„Lady Macbeth“, UK, 2016
Regie: William Oldroyd; Drehbuch: Alice Birch; Vorlage: Nikolai Leskov; Musik: Dan Jones
Darsteller: Florence Pugh, Cosmo Jarvis, Paul Hilton

Lady Macbeth DVD

„Lady Macbeth“ ist seit 26. April 2018 auf DVD und Blu-ray erhältlich

Es ist keine besonders glückliche Ehe, die Catherine (Florence Pugh) da mit ihrem Mann Alexander (Paul Hilton) führt. Natürlich, das Anwesen in der englischen Provinz ist groß. Aber was bringt das, wenn man es nicht verlassen darf? Wenn einem immer gesagt wird, was man zu tun hat? Als Alexander eines Tages geschäftlich unterwegs ist, macht Catherine die Bekanntschaft des neuen Landarbeiters Sebastian (Cosmo Jarvis). Zunächst ist sie abgestoßen von seiner Grobschlächtigkeit. Doch rasch beginnt sie eine Affäre mit ihm, wird dabei immer waghalsiger und skrupelloser. Als Alexander von seiner Reise zurück ist, hat sie deshalb auch nicht vor, diesem Vergnügen wieder entsagen zu müssen.

Auch wenn der Titel den Verdacht natürlich nahelegt, so ist Lady Macbeth doch keine Adaption des berühmten Shakespeare-Stückes. Stattdessen basiert der Film auf der Novelle Lady Macbeth of the Mtsensk District aus dem Jahr 1865, verfasst von dem russischen Schriftsteller Nikolai Leskov. Während die Filmversion wie die Vorlage auch Mitte des 19. Jahrhunderts auf dem Land spielt, so wurde der Schauplatz doch nach England verlegt. Und das ist nicht der einzige Unterschied zwischen den beiden Versionen, denn die Filmversion ist so düster, so böse, dass es einem eiskalt den Rücken hinunterläuft.

Das Leben kann so traurig sein
Zunächst erscheint das Drama noch vergleichsweise harmlos. Eine Geschichte über eine unterdrückte, unglückliche Frau im 19. Jahrhundert, wie wir sie auch aus Madame Bovary oder Effi Briest kennen. Und Catherine hat ja auch keinen wirklichen Grund, am Leben Spaß zu haben. Sie darf nichts entscheiden, nicht die Gemächer verlassen. Nicht einmal Sex ist ein Thema bei den Eheleuten, Alexander begnügt sich damit, seine junge Frau anzuschauen und ein klein wenig zu demütigen.

Dass diese irgendwann genug davon hat, das lässt sich ganz gut nachvollziehen. Einen Denkzettel für die Männer in ihrem Leben, der ließe sich vertreten. Nur dass Lady Macbeth es eben nicht bei einer kleineren Revolte belässt, bei dem einen oder anderen Geheimnis. Wie die entfernte Shakespeare-Verwandte erzählt das Drama, wie eine Frau einem Machtrausch erliegt, keine Grenzen mehr kennt, vor nichts zurückschreckt beim Verfolgen ihrer Ziele. Und selbst wer bereits akzeptiert hat, dass die Protagonistin eine unschöne Verwandlung durchmacht, ist doch kaum auf deren Ausmaße vorbereitet.

Eine Liebesgeschichte ohne Liebe
Für die Freunde romantischer Kostümfilme ist Lady Macbeth daher nichts. Hier gibt es keine liebreizenden Heldinnen, die doch noch ihren Prinzen finden. Genauer gibt es überhaupt keine liebreizenden Figuren: Was sich in dem Anwesen der Familie tummelt, das ist eine Ansammlung von Abscheulichkeiten, die ihre hässlichen Seiten voller Lust ausleben und von denen man gar nicht sagen kann, wer am unsympathischsten ist. Der Film erzählt von Abgründen. Davon, wie zunächst unscheinbare Personen in der richtigen Situation zu Monstern werden können.

Das Drama, das auf mehreren Filmfestivals lief – unter anderem das Filmfest München 2017 – ist daher selbst für Genrefreunde mehr als nur einen Blick wert. Vor allem die britische Nachwuchsdarstellerin Florence Pugh ist eine echte Entdeckung, die unter der hübschen Fassade eiskalte Seiten zum Vorschein bringt. Gleichzeitig ist Lady Macbeth aber auch ein Werk, das einiges zu sagen hat, über die Beziehung Mann und Frau zum Beispiel bzw. Machtverhältnisse im allgemeinen. Darüber, wie wir andere manipulieren, mehr oder weniger bewusst, uns zuweilen in dunklen Leidenschaften und Wahnvorstellungen verlieren können. Wie aus so etwas Schönem wie Liebe ein Dämon wird, der alles auffrisst, was sich ihm in den Weg stellt. Und manchmal auch sich selbst.

Lady Macbeth
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Lady Macbeth
„Lady Macbeth“ nimmt die klassische russische Novelle und macht daraus einen Film, der kälter und böser kaum sein könnte. Vor allem die junge Hauptdarstellerin sorgt dafür, dass der Wandel einer unterdrückten Gattin zu einer skrupellosen Herrscherin absolut sehenswert ist. Gleichzeitig lässt sich das Drama aber auch zu allgemeinen Themen aus, gerade in Bezug auf zwischenmenschliche Machtverhältnisse.
8von 10

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