Kritik

Anatomie eines Mordes Anatomy of a Murder

„Anatomie eines Mordes“ // Deutschland-Start: 22. September 1959 (Kino) // 2. August 2001 (DVD)

Seitdem er nicht mehr Staatsanwalt ist, verbringt Paul Biegler (James Stewart) seine Zeit vor allem mit Angeln und Musik, während seine Sekretärin in seinem Büro auf Anrufe wartet. Eigentlich hat er sich vorgenommen, nur noch kleine Aufträge anzunehmen, bis ihn sein Freund Parnell (Arthur O’Connell), ebenfalls Jurist, auf einen Fall aufmerksam macht, den er unbedingt annehmen sollte. Ein Soldat, Leutnant Frederick Manion (Ben Gazzara), ist des Mordes an einem Barbesitzer angeklagt, den er niederschoss, nachdem er herausgefunden hatte, dass dieser angeblich seine Frau Laura (Lee Remick) vergewaltigt hatte. Zunächst skeptisch sucht Biegler das Gespräch mit Manion, der ihm den Sachverhalt noch einmal schildert, sowie mit dessen Frau, die nicht nur überglücklich zu sein scheint, dass sich Paul dem Fall ihres Mannes annimmt, sondern zudem offen mit dem Juristen flirtet. Nach einiger Recherche bleiben zwar kaum Zweifel an der Schuld Manions, jedoch versucht Biegler, mit Hilfe Parnells eine Strategie für die Verteidigung zu entwickeln, nach der Manion aufgrund des Zustands seiner Frau emotional so aufgebracht war, dass er die Kontrolle über sein Handeln verlor. Biegler weiß, dass er sich mit dieser Taktik auf dünnes Eis begibt, vor allem, da der Staatsanwalt mit Claude Dancer (George C. Scott) einen sehr erfahrenen Kollegen mit ins Boot genommen hat, der mit ihm den Prozess bestreiten wird.

Ein Krieg der Worte
Für die Verfilmung von Anatomie eines Mordes des US-amerikanischen Autors Robert Travers, einem Pseudonym des ehemaligen Staatsanwalts John D. Voelker, konnte Regisseur Otto Preminger auf eigene Erfahrungen aus seiner Kindheit in Österreich-Ungarn zurückgreifen, da sein Vater auch Staatsanwalt war und Preminger selbst Jura studiert hatte, bevor er sich für eine Karriere beim Film entschied. Nicht nur wegen seiner realitätsnahen Darstellung eines Kriminalprozesses, sondern auch wegen vieler andere Details sticht Anatomie eines Mordes unter den vielen Produktionen der 1950er Jahre hervor, vor allem, wenn die Handlungen auf Aspekte wie Sexualität zu sprechen kommt. Über allem aber steht die Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Gerechtigkeit, insbesondere der Unterscheidung zwischen juristischer Rechtsprechung und was man beispielsweise individuell oder moralisch als gerecht empfindet.

Viele Gerichtsdramen haben sich gerade an diesen divergierenden Auffassungen von Gerechtigkeit abgearbeitet, doch nur wenige sind der Komplexität des Themas gerecht geworden. In Anatomie eines Mordes ist die Entscheidung über Recht und Ungerechtigkeit vor allem eine der Rhetorik, die sich in der Begegnung der Anwälte abspielt, aber auch in den zahlreichen anderen Dialogen, welche immer wieder Fragen nach der Eindeutigkeit des Falles zulassen und offenbaren, in welche moralische und juristische Grauzonen sich das Drehbuch begibt. Vor Gericht mündet dies in einer Art Stellungskrieg, man verfolgt Taktiken und Strategien, täuscht vor oder verschweigt gewisse Zusammenhänge, welche sich als ungünstig erweisen können. Dem hehren Wunsch nach Wahrheit folgen hier nur Idealisten, doch in der Welt eines Filmes wie Anatomie eines Mordes haben die keinen Platz mehr. Vielmehr ist dies ein Universum der Wortakrobaten und Improvisationskünstler, beides Talente, derer sich der von James Stewart gespielte Paul Biegler sicher sein kann. In diesem Zusammenhang sei auch auf die brillante Musikuntermalung von der Musikerlegende Duke Ellington verwiesen, der in einer Szene kurz als Pianist neben Stewart zu sehen ist.

Die Unverdorbenheit des Gesetzes
Interessant ist aber gerade die Besetzung des Hollywood-Jedermanns James Stewart, der schon in den Kollaborationen mit Alfred Hitchcock solche leicht spießigen Junggesellen spielte, die aber bei genauem Hinsehen moralische und emotionale Abgründe offenbarten. Mögen diese im Falle von Anatomie eines Mordes auch nicht ganz so ambivalenter Natur sein, so liegen sie in der Natur der Profession, der Biegler nachgeht und einer gewissen Abgebrühtheit, wenn es darum geht, die Realitäten eines Prozesses zu durchblicken. Viel mehr Mühe bereitet es Biegler, wie auch seinen Kollegen, Worte wie „Höschen“ im Kontext der Vergewaltigung zu nutzen als im Vergleich dazu die Verdrehung von Worten oder die rhetorische Showeinlage.

Credits

OT: „Anatomy of a Murder“
Land: USA
Jahr: 1959
Regie: Otto Preminger
Drehbuch: Wendell Mayes
Vorlage: Robert Travers
Musik: Duke Ellington
Kamera: Sam Levitt
Besetzung: James Stewart, Lee Remick, Ben Gazzara, George C. Scott, Arthur O’Connell, Eve Arden

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 1960 Bester Film Nominierung
Bestes adaptiertes Drehbuch Wendell Mayes Nominierung
Bester Hauptdarsteller James Stewart Nominierung
Bester Nebendarsteller Arthur O’Connell Nominierung
Bester Nebendarsteller George C. Scott Nominierung
Beste Kamera Schwarzweiß Sam Leavitt Nominierung
Bester Schnitt Louis R. Loeffler Nominierung
BAFTA Awards 1960 Bester Film Nominierung
Bester internationaler Hauptdarsteller Nominierung
Vielversprechendster Newcomer Joseph N. Welch Nominierung
Golden Globe Awards 1960 Bester Film – Drama Nominierung
Beste Regie Otto Preminger Nominierung
Beste Hauptdarstellerin – Drama Lee Remick Nominierung
Bester Nebendarsteller Joseph N. Welch Nominierung
Venedig 1959 Goldener Löwe Nominierung
Bester Hauptdarsteller James Stewart Sieg

Filmfeste

Venedig 1959
Berlinale 1982
Locarno 2003
Locarno 2012

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Anatomie eines Mordes
„Anatomie eines Mordes“ ist ein Justizdrama über die Frage nach Gerechtigkeit. Durch die Inszenierung Otto Premingers entwickelt sich ein unterhaltsames und sehr spannendes Gefecht im Gerichtssaal, das ein Licht wirft auf die ewige Frage nach dem, was wir als gerecht empfinden und wie es dann in den Gerichten des Landes verhandelt wird.
9von 10

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