Motherless Brooklyn

„Motherless Brooklyn“ // Deutschland-Start: 12. Dezember 2019 (Kino) // 28. Mai 2020 (DVD/Blu-ray)

Immer wieder leidet Lionel Essrog (Edward Norton) aufgrund seines Tourette-Syndroms an seltsamen Zuckungen oder ruft wirre Sachen, was ihm den Alltag mit anderen Menschen schon sehr erschwert. Sein Gedächtnis ist dafür hervorragend, eine nützliche Gabe bei seiner Arbeit als Detektiv. Eine Gabe, die er jetzt auch sehr gut gebrauchen kann, als sein Chef und Mentor Frank Minna (Bruce Willis) ermordet wird. Fest entschlossen, die Mörder zu finden, begibt sich Lionel auf die Suche nach Hinweisen. Bald schon führt ihn eine Spur in einen afroamerikanischen Jazzclub, wo er auf die schöne Laura Rose (Gugu Mbatha-Raw) trifft, die gegen den Bausenator Moses Randolph (Alec Baldwin) ankämpft …

Eines muss man Motherless Brooklyn auf Anhieb zugestehen: Einen vergleichbaren Film wird man so schnell wohl kaum kein zweites Mal im Kino sehen dürfen. Es verwundert dann auch nicht wirklich, dass Edward Norton seine liebe Not hatte, das Projekt auf die Beine zu stellen. Die Rechte an Jonathan Lethems gleichnamigen Roman kaufte er schon vor zwanzig Jahren, haderte aber lange mit der Umsetzung – und der Entscheidung, ob er die Geschichte selbst inszenieren möchte oder nicht. Am Ende tat er das, hinterließ zudem beim Inhalt seine Spuren, indem er eine Reihe von Aspekten abänderte.

Zurück in die Vergangenheit
Der auffälligste davon: Er verlegte die Geschichte in die 1950er. Ob das nun eine gute oder schlechte Idee war, darüber kann man geteilter Meinung sein. Lethem Version orientierte sich natürlich schon sehr stark an den Werken aus dieser Zeit, als abgebrühte, oft zynische Privatdetektive in langen Mänteln dem Verbrechen auf der Spur waren. Wenn Motherless Brooklyn nun in der Zeit spielt, in der diese Krimis populär waren, ist das einerseits naheliegend und natürlich. Es ist aber auch ein wenig witzlos, da das Spiel mit den Vorlagen auf diese Weise zu oft eher wie eine Imitation wirkt, weniger wie eine Auseinandersetzung damit. Setting und Machart gehen hier Hand in Hand, anstatt sich wie im Buch zu reiben.

Einen anderen Kontrast behielt Norton hingegen bei: das Tourette-Syndrom. Die Nervenerkrankung, die für Ticks und unkontrollierte obszöne Beleidigungen bekannt ist, passt natürlich so gar nicht zu dem Bild eines ernsten Detektivs, der sich berufsbedingt in den Schatten aufhält. Denn wo auch immer Lionel auftaucht, fällt er auf. Motherless Brooklyn macht sich nicht per se über ihn lustig, zeigt die Figur als einfühlsam und intelligent. Der eine oder andere komische Moment ist aber schon zwangsläufig dabei, wenn die Ermittlungen ein wenig anders ablaufen, als man es erwarten könnte. Auf Dauer zerrt es jedoch ein wenig an den Nerven, wenn sich das Gefühl einschleicht, dass das Drumherum die Geschichte überlagert.

Ist das euer Ernst?
Wobei das mit der Geschichte so oder so eine sehr gemischte Angelegenheit ist. Die Ausführungen zur Gentrifizierung sind sicherlich spannend und ausgesprochen aktuell, was in Kombination mit dem 50er Jahre Setting zusätzlichen Reiz entwickelt. Der eigentliche Fall ist jedoch weniger interessant, wird zudem immer wieder von Norton vernachlässigt, wenn er sich lieber mit anderen Teilen seines Films aufhält. Zum Ende hin fällt das Ganze dann ohnehin komplett in sich zusammen, wenn eine unsinnige Wendung nach der anderen kommt, bis man meint, einen dieser alten Schundromane vor sich zu haben. Das könnte man als ironische Auseinandersetzung mit der Idiotie solcher Werke auffassen. Oder eben selbst als idiotisch.

Am meisten Spaß macht Motherless Brooklyn, welches auf dem Telluride Film Festival 2019 Premiere hatte, ohnehin wenn Norton sich einfach der Atmosphäre der damaligen Zeit und solcher Geschichten hingibt. Der Jazzclub ist beispielsweise fantastisch in Szene gesetzt, auch andere Orte sind mit viel Aufwand rekonstruiert worden. 144 Minuten davon hätte es dann aber doch nicht gebraucht. Der Film ist gleichzeitig zu lang und zu kurz, führt einiges nicht genug aus und braucht dafür ewig, um mal irgendwo hin zu kommen. So sehr man Teile dieses Krimis bewundert, bewundern will, spannend ist er nicht gerade. Stellenweise hat man hier das Gefühl, dass nicht nur zurück durch die Zeit gereist wurde, sondern dass diese dabei auch stehengeblieben ist – was in dem Fall kein Kompliment ist.



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Motherless Brooklyn
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Motherless Brooklyn
„Motherless Brooklyn“ erzählt die Geschichte eines Privatdetektivs in den 1950ern, der den Mord an seinem Mentor aufklären will. Der Kontrast des ernsthaften Berufs mit seinem Tourette-Leiden ist interessant, auch Ausstattung und Atmosphäre stimmen. Die Geschichte ist dafür zwiespältig, zudem kommt die Handlung oft einfach nicht vom Fleck.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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