Kritik

Mrs. Taylors Singing Club

„Mrs. Taylor’s Singing Club“ // Deutschland-Start: 15. Oktober 2020 (Kino) // 19. Februar 2021 (DVD/Blu-ray)

Kate Taylor (Kristin Scott Thomas) ist ein Leben in Sorge gewohnt. Ihren Sohn hat sie bereits bei einem Einsatz in Afghanistan verloren. Und auch ihr Mann ist als Offizier immer wieder im Kriegsgebiet. Um sich und andere Gattinnen von Soldaten auf andere Gedanken zu bringen, gründen sie und Lisa (Sharon Horgan) einen eigenen Chor, der sich auf der Militärbasis zum Proben trifft. Trotz des gemeinsamen Ziels, einfach ist die Zusammenarbeit nicht, sind sie doch zu verschieden bei ihrem Auftreten. Und auch das nicht immer überragende Talent der Frauen stellt die beiden regelmäßig vor eine schwierige Aufgabe. Doch mit der Zeit raufen sich alle zusammen und finden in der Musik ein Ventil, um ihren Gefühlen freien Raum zu lassen …

Filme über Soldaten gibt es natürlich nicht zu knapp, die Filmgeschichte ist schließlich vollgestopft mit Kriegsdramen. Gerne auf der Strecke bleiben in dem Zusammenhang aber oft die Angehörigen eben dieser Soldaten. Frauen und Kinder dürfen, sofern sie überhaupt einen Platz in der Geschichte ihrer Männer finden, lediglich zur moralischen Unterstützung auftauchen. Etwas, an dem Männer festhalten können, wenn Einsamkeit und Bomben aufs Gemüt schlagen. Aber wie erleben sie die schwierigen Zeiten eigentlich? Wie geht man damit um, wenn dein Partner die ganze Zeit fort ist und du nie ganz sicher sein kannst, ob du ihn noch mal lebend wiedersiehst?

Best of gestern
Thematisch ist Mrs. Taylor’s Singing Club deshalb auf jeden Fall interessant. Vereinzelt taucht zwar mal einer der Soldaten auf, um das Publikum daran zu erinnern, dass es sie noch gibt. Ansonsten aber stehen tatsächlich die Frauen im Mittelpunkt. Daraus hätte man sicherlich ein existenzielles Drama drehen können über den Umgang mit dem Tod. Stattdessen machte Regisseur Peter Cattaneo (Ganz oder gar nicht) aus dem Stoff eine gefällige Tragikomödie, die den Ernst der Lage mit ein bisschen Musik übertönt. Das Motto: So lange wir ein paar schöne Lieder singen, wird es schon nicht so schlimm werden. Außerdem vertraut der Film auf die immer wieder beliebte Erkenntnis, dass in der Gemeinsamkeit Halt zu finden ist, aus geteiltem Leid halbes Leid wird.

Das ist dann natürlich schon schön und beruhigend, ein bisschen Eskapismus wird in turbulenten Zeiten wie diesen immer gern gesehen. Allerdings ist die Auswahl der Lieder schon sehr beliebig, schien darauf abzuziehen, dass das Publikum möglichst viele davon bereits kennt. Das kann tatsächlich mal berührend sein, etwa in einer Szene, in der die Truppe eine Version von Yazoos Only You zum Besten gibt. Der Film, der auf dem Toronto International Film Festival 2020 Premiere hatte, ist aber weniger Herzensangelegenheit als vielmehr eine Best-of-Compilation. Das erinnert an die Partys, bei denen irgendwann immer wieder die bewährten Sachen gespielt werden. Das funktioniert natürlich, trägt aber nicht unbedingt dazu bei, dass man sich später an vieles erinnert – oder erinnern müsste.

Frauen als Ehefrauen
Aber es ist nicht nur die Musikauswahl, bei der man auf Nummer sicher ging. Die Dramaturgie des Films folgt ebenfalls ganz brav dem Takt. Dass die beiden so grundverschiedenen Frauen mit der Zeit zusammenfinden ist ebenso obligatorisch wie die Teamwerdung des Haufens. Wenn irgendwann nach einem Zwischenhoch ein tiefer Fall kommt, doch noch ein tragisches Ereignis den Zusammenhalt auf eine Probe stellt, dürfte auch so ziemlich niemand im Publikum überrascht sein. Das gehört sich einfach so. Die größte Schwäche von Mrs. Taylor’s Singing Club ist aber, dass die Frauen zu wenig Eigenständigkeit entwickeln. Dass sie alle zusammengebracht wurden, weil sie Frauen von Soldaten ist, sollte nicht dazu führen, sich nur als solche zu definieren. Es wird zu wenig klar, wer die Figuren außerhalb dieses Kontexts sind.

Dafür passt die Besetzung. Tatsächlich schafft sie es trotz der zahlreichen Konventionen, dass man doch ganz gerne zusieht. Der Kontrast zwischen Kristin Scott Thomas (Gosford Park) als steifem Alphaweibchen und der etwas lockeren Variante in Gestalt von Sharon Horgan (Game Night) sorgt für humorvolle Reibungen. Auch die weniger bekannten Kolleginnen, welche das Schauspiel- und Gesangensemble komplettieren, machen ihre Sache gut und sind sympathisch genug, um die inhaltlichen Belanglosigkeiten vergessen zu lassen. Wer also mal wieder etwas fürs Herz sucht, ohne dieses gleich überfordern zu wollen, findet in dieser Wohlfühl-Tragikomödie Anlass zum Schmunzeln und Schluchzen. Und ein bisschen Mitsummen ist auch noch drin.

Credits

OT: „Military Wives“
Land: UK
Jahr: 2019
Regie: Peter Cattaneo
Drehbuch: Rachel Tunnard, Rosanne Flynn
Musik: Lorne Balfe
Kamera: Hubert Taczanowski
Besetzung: Kristin Scott Thomas, Sharon Horgan, Jason Flemyng, Greg Wise, Emma Lowndes, Gaby French, Lara Rossi, Amy James-Kelly

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Mrs. Taylor’s Singing Club
In „Mrs. Taylor’s Singing Club“ schließen sich mehrere Ehefrauen von Soldaten zusammen und gründen einen gemeinsamen Chor. Das Thema ist ernst, wird hier jedoch zum Anlass für eine Wohlfühl-Tragikomödie, die unterhält, ohne wirklich zu nahe zu gehen. Gerade das Ensemble macht gut Laune und lenkt zumindest teilweise von dem sehr formelhaften Inhalt ab.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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