Mackie Messer Brechts Dreigroschenfilm

„Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ // Deutschland-Start // Kino: 13. September 2018

Auf der Bühne, da ist die Dreigroschenoper des Schriftstellers Bertold Brecht (Lars Eidinger) bereits ein riesiger Erfolg. Da bietet es sich doch an, die Geschichte auch gleich für die große Leinwand zu adaptieren. Eine interessierte Produktionsfirma ist schnell gefunden, dem Projekt steht nichts mehr im Wege. Bis auf Brecht selbst, der sich bei der Umsetzung immer wieder mit den Filmmenschen anlegt. Während die Geschichte um den Ganoven Macheath (Tobias Moretti), der mit Polly (Hannah Herzsprung), der Tochter des sogenannten Bettlerkönigs Peachum (Joachim Król), durchgebrannt ist, größtenteils unangetastet bleibt, werden schnell Differenzen deutlich, wie der Stoff als Film auszusehen hat.

Sie ist uns fremd und doch ganz nah, die Welt der Künstler, deren Werke Teil unseres Lebens sind. Künstler, die aber Abziehbilder in Magazinen, im Fernsehen oder im Internet bleiben. Kein Wunder also, dass wir nur zu gerne Filme sehen, die uns ein bisschen hinter die Kulissen schauen lassen. Da wären die unzähligen Biopics, etwa über französische Maler (Gauguin, Meine Zeit mit Cézanne), oder auch Dokumentationen, die großen Künstlern über die Schulter schauen (David Lynch: The Art Life). Eine weitere Möglichkeit: Das Schaffen eines Kunstwerks filmisch aufzubereiten. Ein Film über das Filmemachen also, siehe beispielsweise The Disaster Artist.

Ein Film über einen Film über ein Stück
Auch Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm scheint ein solcher Film zu sein, wenn wir Brecht bei der filmischen Umsetzung seiner berühmten Oper zuschauen. Zwei Punkte sind es jedoch, die dieses Drama von den vielen thematisch verwandten unterscheidet. Da wäre zunächst, dass Brechts geplante Adaption nie vollendet wurde. Wenn Regisseur und Drehbuchautor Joachim Lang aus dem Leben des großen Schriftstellers plaudert, dann über ein Scheitern. Denn nach dem Zerwürfnis von Brecht und den Studiomenschen kam der Film ja durchaus. Nur von jemand anderem. Der Dreigroschenfilm ist also keiner, die Geschichte darüber ist die Geschichte von zwei Welten, die aufeinanderprallen: Brechts künstlerische Ambitionen und die wirtschaftlichen Interessen der Produktionsfirma.

Lang war es aber offensichtlich nicht genug, allein nur von diesem Konflikt zu erzählen. Dafür ist dieser letztendlich zu gewöhnlich, kreative Integrität und kommerzieller Zwang sind selten gute Freunde. Also drehte er selbst noch eine eigene Adaption der Oper und ließ sie und den biografischen Teil ineinandergreifen. Das bedeutet, dass wir abwechselnd der Geschichte folgen, die Brecht weit über die Literaturzirkel hinaus bekannt gemacht hat, und dem Versuch, eben diese Geschichte zu verfilmen.

Munteres Ebenenspringen
Das geht mit allerlei Querverweisen einher, sei es zwischen den beiden Handlungssträngen oder auch zwischen Film, Realität und Publikum. Da wird schon einmal die Vierte Wand durchbrochen, die Zuschauer adressiert oder auch kommentiert, wie unsinnig ein Film ist, sein kann, manchmal sein muss. Das ist ein bewusst intellektuelles Vergnügen, das sich – ganz im Stile von Brecht – lieber um Kunst kümmert, weniger um das Publikum da draußen. Brecht-Liebhaber werden es zu schätzen wissen, wenn der Eröffnungsfilm des Filmfests München 2018 auf historisch dokumentierte Zitate zurückgreift. Für die breite Masse ist das hingegen nichts. Es ist sogar beachtlich, wenn nicht mutig, einen Film zu produzieren, der so völlig losgelöst von allem zu existieren scheint, was in Deutschland Publikum anzieht.

Umso mehr, da der Film mit einem unglaublichen Aufwand betrieben wurde. Die historische Kulisse, die Liebe zum Detail: Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm ist ein visueller Genuss, gerade auch weil sich das Drama ohne jegliche Scham in seiner Künstlichkeit badet. Das ist teilweise grandios, auch durch den starken Kontrast zum regulären deutschen Kino. Es ist grotesk, weil der Film jede Chance nutzt, sich von der Realität und den Menschen abzusetzen. Und manchmal ist es auch grausam, dabei zusehen zu müssen, wie hier eine Selbstverliebt ausufert. Das geht gerade zu Lasten der Figuren, sowohl innerhalb wie außerhalb der Adaption, die zu keiner Zeit wie jemand aus Fleisch und Blut wirken. Die Kämpfe untereinander entwickeln dadurch auch nie die Kraft, die sie haben sollten. Dafür sind sie nie real genug, sind eher verspielte Gedankenexperimente, die ohne zwingende Folgen bleiben. Sehenswert ist die bewusst verkopfte Filmabhandlung durchaus auf ihre Weise. Aber auch frustrierend, weil sie sich so sehr damit beschäftigt, was sie alles kann, und dabei unterschlägt, was sie will und soll.

Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm
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Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm
„Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ ist gleichzeitig Adaption des berühmten Theaterstücks wie auch ein Film über eine gescheiterte Adaption. Das ist ambitioniert, sieht fantastisch aus und gefällt teilweise durch die vielen Querverweise und Spielereien. Manchmal ist das ebenso selbstverliebte wie verkopfte Drama aber auch eine Zumutung.
6von 10

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