„The Miseducation of Cameron Post“, USA, 2018
Regie: Desiree Akhavan; Drehbuch: Desiree Akhavan, Cecilia Frugiuele; Vorlage: Emily M. Danforth; Musik: Julian Wass
Darsteller: Chloë Grace Moretz, Jennifer Ehle, John Gallagher Jr., Sasha Lane, Forrest Goodluck, Emily Skeggs, Owen Campbell, Quinn Shephard

Im Jahr 1993 geht für Cameron Post (Chloë Grace Moretz) die High School Zeit auf ihr Ende zu. Als sie beim Abschlussball dabei erwischt wird, wie sie ein anderes Mädchen auf dem Rücksitz eines Autos leidenschaftlich küsst, wird sie postwendend in ein christliches Camp für Reparativtherapie geschickt. In „God’s Promise“ werden Teenager behandelt, die an SSA (Same Sex Attraction) „leiden“. In der Einrichtung wird Cameron befremdlichen Disziplinierungsmaßnahmen, dubiosen „Entschwulungs“-Methoden und inbrünstigem Christen-Rock ausgesetzt. Doch in diesem ungewöhnlichen Umfeld wird sie Teil einer buntgemischten Gruppe homosexueller Teenies. Zum ersten Mal in ihrem Leben trifft Cameron auf Gleichgesinnte und erhält die Chance, ihren Platz in den Reihen der Aussätzigen zu finden.

Coming of Age im Retro-Look
Nach ihrem Regiedebüt Appropriate Behavior aus dem Jahr 2014 nimmt sich die LGBT-Filmemacherin Desiree Akhavan den nächsten regenbogenfarbenen Stoff zur Brust. The Miseducation of Cameron Post basiert auf dem gleichnamigen Jugendroman der amerikanischen Autorin Emily M. Danforth und gilt als Überraschungshit des diesjährigen Sundance Film Festivals, nachdem der Film dort den Grand Jury Prize abräumte.

Die Zeit, in der die Geschichte um die nonkonforme Cameron Post spielt, ist nicht nur aufgrund der detailgetreu umgesetzten und visuell bestechenden Retro-Optik ein großer Pluspunkt für den Erfolg des Films, sondern vor allem entscheidend für die Umstände und Konsequenzen der Narration. Denn obwohl sich die Lebensumstände für Homosexuelle Jahrzehnt für Jahrzehnt verbesserten, war es Anfang der 90er noch lange keine Normalität, sich öffentlich als schwul, lesbisch oder bi zu outen.

Im Film haben die Liebeleien zwischen Cameron und ihre High-School-Freundin Coley (Quinn Shephard) fatale Folgen. In einem Wimpernschlag setzt sie ihre Tante im konservativen Christencamp God’s Promise aus, in der alle Uniform tragen müssen, mehrmals täglich beten und in Einzeltherapie mit der rigorosen Direktorin (Jennifer Ehle) und ihrem umgepolten Bruder (John Gallagher Jr.) die Gründe für ihr Abnormalität erforschen. Denn SSA ist laut der Campleiter nur die Spitze des Eisbergs, die zu ergründenden Ursachen liegen unter der Oberfläche verborgen.

The Miseducation of Cameron Post ist ein ergreifendes Coming-of-Age-Drama wie aus dem Bilderbuch, das die Gefühls- und Gedankenwelt seiner halbstarken Helden empathisch und glaubwürdig wiedergibt. Die Botschaft der drei Hauptfiguren um Cameron und ihre beiden besten Camp-Kumpels Jane (Sasha Lane) und Adam (Forrest Goodluck), die sich clever gegen die Manipulation und Malträtierung der Autoritäten und der Welt um sie herum wehren, ohne jemals an sich selbst oder ihrer Einstellung zu zweifeln, ist klar: Ob homosexuell oder nicht, Teenager sein in einer Welt voll strikter Regeln und empathieloser Erwachsener ist hart. Wie Jane an einer Stelle feststellt, ist das vielleicht der Punkt des Teenie-Daseins: sich in sich selbst verkehrt zu fühlen. Im Beitrag vom Filmfest München 2018 wird dies durch die fast schon lächerlich dickköpfige Logik der Erwachsenen auf die Spitze getrieben, wodurch die Symbolik gut zur Geltung kommt und vor allem beim jüngeren Publikum auf hohen Anklang treffen wird.

Spitze des Eisbergs?
Für den anspruchsvollen Zuschauer wird der Plot und die Charakterentwicklung in The Miseducation of Cameron Post höchstwahrscheinlich zu simpel und zu flach ausfallen. Den an sich gut durchdachten und stark besetzten Figuren wird nicht genügend Spielraum geboten, um sich weiterzuentwickeln. Stattdessen bleiben sie in den meisten Fällen eindimensionale Typen, die entgegen des unkonventionellen Genres allen Erwartungen entsprechen, nie aus der Reihe tanzen und damit schnell in Vergessenheit geraten. Zudem wird den interessanten Rollen, die es ja beispielsweise mit Jane und Adam durchaus gibt, zu wenig Zeit und Wichtigkeit verliehen, um die Handlung zu beeinflussen, während die Hauptfigur der Cameron Post, die auf 90 % aller Situationen scheinbar gleichgültig und wortwörtlich mit einem „I don’t know“ reagiert, mit Sicherheit die eintönigste Figur ist. Unnötig erdichtete Erzählstränge, wie die Tatsache, das Cameron als Waisenkind bei ihrer Tante lebt, und ein zu schnell aufgewickeltetes Finale, das weder rekapituliert, noch in die Zukunft blickt, bremsen den Film weiter aus.

The Miseducation of Cameron Post
3.88 (77.5%) 24 Artikel bewerten

The Miseducation of Cameron Post
Vielleicht wurden die Latte durch den überraschenden Sundance-Erfolg für "The Miseducation of Cameron Post" ein wenig zu hoch gelegt. Denn trotz der topaktuellen Agenda, der perfekt umgesetzten 90er-Optik, des vielversprechenden Casts und der verheißungsvoll positiven Botschaft, ist der Film kein Meisterwerk. Doch in all seiner Bescheidenheit gelingt es, das tiefe, jugendliche Bedürfnis nach Wertschätzung auszudrücken und dafür verdient er den Applaus aller vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Teenager.
7von 10

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