„Kolyma“, Deutschland, 2017
Regie: Stanislaw Mucha; Musik: Eike Hosenfeld, Moritz Denis, Tim Stanzel

Kolyma

„Kolyma“ läuft ab 21. Juni 2018 im Kino

Momentan ist Russland und deren Ein-Mann-Partei Putin ja ständig in den Nachrichten, sei es im Zusammenhang mit der gerade gestarteten Fußball-Weltmeisterschaft oder in Bezug auf mögliche Wahlmanipulation im Westen. Aber man mag es kaum glauben, in dem flächenmäßig größten Land der Erde gibt es doch den einen oder anderen Flecken, wo der oberste Anführer nicht wirklich mitmischt.

Einer der vielen Menschen, die in Kolyma zu Wort kommen, lacht auch nur bei der Vorstellung, dass Putin bei ihnen vorbeikommen könne. Der interessiere sich nur für das Gold, das dort im sibirischen Niemandsland geborgen würde. Manches davon verschwindet schon mal plötzlich, wie ein anderer im Laufe des Dokumentarfilms angibt. Aber Putin würde das schon aufklären, fügt er in vollstem Ernst hinzu.

Das Kuriose auf der Straße
Dass diese beiden Aussagen nur schwer miteinander zu vereinen sind, das ist natürlich auch Stanislaw Mucha klar. Und vermutlich gewollt: Der Regisseur von Dokumentarfilmen wie Die Wahrheit über Dracula nutzt den Ausflug in die nicht ganz so präsenten Gegenden Russlands, um die unterschiedlichsten Leute zu finden. Sehr kuriose Gestalten auch, die sowohl separat wie auch in Kombination für viel Erheiterung sorgen.

Dabei ist der Anlass der Reise eigentlich alles andere als heiter oder komisch. Bekannt und berüchtigt war der Oberlauf des russischen Flusses Kolyma und das Kolyma- und Tscherskigebirge neben den reichen Bodenschätzen vor allem für die harten Bedingungen, unter denen die Menschen dort leben und arbeiten mussten. Viele fanden hier den Tod in den gefürchteten Arbeitslagern. Aber erst nachdem sie kräftig ausgenutzt und misshandelt wurden natürlich.

Die Willkür der Hölle
Vereinzelt schimmert diese dunkle Vergangenheit hier noch durch. Unter anderem traf Mucha ehemalige Insassen, Leute, die aus den unterschiedlichsten Gründen in die Lager gesperrt wurden. Da gab es natürlich welche, die offen gegen das Regime protestierten und deshalb entfernt werden müssen. Unliebsame Personen, die aus dem Verkehr gezogen wuden. Manche hatten aber auch einfach nur Pech, waren zur falschen Zeit am falschen Ort. Absurd klingt es, was manche hier zu erzählen haben. Mal auf eine witzige, dann auf eine erschreckende Weise.

Wenn Gefangene beispielsweise eine behelfsmäßige Schaukel für das Kind eines Lageraufsehers bauen mussten, das Kind später beim Schaukeln immer über die gebrochenen Arbeiter schauen konnte, dann weiß man gar nicht so recht, was man hier noch fühlen soll. Und spätestens wenn einer der Befragten von seinen eigenen, sehr eigenartigen Experimenten berichtet, dann kommt man aus dem Staunen und Wundern kaum noch heraus. Dass auf diese Weise kein einheitliches Bild entsteht, Kolyma keine direkte Aussage trifft, mag man als Manko empfinden oder aber als Stärke. Ungewöhnlich ist der Dokumentarfilm so oder so, bietet einen Querschnitt durch einen Teil der russischen Gesellschaft – von Hurra-Patrioten über Goldgräber zu Verbrechern und Spinnern.



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Kolyma
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Kolyma
„Kolyma“, das bedeutete früher Gefangenen- und Arbeitslager, das bedeutete Ausbeutung und Tod. Stanislaw Mucha geht in seinem Dokumentarfilm auf Spurensuche in dem sibirischen Niemandsland und findet dabei die unterschiedlichsten Leute und Geschichten – von komisch bis erschreckend.
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