(„Ya Tayr El Tayer“ directed by Hany Abu-Assad, 2015)

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„Ein Lied für Nour“ läuft seit 1. Dezember im Kino

Schon als Kind hatte Mohammed (Kais Attalah) den großen Traum, einmal als Sänger Karriere zu machen. Zusammen mit seiner Schwester Nour (Hiba Attalah) gründete er deshalb auch eine Band, trat auf, wo er konnte. Jahre später ist von dem Traum nicht mehr viel übrig geblieben, die Familiensituation, vor allem aber die noch immer prekäre Lage in Gaza haben aus dem ambitionierten Künstler (jetzt: Tawfeek Barhom) einen einfachen Taxifahrer gemacht. Als er dabei jedoch eines Tages Amal (Dima Awawdeh) fährt und sich bereit erklärt, für sie zu singen, kommen so starke Erinnerungen an seine gemeinsamen Auftritte mit Nour hoch, dass er beschließt, doch noch sein Glück zu versuchen und an der Casting-Show Arab Idol teilzunehmen. Doch der Weg ist schwierig, denn offiziell darf der Palästinenser nicht in Ägypten einreisen.

Wann immer bei uns jemand einen der gängigen Casting-Wettbewerben gewinnt, ist die mediale Aufmerksamkeit groß, nur um den Gewinner im Jahr drauf schon wieder vergessen zu haben. Bei Mohammed Assaf war das ein wenig anders. Sicher, hierzulande dürften nur wenige davon Kenntnis genommen haben, als der Palästinenser im Juni 2013 die Arab-Idol-Show für sich entschied und Millionen von Menschen in den arabischen Ländern zu Tränen rührte. Doch in Vergessenheit geraten ist er daheim nicht. Das lag weniger an seinem unbestreitbaren Gesangstalent als vielmehr an den Umständen: Ein junger Mann aus dem besetzten Gaza-Streifen, der allen Hindernissen trotzt und am Ende gewinnt, da darf man als Zuschauer schon das eine oder andere Tränchen der Rührung vergießen.

Dabei ist es nicht einmal so, dass Regisseur und Co-Autor Hany Abu-Assad die emotionaleren Aspekte gnadenlos ausschlachten würde. Es ist im Gegenteil bemerkenswert, wie zurückhaltend sich sein Biopic gibt, geradezu distanziert. Manchmal würde man sich sogar fast schon wünschen, dass der niederländisch-israelische Filmemacher ein bisschen mehr in die Tiefe geht, das Seelenleben seines jungen Protagonisten etwas stärker ausleuchtet. Nur später, wenn Mohammed zu einem Symbol der Hoffnung für seine Mitmenschen im Gaza-Streifen geworden ist und mit dieser unfreiwilligen Rolle hadert, bekommen wir kurze Einblicke in den Mann mit der großen Stimme. Ansonsten bleibt er eine Projektionsfläche: für die Millionen Zuschauer der arabischen Welt, für das deutsche Publikum, welches Ein Lied für Nour im Kino sehen darf.

Musikalisch sind die arabischen Klänge natürlich etwas gewöhnungsbedürftig, es fällt allein deshalb schon schwer, sich stärker in den Sänger auf der Bühne hineinzuversetzen. Was aber sehr gut funktioniert, unabhängig vom Musikgeschmack oder auch der eigenen Herkunft, ist das Porträt der palästinensischen Gesellschaft, welche nach Normalität strebt, aber nicht aus dem Schatten herausfindet, dem Schutt und dem Schrecken, der für sie zum Alltag geworden ist. Dass es hier einer schafft, das hinter sich zu lassen, auf teils abenteuerliche, geradezu absurde Weise, das ist so universell, dass man sich dem kaum entziehen kann.

Wäre Ein Lied für Nour eine erfundene Geschichte, man hätte auf sie eingeprügelt für all die Unwahrscheinlichkeiten und Zufälle, welche Mohammeds Weg an die Spitze begleiten. Aber manchmal ist es dann doch das Leben selbst, welche die unglaublichsten Geschichten zu erzählen hat. Vielleicht hätte man da noch ein bisschen mehr herausholen können, vor allem der Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter geht so schnell, dass man etwas vergeblich nach Zusammenhängen sucht. Aber es ist ein Film, der sich wohltuend mit dem bloßen Wiedergeben der Situation begnügt, darauf vertraut, dass diese für sich selbst spricht, und dem man auch als Casting-Show-Gegner bis zum Ende hin treu bleibt.

Ein Lied für Nour
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Ein Lied für Nour
Ein Film über den Gewinner einer arabischen Casting Show? Das ist für hiesige Zuschauer relevanter, als man denkt, erzählt „Ein Lied für Nour“ doch die wahre Geschichte eines jungen Mannes aus dem Gaza-Streifen, der allen Widrigkeiten zum Trotz gewann und zum Symbol der Hoffnung für Millionen Araber wurde.
7von 10

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