Kritik

Buffalo Bill und die Indianer Buffalo Bill and the Indians, or Sitting Bull’s History Lesson

„Buffalo Bill und die Indianer“ // Deutschland-Start: 4. Juli 1976 (Kino) // 28. Mai 2020 (Mediabook)

1885 ist Buffalo Bill (Paul Newman) einer der größten Stars, den die USA haben. Jeder kennt die Geschichten von dem großen Helden, der es ganz alleine mit den wilden Indianern aufnahm – auch dank seiner eigenen Show, die sich großer Beliebtheit erfreut. Dort kämpfen aufrechte Cowboys gegen ihre Feinde, es gibt legendäre Schützen und andere Attraktionen, alles was das Herz begehrt. Und bald soll die Show um eine eigene Attraktion reicher sein: Niemand Geringeres als der Indianerhäuptling Sitting Bull (Frank Kaquitts) wird zum Ensemble dazustoßen und so den Aufführungen noch mehr Nervenkitzel schenken. Zum großen Ärger von Buffalo Bill will dieser jedoch nicht so mitspielen wie erhofft und stattdessen die Geschichte der Indianer ganz anders darstellen …

Die Geschichte schreiben bekanntlich immer die Sieger. Wer die Macht und das Sagen hat, der bestimmt, was getan wird, aber eben auch auch, wie darüber berichtet wird. Das sehen wir nicht nur in der aktuellen politischen Lage, in denen Populisten und (Möchtegern-)Diktatoren die Realität so umschreiben, dass sie ins Bild passt – selbst dann, wenn reale Videoaufnahmen das Gegenteil beweisen. Auch in der Vergangenheit hat es immer wieder Beispiele dafür gegeben, dass Ereignisse durch Ausschmückung, Weglassung oder Verfälschung der Nachwelt auf eine gewünschte Weise hinterlassen werden. Denn wird eine Erzählung nur oft genug wiederholt, dann gilt sie als wahr, gleich ob sie es nun ist oder nicht.

Satirische Demontage des Wilden Westens
Schon Robert Altman setzte sich mit diesem Phänomen der falschen Geschichtsschreibung auseinander, als er Mitte der 1970er Buffalo Bill und die Indianer drehte. Den Namen Bufallo Bill dürften viele kennen, ohne wirklich konkret etwas mit ihm zu verbinden. Er war eine berühmte Figur aus den Tagen des Wilden Westens. Aber sonst? Um ein Biopic handelt es sich bei dem Film jedoch nicht. Basierend auf dem 1968 erschienenen Stück Indians von Arthur Kopit gibt der Filmemacher nur begrenzt Einblick in das Leben seiner Titelfigur. Vielmehr konzentriert er sich auf die Show, mit denen Bill Ende des 19. Jahrhunderts durch die USA, aber auch Europa tourte, um dort von seinen eigenen Heldentaten zu erzählen. Tatsächlich war es Bill selbst, der mit gestellten Abenteuern seinen eigenen Mythos schuf.

Mit der genüsslichen Demontage vom Showgeschäft kannte sich Robert Altman natürlich bestens aus, Nashville und The Player – Satiren auf das Musik- bzw. Filmgeschäft – gehören schließlich zu den bekanntesten Werken der Regielegende. Buffalo Bill und die Indianer kann es in puncto Renommee und Popularität nicht mit den beiden Vorzeigewerken aufnehmen. Tatsächlich wurde seine Westernkomödie seinerzeit auch recht gemischt aufgenommen. Das geschah sicher nicht grundlos. Beispielsweise ist der Film zuweilen ein bisschen zäh, da ihm eine Dramaturgie fehlt. Das ist zwar nicht unüblich für Altmans Filme, die oft eher episodisch angelegte Ensemblewerke waren. Gosford Park beispielsweise nahm zwar einen Mordfall zum Rahmen, ist aber mehr mit den Figuren und den Geschichten beschäftigt, um auf diese Weise viel über die Gesellschaft zu sagen.

Sehenswert, aber zu lang
Buffalo Bill und die Indianer verfolgt grundsätzlich eine ähnliche Taktik, hat dabei aber sehr viel weniger zu erzählen – was bei einer Laufzeit von über zwei Stunden etwas unglücklich ist. Dass Bill ein Aufschneider ist, der seine Geschichte aufpoliert, bis vom Original nichts mehr übrig ist, das wissen wir schon nach ein paar Minuten. Altman, der zusammen mit Alan Rudolph das Drehbuch geschrieben hat, findet im Anschluss nichts mehr, um das Anfangsszenario noch einmal nennenswert voranzutreiben. Da gibt es dann zwar noch gute Momente, gerade auch bei der Begegnung von dem Titelhelden und den Indianern, die so gar nicht seiner Erzählung entsprechen, die viel mehr die Eigenschaften aufweisen, die er sich selbst gern zuschreibt. Es sind nur nicht genügend.

Aber auch wenn Buffalo Bill und die Indianer sicher nicht in der obersten Liga von Altmans Filmografie mitspielt, die Westernkomödie ist für sich genommen schon noch sehenswert. Da wäre die schöne Ausstattung mit viel Liebe zum Detail, eine Reihe witziger Einfälle, die zahlreichen Stars, die bei einem Werk des Regisseurs immer mit dazu gehören, der Mut zur Hässlichkeit, den Paul Newman in der Hauptrolle beweist. Außerdem ist der Film selbst als eine Art Geschichtsstunde empfehlenswert, sowohl filmischer wie gesellschaftlicher Art, welche die Manipulationen humorvoll aufgreift und verdeutlicht. Der Horror des amerikanischen Genozids, der bis heute teilweise noch stolz gefeiert wird, wird zwar kaum deutlich. Immerhin funktioniert der Film aber als Appell, die gängigen Erzählungen zu hinterfragen – egal von wem diese nun stammen mögen.

Credits

OT: „Buffalo Bill and the Indians, or Sitting Bull’s History Lesson“
Land: USA
Jahr: 1976
Regie: Robert Altman
Drehbuch: Alan Rudolph, Robert Altman
Vorlage: Arthur Kopit
Musik: Richard Baskin
Kamera: Paul Lohmann
Besetzung: Paul Newman, Geraldine Chaplin, Burt Lancaster, Kevin McCarthy, Joel Grey, Harvey Keitel

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Buffalo Bill und die Indianer
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Buffalo Bill und die Indianer
In „Buffalo Bill und die Indianer“ widmet sich der immer für satirische Demontagen empfängliche Robert Altman dem Thema Wilden Westen zu, entlarvt dabei die Legende Buffallo Bill nicht nur als Aufschneider, sondern greift auch die US-amerikanische Geschichtsschreibung insgesamt an. Das ist als Thema wichtig, teilweise ein vergnüglicher Starreigen, auch wenn sich der Film etwas zieht und irgendwann selbst nicht mehr so viel zu erzählen hat.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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