplant. Wir suchten einen Priester, der aus einem anderen europäischen Land nach Deutschland kommt, um die „Fish-out-of-Water“-Perspektive zu betonen. Wir haben Schauspieler aus ganz Europa angeschaut – aus Italien, Polen und anderen Ländern.
Dann sind wir bei Jens Albinus gelandet und haben uns sofort in ihn verliebt, obwohl wir eigentlich nicht damit gerechnet haben, ihn für einen Debütfilm gewinnen zu können. Er dreht normalerweise mit Leuten wie Lars von Trier. Aber er mochte das Drehbuch sehr und hatte zufällig Zeit, weil sich bei ihm etwas verschoben hatte. Das fühlte sich wie eine Fügung an. Wir haben die Hintergrundgeschichte der Figur dann um ihn herum entwickelt. Durch ihn kam auch Lars Brygmann dazu, der in Dänemark ein absoluter Star ist. So entstand fast nebenbei ein kleines dänisches Universum im Film.
Und wie lief das Casting für die übrigen Rollen?
Sehr intensiv. Die großartige Casterin Stephanie Maile und wir haben fast ein Jahr lang gecastet. Die Rollen waren extrem spezifisch. Allein die Figur der Mia: Sie sollte aus Baden-Württemberg stammen, eine Art archaische Urgewalt in sich haben und Klavier spielen können. Das sind viele Anforderungen auf einmal. Wir haben querbeet gecastet und auch Konstellationscastings gemacht, um zu sehen, wie die Schauspielenden miteinander funktionieren. Holy Meat ist ein Ensemblefilm, und er lebt davon, dass zwischen allen eine Chemie entsteht. Am Ende haben wir das Puzzle Stück für Stück zusammengesetzt.
Ein zentrales Thema deiner Filme sind Machtstrukturen und Hierarchien – im Filmbetrieb, im Theater, in der Kirche, in Familien. Als Regisseurin hast du selbst eine Machtposition. Wie gehst du damit um?
Für mich beginnt alles damit, mir dieser Rolle bewusst zu sein und diese Machtposition als Regisseurin nicht zu leugnen. Auch wenn mir Augenhöhe extrem wichtig ist, gibt es Abhängigkeiten. Deshalb arbeite ich zum Beispiel mit Intimacy Coordinators bei intimen Szenen. Manchmal braucht es eine vermittelnde Instanz, die nicht auf ein bestimmtes Ergebnis aus ist.
Hierarchien sind aber per se nichts Schlechtes – ein Filmset funktioniert ohne sie kaum. Entscheidend ist, dass man Verantwortung klar verteilt, ohne Macht zu missbrauchen. Ich versuche, sehr selbstreflexiv zu arbeiten und neue Standards zu setzen. Das beginnt schon beim Casting: Ich lasse nicht jemanden den Castingraum betreten und stelle ihn oder sie sofort wortlos vor eine Kamera, vor der performt werden muss, während alle anderen gemütlich hinter einem Tisch sitzen und zuschauen. Stattdessen setzen wir uns zunächst gemeinsam in einen Kreis, alle stellen sich vor – auch die Produzierenden, die Schauspielenden, ich. Erst kommt der menschliche Kontakt, dann die Arbeit.
Auffällig ist auch die Diversität des Ensembles. War dir das wichtig?
Sehr. Wenn man sich Darstellungen von Dörfern im Film anschaut, sind sie oft nicht repräsentativ. Auch ein deutsches Dorf ist heute nicht nur blond, blauäugig und normiert. Es gibt Menschen mit und ohne Behinderungen, sehr alte Menschen, unterschiedliche Biografien. Diese Realität abzubilden, finde ich bereichernd. Viele Gruppen werden in Film und Fernsehen systematisch ausgeschlossen – und dadurch geht unglaublich viel verloren. Das wollten wir anders machen.
Du hast als Einflüsse unter anderem Yorgos Lanthimos und Anders Thomas Jensen genannt. Wie hast du versucht, diesen speziellen Ton auf die deutsche Provinz zu übertragen?
Ich habe viel aus eigenen Erfahrungen geschöpft. Ich bin selbst auf dem Dorf aufgewachsen, bin in die Stadt gegangen, habe Kunst gemacht – und komme dann mit einem anderen Blick zurück. Diese Verschiebung der Perspektive interessiert mich. Natürlich habe ich mit Klischees gespielt, denn davon leben Komödien. Ich habe mir speziell schwäbische Klischees angeschaut und mit dem Comedian Dodokay zusammengearbeitet, der mir viel darüber erzählt hat, wie die Menschen dort ticken und womit man spielen kann.
Wie würdest du deine Arbeitsweise beschreiben?
Mir wird oft gespiegelt, dass ich menschlich wertschätzend, aber gleichzeitig technisch sehr präzise arbeite. Ich glaube, die Detailverliebtheit überrascht manche Schauspielende zunächst. Ich gehe nach jedem Take Punkt für Punkt durch, was im nächsten Durchlauf anders sein soll. Das ist fast ein Denksport. Pit Bukowski meinte einmal, er habe am Set noch nie so viel nachdenken müssen – aber genau das habe ihm großen Spaß gemacht.
Ich arbeite auch sehr musikalisch. Ich sehe mich ein bisschen wie eine Dirigentin: Das Ensemble ist mein Orchester. Gerade bei Komödien geht es viel um Rhythmus, Pausen und Akzente. Das war eine der zentralen Aufgaben am Set von Holy Meat.
Aber auch die Musik selbst spielt in Holy Meat eine große Rolle – von Chorälen bis Techno. Wie war die Zusammenarbeit mit dem Komponisten Christian Dellacher?
Großartig. Christian ist extrem vielseitig. Fast die gesamte Musik stammt von ihm: Radioschlager, Musicalnummern, Choräle. Besonders der Choral, eingesungen vom Kammerchor der Universität zu Köln, war uns wichtig – fast wie ein Chor im griechischen Theater, der das Geschehen kommentiert. Wir wollten mit menschlichen Stimmen arbeiten, weil diese eine ganz besondere Emotionalität haben.
Die Tanz- und Techno-Stücke mussten bereits vor dem Dreh fertig sein, weil wir mit ihnen geprobt haben – unter anderem mit dem kanadischen Choreografen Eric Gauthier. Außerdem haben wir ein Bandoneon eingesetzt, ein Instrument mit deutschen Wurzeln, das ich in Südamerika entdeckt habe. Es klingt wie eine Mischung aus Akkordeon und Orgel – perfekt für diesen Film.
Du sprichst im Film sehr viele Themen an. Hattest du nie Angst, dass es zu viel wird?
Ich finde, man sollte sein Publikum nicht unterschätzen. Viele Zuschauende möchten gefordert werden, mitdenken, Zusammenhänge erkennen. Gerade durch die Drei-Kapitel-Struktur braucht es thematische Vielfalt. Trotzdem haben alle Themen einen gemeinsamen Kern: Es geht um Hierarchien, Abhängigkeiten und darum, sich den eigenen Dämonen zu stellen.
Zum Schluss noch ein Blick nach vorn: Könntest du dir vorstellen, wieder einen Dokumentarfilm zu machen?
Im Moment bleibe ich bei fiktionalen Stoffen. Ich liebe die Arbeit mit Schauspielenden und das fiktionale Schreiben zu sehr. The Case You war ohnehin kein klassischer Dokumentarfilm – eher essayistisch. Wenn sich irgendwann ein Stoff anbietet, bei dem die beste Form die dokumentarische ist, würde ich es wieder tun. Aber aktuell habe ich mehr Freude an Spielfilmen und Serien.
Dein nächster Film ist bereits abgedreht. Kannst du schon etwas darüber sagen?
Er ist gerade im Schnitt. Es wird diesmal aber kein lustiger Film, sondern ein poetischer Thriller. Es geht um die 17-jährige Kim, die um die Liebe ihrer Mutter kämpft, welche Schleusungen aus Vietnam nach Europa organisiert. Kim beginnt sich in der Agentur ihrer Mutter zu involvieren und überschreitet dabei zunehmend ihre eigenen Grenzen. Es ist der erste deutsche Langspielfilm mit einem ausschließlich vietnamesisch-stämmigen Cast. Für die Community war das sehr emotional – und für uns alle ein echtes Herzensprojekt.
Dann viel Erfolg für alles, was kommt, und vielen Dank für das Gespräch, Alison Kuhn.
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