Kritik

Ein Mann sieht rot Death Wish

„Ein Mann sieht rot“ // Deutschland-Start: 1. November 1974 (Kino) // 22. März 2018 (DVD/Blu-ray)

Das Leben von Paul Kersey (Charles Bronson), ein erfolgreicher Architekt, der in einer New Yorker Firma arbeitet, und seiner Frau Joanna (Hope Lange) ist glücklich und privilegiert. Wenig bekommen sie mit von der ansteigenden Kriminalität in den Straßen der Stadt, bestenfalls über Konversationen bei Cocktailpartys oder diversen Schlagzeilen in den Medien. Dies ändert sich schlagartig, als Joanna und Carol (Kathleen Tolan), ihre Schwiegertochter, von einer Bande Halbstarker überwältigt werden. Aus Frust, da die beiden Frauen nur sehr wenig Geld bei sich haben, misshandeln sie Joanna und vergewaltigen Carol. Im Krankenhaus erliegt Joanna dann ihren Verletzungen, während die traumatisierte Carol in Katatonie verfällt.

Von dem Vorfall sowie von der Ergebnislosigkeit der polizeilichen Untersuchung erschüttert nimmt Paul letztlich einen Auftrag seiner Firma an, der ihn zumindest temporär New York City entkommen lässt. In Tucson, Arizona freundet er sich mit dem neuen Bauherren an, einem reichen Geschäftsmann und Waffennarren, der ihm als Dankeschön für seine Arbeit eine Waffe samt Munition schenkt.

Wieder in New York beginnt Paul, der Waffengewalt eigentlich abgeschworen hatte, mehrere Streifzüge durch die nächtliche Metropole, immer auf die Suche nach Dieben oder Dealern, die er dann mit der Waffe zur Strecke bringt. Schon bald feiert und diskutiert die Presse den mysteriösen Schützen, der das Recht in die eigene Hand nimmt und auf den Straßen aufräumt. Parallel beginnt eine Untersuchungseinheit des NYPD unter der Leitung von Leutnant Frank Ochoa (Vincent Gardenia) mit den Ermittlungen zu den Morden, welche weiter anhalten und bald zu einem wahren Medienereignis werden.

Empörung und Gewalt
Kaum jemand wird bezweifeln, dass mit dem Ende der 60er Jahre auch der Traum von einer alternativen Ideologie, wie sie beispielsweise die Hippie-Bewegung propagierte, ein Ende nahm. Während der Vietnamkrieg weiter tobte, vorangetrieben durch die politische Kaste der USA nahm die Gewalt allgemein zu, nicht nur durch die Bilder aus Kambodscha oder der toten Studenten der Kent State University, sondern auch als Alltagsphänomen, gerade in den Innenstädten. Autor Brian Garfields Familie wurde selbst Opfer dieser zunehmenden Gewalt – seine Frau wurde ausgeraubt, sein Auto wurde mehrfach schwer beschädigt – und in seinem Roman Death Wish versuchte er diese generelle angespannte, von Ressentiments und Hass geprägte Atmosphäre seines Heimatlandes aufzunehmen.

Auch wenn dem Roman selbst kein kommerzieller Erfolg vergönnt war, so wurde die spätere Verfilmung mit Charles Bronson in der Hauptrolle ein Kassenschlager, trat zudem eine Mediendebatte los, in der es um das von Garfield und in Michael Winners Film gezeigte Amerika ging und wie man der Gewalt begegnen soll, so man sich einig darüber ist, dass der Weg der Hauptfigur keine Option ist. Andere Stimmen verdammten den Film, wie auch Don Siegels Dirty Harry oder ähnliche Titel, diese würden zur Gewalt aufrufen oder gar zu Nachahmungstätern, eine Behauptung, die erneut aufkam bei der Veröffentlichung von Eli Roths Death Wish, dem Remake zu Ein Mann sieht rot.

Allgemein ist die Version der USA in Winners Film ein Land der Kontraste, welche letztlich als Katalysatoren der um sich greifenden Epidemie der Gewalt sind. Während die wohlhabende Oberschicht, zu der die Kersey zählen, zumindest temporär, sich dem Mikrokosmos Großstadt entfliehen können, gibt es für solche, die es sich nicht leisten können, keinen Ausweg. Die anfängliche Postkarten-Idylle Hawaiis, wo Paul und Joanna ihren Urlaub verbringen, wird gebrochen durch die Bilder vom Moloch der Metropole, den nach oben sprießenden Wolkenkratzern, dem Schmutz, dem Lärm und dem stetigen Verkehr, der wie zähes Blut durch die Adern dieser Stadt fließt. Die bedrückende Musik Herbie Hancocks liefert den Klangteppich, welcher über diese Bilder der Hektik, der Dunkelheit und des Schmutzes gelegt wird.

Zudem erleben wir die verstörend-paradoxe Haltung der Großstädter, besonders jener Schicht, zu der die Kersey gehören. Hört er von einem Arbeitskollegen noch die aktuellen Verbrechenszahlen und Mordstatistiken sind dies nur ferne Informationen, ein Mittel der Distanzierung, die nicht mit der Welt der Kerseys zu tun haben, oder zumindest meint man dies. Mit seinen Kollegen arbeitet er an Bauten, deren Streben nach Höhe und der Vertikale, erneut dem Wunsch der Distanz zu dem Schmutz der Straße betont. Weder die liberale Attitüde noch die konservative Haltung, derer sich Pauls Freunde aber auch die Medien bedienen, schafft es dem Problem nahezukommen oder es zu fassen, wobei noch hinzukommt, dass in manchen Fällen auch mehr intellektuelle Angeberei ist, weil man eben mitreden möchte, Teil der erbost klingenden, aber schlussendlich zahnlosen Entrüstung.

Todeswunsch und Chaos
Bekanntlich sah sich Charles Bronson, der ohnehin immer sehr an seiner Präsenz als dramatischer Schauspieler zweifelte, als Fehlbesetzung für die Rolle des Paul Kersey, betonte, dies sei wohl mehr eine Aufgabe für jemanden wie Dustin Hoffman. Augenscheinlich nimmt man Bronsons Figur nicht wirklich ab, wenn er behauptet aus Gewissensgründen den Gebrauch der Waffe abzulehnen, vor allem, wenn er ein so offensichtliches Talent im Umgang mit diesen zeigt. Jedoch ist Bronson gerade wegen dieses Kontrastes die ideale Besetzung für eine Figur, die der Gewalt viel näher steht, als sie es eigentlich zugeben will. Seine Darstellung des Paul Kersey reflektiert die Aggression einer Gesellschaft, sowohl die aktive wie auch die passive, und durch sein Handeln so etwas wie den Todestrieb dieser Gesellschaft.

Bereits im englischen Titel des Films findet sich ein Hinweis auf das umstritten und nebulös formulierte Konzept Sigmund Freuds vom menschlichen Todestrieb. Der Kulturkritiker Slavoj Žižek wies in seinem Werk Parallaxe auf das Paradoxe innerhalb des Konzeptes hin, welches, entgegen dessen Wortlaut, keinesfalls mit Selbstvernichtung einhergeht, sondern „ein Name für das ‘untote’, ewige Leben selbst [ist], für das schreckliche Schicksal, im endlosen Wiederholungskreislauf des Umherwandelns in Schuld und Schmerz gefangen zu sein“. In diesem Kontext kann man die Handlungen Kersey betrachten, eines Mannes, der seinem Schmerz nicht entkommen kann und dessen Leben folglich aus einem Teufelskreis besteht, wenn er jeden Abend mit einer Pistole bewaffnet durch die Dunkelheit der Straßen zieht, die Nähe dieses New York sucht.

Neben dem moralischen Dilemma, welches die Handlungen Pauls darstellen, wird er durch seine Taten Teil eines Prozesses der Auflösung des Chaos, der seine Umwelt definiert. Winners Film zeigt Gewalt nicht als ein Phänomen, welches sich auf einen Charakter bezieht, sondern in einem viel größeren Zusammenhang betrachtet werden muss. Die von Paul erwähnten unaufgeklärten Morde der Stadt, für die sich weder die Stadtväter noch die Medien sonderlich zu interessieren scheinen, werden akzeptiert als Teil einer Ordnung, vor der das System kapitulieren muss. Vincent Gardenias Figur des Ermittlers ist ein Charakter ohne Macht, Teil einer Hierarchie, in der selbst korrektes Verhalten bestraft werden kann.

In diesem Zusammenhang muss man Ein Mann sieht rot, wie auch dessen Remake, als Diagnose einer Gesellschaft betrachten und als bissige Medienkritik. Da die Gewalt laut Vorurteil nur von Angehörigen einer bestimmten Schicht ausgehen, verstößt jemand wie Kersey durch seinen Griff zur Waffe gegen diese Ordnung, wird zu einem Agenten einer Form des Chaos, die Aufruhr und die Aufmerksamkeit der Institutionen nach sich zieht, die sich vormals für die endlose Schleife an Morden nicht interessiert hat, diese bestenfalls als Randnotiz erwähnt hat. Es ist eine bittere Ironie des Films, eine der vielen, dass, hätte man eine solche Form der Aufmerksamkeit und der Ermittlung im Falle des Überfalls auf Kerseys Familie gehabt, vielleicht jenen Amoklauf des Mannes verhindern können. Und damit auch einen nachhaltigen Schaden an diesem System und dem Glauben an dessen Werte.

Credits

OT: „Death Wish“
Land: USA
Jahr: 1974
Regie: Michael Winner
Drehbuch: Wendell Mayes
Vorlage: Brian Garfield
Musik: Herbie Hancock
Kamera: Arthur J. Omitz
Besetzung: Charles Bronson, Vincent Gardenia, Hope Lange, Steven Keats, Kathleen Tolan

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Ein Mann sieht rot
4.23 (84.62%) 13 Artikel bewerten

Ein Mann sieht rot
„Ein Mann sieht rot“ ist ein verstörender, provokanter Film über Gewalt in unserer Gesellschaft, wie wir gelernt haben, sie zu akzeptieren und mit ihr zu leben. Entgegen der Behauptung vieler Kritiker ist dies keinesfalls ein Film, der nur zeigt, sondern ein Film, der von seinem Zuschauer eine Antwort verlangt, eine Positionierung. Charles Bronson brilliert in einer Rolle eines Menschen, der das Recht in die eigenen Hände nimmt, seine eigene Form der Justiz in die Straßen trägt und damit zu einem Dilemma für uns wird, einem Menschen, dessen Schmerz man verstehen kann, dessen Handeln man aber verurteilt.
9von 10

Eine Antwort

  1. Martin Zopick

    Wie sehr haben sich doch unsere Sehgewohnheiten in den letzten dreißig Jahren verändert, z.B. was Gewalt angeht. Was in den 70 er Jahren noch ein Reißer war, ist heute fast Ponyhof. Die Frau (Hope Lange) von Charles Bronson wird von einer Jugendgang getötet, die Tochter bleibt dement. Er wird zum selbsternannten Rächer (‘Vigilante‘): beobachtet Überfälle, Misshandlungen, Schlägereien und greift ein. Wohlgemerkt nur wenn er oder andere angegriffen oder provoziert werden. Es geht ihm nicht um Rache für seine Familie, denn die Täter sieht er nie mehr wieder, sondern nur ums Töten von diesen bösen Buben. (Von denen hat es nur der Debütant Jeff Goldblum zu größerem Leinwandruhm gebracht.)
    Dachte Regisseur Michael Winner noch an einen Rachefeldzug mit klarer Einteilung in Goodies und Badis, wobei das Töten aufs Gerate wohl schon der Schocker war, so läuft der Film heute unter typisch Charles Bronson oder weich gespülter Killer Thriller.
    Außer den ironischen Seitenhieben aufs amerikanische Gesundheitssystem, was heute noch maroder ist als damals, bekommt auch die Polizei und die allmächtige Waffenlobby (NRA) ihr Fett weg. Als der Polizeichef Ochoa (Vincent Gardenia) dem Vigilanten gegenübersteht, lässt er ihn laufen, denn einer der ureigensten amerikanischen Werte aus der Pionierzeit: der Selbstschutz ist in Gefahr. Die Bevölkerung soll lieber weiterhin glauben, dass der Vigilant nachts auf Patrouille geht. Dann sind die Straßen sicherer. Man erkennt wie weit die USA und Europa wertemäßig auseinander liegen.
    Und einen finalen Gag setzt Winner noch oben drauf: als Charles beobachtet, wie eine Gruppe Jugendlicher eine Frau belästigt, macht er scherzhaft eine Fingerpistole. The End! Der deutsche Titel ist in den allgemeinen Wortschatz übernommen worden. Der des Originals ist eher ambivalent. Der Film reicht heute höchstens noch für ein Streitgespräch mit der National Rifle Assossiation, deren namhaftester Vertreter Charlton Heston war.

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