„Becoming Animal“, Schweiz/UK, 2018
Regie: Emma Davie, Peter Mettler; Musik: AtomTM, Thomas Tallis, Gregorio Allegri, Frank Bretschneider

Becoming Animal

„Becoming Animal“ läuft im Rahmen des 36. Filmfests München (28. Juni bis 7. Juli 2018)

Dokumentationen über Natur, Umwelt und Tiere, die gibt es natürlich nicht zu knapp. Einige davon nehmen uns mit auf eine weite Reise, sind vierbeinigen Begleitern gewidmet (Kedi – Von Katzen und Menschen) oder zeigen uns die vergessene Schönheit dieser Welt vor unserer Haustür (Magie der Moore). Andere nehmen sich vor allem des Themenkomplexes an, wie wir die Natur zerstören und was wir dagegen tun könnten – etwa Guardians of the Earth oder Zeit für Utopien. Wobei die Grenzen zwischen all dem natürlich fließend sind. Wer die Wunder der Natur zeigt, der will sich natürlich gleichzeitig auch für deren Erhalt einsetzen.

In Becoming Animal ist das zum Beispiel der Fall. Wir entdecken idyllische Fleckchen dieser Welt, wenn die beiden Regisseure Emma Davie und Peter Mettler umherstreifen, uns mit in die Wälder nehmen, uns abgelegene Flüsse vor Augen führen oder Tiere mit der Kamera festhalten – von kleinen Schnecken bis zu majestätischen Elchen, denen es offensichtlich egal ist, wenn sie die Straße für Autos blockieren.

Die Natur als fremde Welt
Aber es sind eben diese Berührungspunkte, die der Beitrag vom Filmfest München 2018 näher beleuchtet. Genauer ist es die Entfremdung von Mensch und Natur, die hier umfassend thematisiert wird. Anders als bei den Beispielen oben geschieht das hier aber nicht auf eine moralisierende Weise. Da wird nicht mit einem wild wedelnden erhobenen Zeigefinger auf Beispiele des Raubbaus gezeigt oder Untergangszenarien gemalt. Der Zugang ist nachdenklicher, leiser und sehr viel weniger konkret.

Begleitet werden die beiden Filmemacher von dem US-amerikanischen Philosophen David Abram, der als einer der Vorreiter der Ökologiebewegung gilt. Das alleine sollte schon eine Vorstellung davon geben, in welche Richtung Becoming Animal sich bewegt. Auch wenn der Film natürlich viel in der realen, fassbaren Natur unterwegs ist, so ist es doch vor allem eine philosophische Annäherung an das Themenumfeld. Abram spricht beispielsweise von den Anfängen unserer Sprache, die sich noch an unseren Beobachtungen der Welt festmachte, später aber immer weiter abstrahierte – parallel zu unserer inneren Entfremdung von der Umwelt.

Spirituelles Holz und verfremdete Ursprünge
Das ist gleichzeitig richtig viel Holz und dann auch wieder nicht. Stoff zum Nachdenken, den man kaum spürt. Becoming Animal ist nur zum Teil Dokumentation, verbindet pure Informationen mit essayistischen Gedankenflüssen und auch visuellen Experimenten. Kameratricks, digitale Verfälschungen wechseln sich mit unberührten Naturaufnahmen ab und veranschaulichen auch auf diese Weise das Nebeneinander und die Entfremdung, versuchen zuweilen – dem Titel gemäß – eine neue Form der Wahrnehmung zu etablieren, die sich dem Tierreich annähert..

Ungewöhnlich sind die Bilder, die uns Davie und Mettler da anbieten, vertraut und fremd in einem, geradezu spirituell aufgeladen und doch auch von Technik durchdrungen. Das Ergebnis ist eine recht besondere Kinoerfahrung, die sich nicht für ein größeres Publikum eignet. Dafür sind die Ergebnisse am Ende zu dünn, überlassen zu viel dem Zuschauer, aus der Materie etwas zu machen – inklusive der Definition, was genau diese Materie eigentlich ist. Wer offen ist für derlei ästhetisch-philosophische Grenzerfahrungen, der sollte Becoming Animal jedoch im Auge behalten.

Becoming Animal
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Becoming Animal
Wie würde die Welt wohl durch die Augen von Tieren aussehen? Welchen Einfluss hat Sprache auf unseren Umgang mit der Natur? In welchem Verhältnis stehen wir zu dem Ganzen? „Becoming Animal“ stellt jede Menge Fragen, manche explizit, andere versteckt, kombiniert idyllische Aufnahmen mit digitalen Verfremdungen zu einem experimentellen Film zwischen Dokumentation und philosophischem Essay.
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