Kritik

Heimat ist ein Raum aus Zeit DVD

„Heimat ist ein Raum aus Zeit“ // Deutschland-Start: 26. September 2019 (Kino) // 17. April 2020 (DVD)

Mit dem Begriff der Heimat wird in der Politik wie auch in den Medien schon seit jeher sehr viel Schindluder getrieben. So wird das Konzept versucht auf einen Nenner zu reduzieren, auf ein eher diffuses Gefühl, ein Bild oder einen Slogan, der nicht zuletzt immer auch im Kontext einer Ideologie steht, welche die Idee von Heimat für sich nutzt. Geschichtlich gesehen ist es daher nicht verwunderlich, wenn der Begriff bisweilen einige unschöne Assoziationen hervorruft, die auch heute wieder im Rahmen des erstarkten Populismus genutzt werden. Richtig loslösen kann man das Konzept von daher nicht von jenen Kontexten, aber sich von ihm zu distanzieren gelingt keinesfalls, gerade bei einer Idee, welche so allumfassend, global und zeitlich nicht verortbar ist.

In diesen Kontexten bewegt sich auch der neue Film des deutschen Regisseurs Thomas Heise Heimat ist ein Raum aus Zeit, in welchem er sich versucht dem Begriff auf biografischer sowie audiovisueller Ebene anzunähern. Entstanden ist weniger eine Dokumentation und mehr eine Collage an Bilder, Eindrücken, Briefen und Notizen, welche vor dem Auge des Zuschauers das Bild einer Familie ergeben, aber auch des Landes, seiner dunklen wie auch der hellen Seiten. Während auf der Bildebene beispielsweise Alltagsbilder vor allem aus dem Raum Berlin dominieren, aber auch historische Aufnahmen aus der Familienchronik der Heises, erzählen die Briefe sowie andere Dokumente Wilhelm und Wolfgang Heises von den unterschiedlichen Epochen des bewegten 20. Jahrhunderts, ihrer Lieben, ihren Sehnsüchten und bisweilen auch ihrer Wut auf die Welt.

Ein Entwurf zu einem Lebenslauf
An dem Begriff der Heimat haben sich schon viele Geschichtenerzähler abgearbeitet, nicht immer mit Erfolg, berücksichtigt man die Komplexität des Konzepts. Trotz seiner Laufzeit, innerhalb derer Heises Film eine Vielzahl von Eindrücken und Herangehensweisen zu diesem Themenkomplex präsentiert, gibt er nicht vor, eine Definition zu benennen. Vielmehr verankert Heise Begriffe wie Heimat auf zweierlei Ebenen, der Bild- sowie der Tonebene, welche vor allem aus zeitlicher Sicht konträrer nicht sein könnten, zumindest augenscheinlich. Schnell wird dem Zuschauer klar, dass es Heise nicht um ausgetretene Metaphern oder Symbole geht, sondern um einen neuen Zugang für sich selbst und für die Welt, die er zeigt.

Auf der einen Seite folgt Thomas Heise der Chronik seiner Familie, den Dokumenten seines Großvaters und schließlich seines Vaters. Die Überschneidungen der privaten Ebene mit der politischen, der gesellschaftlichen sowie der kulturellen sind nur allzu offensichtlich, beispielsweise wenn es um die Umsiedlung des jüdischen Teils seiner Familie geht zur Zeit des Zweiten Weltkriegs oder um den ideologischen Konflikt zwischen West und Ost. Gerade in diesen Stimmen von Zeitzeugen finden sich mehr Wahrheiten und neue Zugänge zu Themenblöcken wie der Teilung Deutschlands als in dem sich jedes Jahr wiederholenden Bilderstrom anlässlich des Tags des Mauerfalls.

Jedoch sind diese biografischen Zeugen, diese Stimmen der Vergangenheit Teil einer Gesamtgeschichte, deren Echo innerhalb des Films bis in die Gegenwart zu hören ist. Bilder von Industrieruinen oder anderen baufälligen Gebäuden, jetzt dem Zahn der Zeit oder der nächsten Abrissbirne überlassen, betonen jene allgegenwärtigen Spuren der Zeit, die Wichtigkeit jener Stätten bei der Definition von dem was wir Gegenwart und Heimat nennen. Neben diesen Momenten und Eindrücken gelingen Heise auch immer wieder überraschende Momente, beispielsweise, wenn der Liebesbrief seines Großvaters vorgelesen wird und mit dem Bild eines sich verabschiedenden Paars an der U-Bahn Haltestelle Schönhauser Allee zusammenfällt.

Credits

OT: „Heimat ist ein Raum aus Zeit“
Land: Deutschland, Österreich
Jahr: 2019
Regie: Thomas Heise
Drehbuch: Thomas Heise
Kamera: Stefan Neuberger, Peter Badel, Börres Weiffenbach

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Berlinale 2019 Caligari Film Prize Sieg
Deutscher Filmpreis 2020 Bester Dokumentarfilm Nominierung

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Heimat ist ein Raum aus Zeit
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Heimat ist ein Raum aus Zeit
„Heimat ist ein Raum aus Zeit“ ist ein poetischer, vielschichtiger und oft überraschender Film über das große Thema der Heimat. Durch die eigenwillige Kombination von Ton und Bild ergeben sich nicht nur interessante Verbindungen, sondern Thomas Heise versucht zusammen mit seinem Zuschauer nichts Geringeres als einen Blick darauf, was Heimat war, ist und was sie sein kann.
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