Kritik

In my Skin

„In My Skin“ // Deutschland-Start: 30. Januar 2020 (DVD/Blu-ray)

Enitan (Zephan Amissah, später Damson Idris) sollte es einmal besser haben, weswegen der nigerianische Junge an eine britische Arbeiterfamilie gegeben wurde. Sonderlich glücklich ist er dort jedoch nicht, da seine Ersatzmutter Ingrid Carpenter (Kate Beckinsale) kein Interesse an ihm hat. Von Zuneigung ganz zu schweigen. Immer wieder gerät der Junge in Schwierigkeiten, soll zwischenzeitlich sogar in seine Heimat zurück, wo er aber ebenso wenig willkommen ist. Als er erneut bei den Carpenters abgeliefert wird und er zur Zielscheibe von brutalen Skinheads wird, beschließt er, selbst gegen Ausländer und Dunkelhäutige zu hetzen, um von den anderen akzeptiert zu werden …

Rassismus kann bekanntermaßen viele Formen annehmen. Mal wird er sehr offen ausgetragen, in anderen Fällen ist er vielleicht etwas versteckter. Es gibt ihn auch in allen möglichen Farbkonstellationen, wenn es die Umstände erlauben, kann man gegen jeden hetzen, der anders ist. In My Skin fügt dem Ganzen eine neue Variante hinzu, von der man zuvor gar nicht gedacht hätte, dass sie möglich ist: Ein Schwarzer schließt sich weißen Skinheads an, um gegen andere Dunkelhäutige zu kämpfen – darunter auch solche mit einer helleren Haut als er selbst. Das klingt völlig absurd, lässt zwangsläufig die Frage aufkommen, weshalb man das denn tun wollte, auf beiden Seiten wohlgemerkt.

Nur oberflächliche Idioten
Ein bisschen erinnert das an BlacKkKlansman, ein Film über einen schwarzen Polizisten, der zum Undercover-Mitglied beim Ku Klux Klan geworden ist. Während Spike Lee dort die Absurdität der Situation jedoch auch humorvoll nutzte, ist In My Skin eigentlich als Drama angelegt. Komische Situationen gibt es auch hier, wobei nicht immer ganz klar ist, ob diese tatsächlich so gemeint waren. Der Auftritt von Kate Beckinsale, die lauter schwarze Kinder aufzieht, dabei jedoch selbst rassistische Sprüche rausholt, wirkt beispielsweise ausgesprochen grotesk. Bei den Skinheads wiederum gibt es nur die üblichen Stereotypen, die keine stärkere Differenzierung zulassen, weder innerhalb der Gruppe noch im Austausch mit der Welt da draußen.

Darüber ließe sich hinwegsehen, stehen in In My Skin eben nicht die Rassisten im Mittelpunkt, sondern eines ihrer Opfer. Seltsamerweise hat der Film aber auch über den Protagonisten nicht viel zu verraten. Zwar zeigt das Drama, das auf dem Toronto International Film Festival 2018 gezeigt wurde, ausführlich die Situation des Jungen auf, der von allen weitergeschoben wurde, später auch misshandelt und gedemütigt. Und natürlich ist die Entwicklung, dass Opfer mit der Zeit selbst zu Tätern werden, aus anderen Bereichen bekannt. Dennoch gibt es da einen Sprung im Verhalten, der nie richtig befriedigend erklärt wird.

Ein unglaublich wahres Schicksal
Das ist auch deshalb schade, weil Adewale Akinnuoye-Agbaje viel zu dem Thema zu erzählen hat. Der als Schauspieler bekannte Brite, der hier sein Debüt als Regisseur und Drehbuchautor vorlegt, nahm sich nämlich seine eigene Lebensgeschichte zum Vorbild. Wie viele andere nigerianische Kinder wurde er nach England gebracht, um ihnen so später ein besseres Leben ermöglichen zu können – daher stammt auch der englische Originaltitel „Farming“. Und so wie seine Hauptfigur kam er dabei mit dem Gesetz in den Konflikt und rutschte in die rechte Szene ab, bevor er irgendwann doch noch die Kurve schaffte. Darüber einen Film zu drehen, das muss daher eine echte Herzensangelegenheit gewesen sein.

An einigen Stellen zeigt In My Skin auch die rohe Emotionalität, die er damals gefühlt haben muss. Hauptdarsteller Damson Idris hat einige sehr starke Szenen, voller Schmerz und Wut, wenn der entfesselte Enitan mit Gewalt um seine Daseinsberechtigung kämpft. Doch es fehlt dabei die Entwicklung, sowohl das Abrutschen wie auch die Befreiung aus dem Morast finden so schnell statt – bzw. gar nicht –, dass das Publikum unbeteiligt daneben steht, nicht wirklich Einblick erhält in die Figur. Aufgrund der ungewöhnlichen Thematik und besagter starker Einzelmomente ist das Drama durchaus einen Blick wert. Es wird nur der Materie nicht in dem Maße gerecht, wie man sich das wünschen würde.

Credits

OT: „In My Skin“
Land: UK
Jahr: 2018
Regie: Adewale Akinnuoye-Agbaje
Drehbuch: Adewale Akinnuoye-Agbaje
Musik: Ilan Eshkeri
Kamera: Kit Fraser
Besetzung: Damson Idris, Kate Beckinsale, John Dagleish, Jaime Winstone, Genevieve Nnaji, Gugu Mbatha-Raw, Zephan Amissah

Bilder

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In My Skin
3.67 (73.33%) 6 Artikel bewerten

In My Skin
Ein junger schwarzer Einwanderer schließt sich weißen Skinheads an, das klingt irgendwie absurd, basiert aber auf einer wahren Geschichte. Das auf eigenen Erfahrungen basierende Drama „In My Skin“ lockt mit einem interessanten Thema sowie einigen intensiven Momenten, holt aus der Materie jedoch nicht genügend heraus – vor allem die Hauptfigur bleibt einem seltsam fremd.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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