What We Left Unfinished

„What We Left Unfinished“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Afghanistan ist nicht unbedingt ein Land, das wir auf Anhieb mit Filmen in Verbindung bringen würden. Kein Wunder, ist unser Bild doch nach wie vor von der Schreckensherrschaft der Taliban geprägt. Und die war für jegliche Form von Unterhaltung bekanntlich wenig zu begeistern. Inzwischen hat sich die Situation im Land ein wenig geändert, es gibt sogar wieder Fernsehsender. Eine tatsächliche Filmindustrie gibt es aber nach wie vor nicht, geschaut wird vorrangig, was im Ausland produziert wird.

Der Film, dein Propagandafreund
Das war früher einmal anders. Während der Zeit der sowjetischen Besatzung Ende der 1970er bis Anfang der 1990er hatte die Regierung sogar durchaus Interesse an eigenen Filmen, ließen sich die doch wunderbar zu Propagandazwecken verwenden. Das ist natürlich kein rein afghanisches oder sowjetisches Phänomen, von Nazi-Deutschland bis zum heutigen China wurde diese Möglichkeit oft und gerne aufgegriffen, cineastisch das Volk in die gewünschte Richtung zu lenken.

What We Left Unfinished erzählt aus seiner Zeit, als die sowjetisch bestimmte Regierung ein scharfes Auge darauf hatte, bloß keine regimekritischen Werke durchzulassen. Wenn es in Filmen zu Auseinandersetzungen zwischen dem Staat und Aufständischen kommen sollte, dann bitte nur mit einem Happy End: der Niederlage der Aufständischen, gern auch mit etwas Verunglimpfung verbunden. Interessierten sich Filmemacher hingegen nicht für Politik, mussten sie nicht unbedingt etwas befürchten. Denn dann interessierte sich die Politik auch nicht unbedingt für sie.

Was war, was nicht war
Der Dokumentarfilm lässt eine Reihe von Zeitzeugen zu Wort kommen, sei es aus dem Bereich Regie oder Schauspiel, befragt sie zu ihren Erfahrungen in der damaligen Zeit. Daran geknüpft sind – der Titel deutet es an –, fünf Filme, die damals nicht fertiggestellt werden konnten. Die US-amerikanische Regisseurin Mariam Ghani, die hier ihr Langfilmdebüt gibt, kombiniert dabei Szenen dieser unvollendeten Werke mit klassischen Interviewaufnahmen. Dazu gibt es noch das eine oder andere Bild des heutigen Afghanistans.

Das ist als Thema natürlich sehr speziell, dürfte vielen sowohl geografisch wie auch historisch zu weit weg sein. Und doch ist What We Left Unfinished, das auf der Berlinale 2019 Weltpremiere feierte, ein durchaus spannender Einblick in die Arbeit von Filmemachern und Filmemacherinnen. Teile davon sind universell, das Abwiegen von Selbstverwirklichung und Sicherheit dürfte die meisten umtreiben, die in dem Geschäft zu tun haben. Dazu gibt es verblüffende bis kuriose Anekdoten wie die, dass es in Afghanistan damals keine Platzpatronen gab, weshalb immer wieder echte Geschosse zum Einsatz kamen.

What We Left Unfinished
4.1 (82%) 20 Artikel bewerten

What We Left Unfinished
„What We Left Unfinished“ erzählt von den teils widrigen Umständen, unter denen afghanische Filmemacher während der sowjetischen Besatzung arbeiten mussten. Das ist verblüffend bis kurios, kombiniert Szenen alter unvollendeter Werke mit Interviews von Künstlern, die sich an die damalige Zeit erinnern.
0ohne Wertung

Über den Autor

Chefredakteur

Eine Antwort

  1. Berlinale press roundup – What We Left Unfinished

    […] Oliver Armknecht, film-rezension.de “While the topic may seem at first glance to be too specialized or historically and geographically distant, What We Left Unfinished is a thoroughly exciting insight into the work of filmmakers. Some parts are universal – the balancing act between self-fulfillment and security likely haunts most in the business – while other anecdotes are amazing and strange.” […]

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.