Szenenbild aus "Tove" von Zaida Bergroth über die Mumins-Erfinderin Tove Jansson (© Salzgeber & Co. Medien)

Zaida Bergroth [Interview]

Die Mumins? Kennt jedes Kind. Seit ihrem ersten Auftritt 1945 in dem Roman Mumins lange Reise haben sie Generationen von Kindern erfreut, waren in Büchern und Comics zu finden, in Filmen und Serien. Bis heute gibt es zahlreiches Merchandising zu den trollähnlichen Kreaturen zu finden, die zurückgezogen in einem Tal leben. Doch wer ist der Mensch hinter diesen Figuren? Der Spielfilm Tove (Kinostart 24. März 2022) gibt eine Antwort darauf und zeigt die Autorin Tove Jansson in ihren jungen Frauen. Im Rahmen der Deutschlandpremiere während des Filmfest Münchens 2021 haben wir uns mit Regisseurin Zaida Bergroth über die Arbeit an dem Film, ihre Protagonistin und das Besondere der Mumins unterhalten.

Könntest du uns etwas über die Entstehungsgeschichte von Tove verraten? Wie bist du zu dem Projekt gekommen?

Ich arbeitete gerade an dem Film Miami, als die Produktionsfirma mit den Vorbereitungen für einen Film über Tove Jansson begannen. Und sie hielten mich für die Richtige, um bei dem Film Regie zu führen. Die Idee dafür kam also nicht von mir. Ich brauchte auch eine Weile, um mich selbst davon zu überzeugen, dass ich richtig war für diesen Job. Biopics liegen mir eigentlich nicht so sehr, das ist schon ein sehr anspruchsvolles Genre. Ich bewunderte Jansson, wusste aber nicht viel über sie, weshalb ich sehr viel recherchieren musste. Erst als ich mehr über ihre jungen Jahre erfuhr und ihre Versuche, als Malerin ernst genommen zu werden, fühlte ich eine wirkliche Verbindung zu ihr.

Warum, fühlst du dich selbst als versagende Künstlerin?

Jeder, der im künstlerischen Bereich tätig ist, hat diese dunklen Momente, in denen man alles anzweifelt, was man tut. In denen man das Gefühl hat, nicht gut genug zu sein. Klar gibt es auch Leute, die darin in erster Linie einen Beruf sehen. Aber solche Leute sollten meiner Meinung nach etwas anderes machen. Unser Leben ist zu kurz, um etwas zu machen, wofür man keine Leidenschaft empfindet. Ich selbst habe auch keine Lust, Filme zu sehen, bei denen jemand nicht alles gegeben hat. Deswegen hat es mir auch länger gedauert, bis ich voll dabei war. Ich wollte den Film entweder richtig drehen, so dass ich völlig davon überzeugt bin – oder gar nicht.

Und warum hast du den Film überhaupt machen wollen?

Zum einen mochte ich die Herausforderung. Einen Film über Jansson zu drehen, das fühlte sich für mich wie eine unmögliche Aufgabe an. Und das reizte mich. Mich reizte aber auch, etwas über die junge Jansson zu erzählen. Die meisten haben eine Verbindung zu ihr als älteren Person, weswegen ich das Gefühl hatte, dass es hier das Potenzial gibt, etwas Neues zu erzählen, was die Leute vielleicht noch nicht kennen.

Und wie liefen die Recherchen für den Film ab? Sie selbst ist vor über zwanzig Jahren gestorben, ihr konntet sie also nicht mehr fragen.

Die meisten Recherchen übernahm Eeva Putro, die Drehbuchautorin von Tove. An Material mangelte es dabei nicht. Es gibt sehr viele Bücher über Jansson, sehr gute Bücher. Außerdem beschäftigte ich mich mit ihrer eigenen Arbeit, las ihre Bücher, schaute mir ihre Gemälde an. Ich hörte auch die Musik, die sie selbst gehört hat, um mich in die Stimmung zu versetzen. Sie war außerdem eine begeisterte Briefeschreiberin und hat an alle Menschen geschrieben, die ihr nahestanden. Die waren auch sehr interessant. Schritt für Schritt bin ich ihr auf diese Weise nähergekommen und habe den Menschen entdeckt, der hinter der bewunderten Künstlerin steckte.

Und jetzt, da du ihr nähergekommen bist, wie würdest du sie beschreiben?

Sie ist ein Mensch voller Widersprüche, was ich sehr schätze. Ich bewundere ihre Integrität: Sie versuchte nie jemandem zu gefallen, sondern blieb sich immer treu. Das war nicht einfach, vor allem damals nicht. Sie lebte schließlich als starke Pazifistin zu einer sehr schwierigen Zeit während des Zweiten Weltkrieges und weigerte sich, die Erwartungen zu erfüllen, die man an sie als Frau hatte. Sie war keine Feministin in dem Sinn, sie hätte sich nie vereinnahmen lassen. Ihr ging es darum, ihren eigenen Weg zu finden, unabhängig von dem, was andere über sie sagten oder von ihr dachten.

Bekannt ist sie heute in erster Linie für die Mumins. Zuerst waren da die Bücher. Später kamen Comics hinzu, ein Theaterstück, Filme, eine Reihe von Serien. Erinnerst du dich noch, wie du die Mumins kennengelernt hast? Was waren deine ersten Berührungspunkte?

Meine Großmutter las mir die Geschichten vor. Ich war eigentlich immer umgeben von ihnen und hatte sogar ein Buch, das Jansson signiert hatte. Und natürlich gab es die Stop-Motion-Serie Ende der 1970er, Anfang der 1980er.

Und welche Figur ist dein Favorit?

Snufkin vermutlich. Alle lieben Snufkin. Aber ich mochte auch Klein Mü immer sehr gern. Sie ist so stark, eine echte Kämpferin!

Was mich an dem Film überrascht hat: Jansson selbst fühlte sich nicht wirklich wohl damit, für die Mumins berühmt zu sein. Was störte sie daran?

Das stimmt, das hatte mich auch überrascht. Ich glaube, dass sie sich einfach danach sehnte, als große Malerin gesehen zu werden. Die Mumins waren nur eine kleine Beschäftigung am Rande, mit der sie sich die Zeit vertrieb. Aber das zeichnet diese Geschichten auch aus und macht sie so besonders. Sie konnte darin ihre Gedanken festhalten und auch die Leute festhalten, die ihr wichtig waren. Denn sie sind auf ihre Weise Teil dieser Welt geworden. Dennoch konnte sie nicht verstehen, warum alle nur diese Figuren wollten und nicht ihre ambitionierten Bilder. Sie kam damit auch nicht zurecht und begann irgendwann, die Mumins zu hassen und wollte sich von ihnen lossagen. Was sie auch tat. Da hat mich ebenfalls an ihr beeindruckt: Obwohl sie große Erfolge mit diesen Geschichten feierte, hörte sie damit auf, als sie keinen Zugang mehr dazu hatte. Andere hätten in ihrer Situation wahrscheinlich weitergemacht und die Popularität genutzt.

Hat sie denn später damit Frieden geschlossen, dass alles anders gelaufen war?

Ich denke schon. Ihr war mit Sicherheit auch bewusst, welche große Bedeutung diese Geschichten für andere hatten. Außerdem war sie als Malerin in den späteren Jahren viel stärker als zu der Zeit, in der wie sie zeigen. Sie war als junge Frau noch nicht so frei in dem, was sie tat. Da war sie bei den Mumins schon freier, eben weil sie eigentlich gar nicht dafür gedacht waren, dass andere sie lasen, und sie keine Anerkennung damit suchte. Ihre frühen Bilder waren deutlich konventioneller als die späteren. Ich glaube, dass die damals noch stärker mit den Erwartungen kämpfte und zu sehr versuchte, ernst genommen zu werden.

Du hast eben gesagt, dass in ihren Mumins-Geschichten Bezüge auf die reale Welt zu finden sind. Könntest du uns mehr dazu sagen?

Mumin Papa und Mumin Mama basieren zum Beispiel auf ihren eigenen Eltern. Mumin und Klein Mü waren jeweils Aspekte von Tove. Bei Snufkin wiederum war Atos Wirtanen die Vorlage, der linke Politiker, der auch ihr Liebhaber war. Sie hat auch ihre Liebe zu Vivica Bandler thematisiert, zu einer Zeit, als gleichgeschlechtliche Liebe noch verboten war. Deswegen sind die Geschichten nicht nur Fantasy. Klar kannst du mit ihnen von einer anderen Welt träumen und deine eigene vergessen. Aber es steckt sehr viel mehr drin, auch viele ganz philosophische Gedanken. Deswegen funktionieren die Geschichten auch bei einem erwachsenen Publikum so gut und sind nicht einfach nur Kinderfiguren.

Und abgesehen von diesen privaten Elementen, wie sehr wurde sie durch die Zeit geprägt, in der sie lebte?

Sie wurde auf jeden Fall von dieser Stimmung nach dem Krieg geprägt, das Leben zu feiern und zu genießen. Man hatte dieses dunkle Kapitel hinter sich gebracht und wollte jetzt wieder richtig leben. Die künstlerischen Strömungen haben sie hingegen kaum berührt. Diese Bewegung hin zum Abstrakten, die populär wurde, hat sie nicht mitgemacht. Sie bleib da zu konventionell. Sie war allgemein nie Teil einer Strömung.

Kommen wir zu der Besetzung. Bei einer Geschichte, die ganz auf eine einzelne Figur fokussiert ist, ist es besonders wichtig, die passende Besetzung zu finden. Wie schwierig war das in eurem Fall?

Ich kannte Alma Pöysti schon durch ihre Arbeit am Theater und dachte von vornherein an sie. Aber wir haben sehr viele und sehr lang gecastet, weil es bei Tove wirklich so ist, dass die Schauspielerin den ganzen Film tragen musste. Das ging nur, wenn ich eine Schauspielerin finde, zu der ich eine wirklich gute Verbindung aufbauen kann.

Vielen Dank für das Gespräch!

Foto: Ville Juurikkala
Zur Person
Zaida Bergroth wurde 1977 in Kivijärvi, Finnland geboren. Sie studierte ihr an der Aalto University School of Arts, Design and Architecture in Espoo ab. Nach zahlreichen Kurzfilmen veröffentlichte Bergroth 2009 ihr Spielfilmdebüt Last Cowboy Standing. Ihre Filme feierten Premiere auf renommierten Festivals wie dem Toronto International Film Festival und wurden bei den Filmfestspielen in Busan und Chicago ausgezeichnet.



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