Flee TV Fernsehen arte Mediathek
© Final Cut for Real/Sun Creature/Vivement Lundi! 2020
„Flee“ // Deutschland-Start: 30. Mai 2022 (arte)

Inhalt / Kritik

Vor allem hierzulande sind Animationsfilme noch immer mit bestimmten Vorurteilen verbunden. Alles Kinderkram, sagen eine. Bunte, harmlose Abenteuer, mit deren Hilfe man für eine Weile die Gegenwart vergessen kann. Dabei kann diese Darstellungsform sehr viel mehr sein, wie ein Blick ins europäische Ausland zeigt. Nicht nur dass sie einem visuelle Gestaltungsmöglichkeiten an die Hand gibt, um die fremdartigsten Welten zu zeigen und der Fantasie völlig freien Lauf zu lassen. Sie sind auch ein Mittel, eine Realität zu verbildlichen, für die es keine Bilder gibt, wenn beispielsweise vergangene Ereignisse im Mittelpunkt stehen oder es um introspektive Geschichten geht, die weniger auf einer Handlung basieren. Im Fall von Flee trifft gleich beides zu.

Genauer schildert Regisseur Jonas Poher Rasmussen die Geschichte von Amin Nawabi, einem afghanischen Flüchtling, der in Dänemark eine neue Heimat gefunden hat. Erzählt wird diese Flucht im Rückblick von dem erwachsenen Amin, der sich in Gesprächen öffnet und seine Vergangenheit schildert. Die war wie zu erwarten alles andere als glücklich: Der Vater war in Haft, der Bruder stand mehrfach kurz davor, in den Krieg gegen die Sowjetunion eingezogen zu werden. Als dieser vorbei war, floh die Familie selbst nach Russland. Von dort aus sollte es weitergehen nach Schweden, wo bereits ein älterer Bruder lebte. Doch das gestaltete sich schwierig, wie Flee vor Augen führt. Je mehr die Familie sich von der Heimat entfernte, umso stärker wurde sie auseinandergerissen.

Filmische Darstellungen solcher Geschichten hat es in den letzten Jahren natürlich nicht zu knapp gegeben. Vor allem im Dokumentarfilmbereich wimmelte es eine Zeit lang vor Flüchtlingsschicksalen. Und doch sticht „Flee“ aus der Flut der Fluchten hervor. Es sind dabei vor allem die persönlichen Anekdoten, welche den Film so lebendig und spürbar machen. Man merkt hier, dass Amin Nawabi selbst an dem Drehbuch mitarbeitete und zudem ein alter Freund des Regisseurs ist. Gemeinsam tauchen sie tief ein in die Geschichte der Familie, kombinieren den individuellen Verlauf der Familientragödie mit einem weiter gefassten Blick, der viel über die Situation von Flüchtlingen erzählt. Gerade die lebensgefährlichen Bedingungen, welche die Familie auf sich nahm, hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck.

Ein Faktor, welcher den Film zu etwas Besonderem macht: Der Protagonist ist homosexuell, was ihn im Rahmen der afghanischen Gesellschaft zu einem Ausgestoßenen gemacht hätte. Noch bevor er die physische Flucht ins Ausland antrat, war er deshalb auf der Flucht vor sich selbst bzw. den zu befürchtenden Repressalien der anderen. Einer der bewegendsten Momente von „Flee“ ist dann auch, wenn er sich nach vielen Jahren ein Herz fasst und seiner Familie alles erzählt. Amin führte auf diese Weise immer wieder ein falsches Leben, war ein Fremder, wo auch immer er sich aufhielt. Die Arbeit an dem Dokumentarfilm ist daher für ihn auch eine Suche nach sich selbst. In den Gesprächen öffnet sich nicht nur anderen gegenüber, sondern auch sich selbst gegenüber.

Umgesetzt wird dies in gezeichneten Bildern, die tendenziell eher einfach gehalten sind. Der Film ist dabei meistens um Realismus bemüht, kann zuweilen aber auch deutlich stilisierter werden, um den Gemütszustand zu verdeutlich. Nur hin und wieder kommen Realaufnahmen dazu, um noch einmal die Brücke zu schlagen und daran zu erinnern, das alles hier wahr. Das Ergebnis ist ein in mehrfacher Hinsicht sehenswerter Film, der trotz fehlender „echter“ Menschen eine Menschlichkeit entwickelt, wie sie nur wenige schaffen. Dass das Werk für zahlreiche Preise im Rennen war, darunter zwei Oscars, ist daher mehr als verdient. „Flee“ mag vielleicht nicht der beste Animationsfilm der letzten beiden Jahre gewesen sein, wohl aber einer der wichtigsten. Es gelingt hier, selbst ohne viel Manipulation tiefe Gefühle zu erzeugen.

Credits

OT: „Flee“
Land: Dänemark, Frankreich
Jahr: 2021
Regie: Jonas Poher Rasmussen
Drehbuch: Jonas Poher Rasmussen, Amin
Musik: Uno Helmersson
Kamera: Mauricio Gonzalez-Aranda

Bilder

Trailer

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Flee
Fazit
„Flee“ ist ein zurecht gefeierter Dokumentarfilm, der mit animierten Bildern die Geschichte eines afghanischen Flüchtlings erzählt. Dabei ist es vor allem der sehr persönliche Zugang, der einen berührt, wenn wir hier einem Mann folgen, der nach Jahren der Flucht – wortwörtlich wie im übertragenen Sinn – endlich ankommen darf.
Leserwertung4 Bewertungen
6.4