(„In Grazia di Dio“ directed by Edoardo Winspeare, 2014)

Ein neues Leben

„Ein neues Leben“ läuft ab 16. Juni im Kino

Viele, viele Jahre hatte die Familie von den Einnahmen der kleinen Textfabrik leben können. Nicht unbedingt luxuriös, aber es reichte. Doch das war einmal, der Familienbetrieb wirft nicht mehr genug ab. Alles müssen die drei Generationen nun verkaufen, sogar das Eigenheim, um mit einem kleinen landwirtschaftlichen Betrieb auf dem Land wieder von vorne anzufangen. Für die Familie ist das ein Schock, abgesehen von der auf Gott vertrauenden Großmutter Salvatrice (Anna Boccadamo) liegen bei jedem die Nerven blank. Vor allem Adele (Celeste Casciaro) ist ständig in Streitigkeiten verwickelt, sei es mit ihrer Schwester Maria (Barbara De Matteis), die vom Schauspieldasein träumt. Oder auch mit der eigenen Tochter Ina (Laura Licchetta), die überhaupt keine Ambitionen mehr hat und droht, das zweite Jahr in Folge bei der Berufsschule durchzufallen.

Zahlen, immer wieder Zahlen. Wann immer wir darüber zu sprechen versuchen, wie es den Menschen eines Landes geht, greifen wir auf diese zurück. Schließlich sind die neutral. Objektiv. Unabhängig. Doch genau darin liegt auch das Problem: Sie sind so entmenschlicht, dass sie letztendlich nichts darüber aussagen können, was es im Einzelnen bedeutet, in einer kriselnden Wirtschaft zu leben. Italien ist eine solche, seit vielen Jahren schon, 2014 schrumpfte die Wirtschaftsleistung sogar. Regisseur und Ko-Autor Edoardo Winspeare, der in eben jenem Jahr sein Ein neues Leben abdrehte, gibt der Krise nun ein Gesicht. Und schön ist es nicht, was uns der Italiener da zu zeigen hat.

Das Bett geht in das danebenstehende Sofa über, das wiederum direkt neben der Tür ist. Es sind schon sehr eingeengte Verhältnisse, in denen die Drei-Generationen-Familie nach dem Zwangsumzug leben muss. Und schäbige. Von außen sieht das neue Domizil wie eine Gartenlaube aus, die zu einem seit Jahren verlassenen Anwesen gehört. Hässlich wird es aber auch im zwischenmenschlichen Bereich: Während die Oma noch um Schlichtung und Ausgleich bemüht ist, fetzt sich der Rest der Familie regelmäßig und lässt dem italienischen Temperament freien Lauf. Dabei gäbe es sogar zwischendrin kleine Friedensangebote, von den Menschen, vom Schicksal. Angenommen werden die aber nur selten, oft eher in den Dreck geworfen und darauf rumgetrampelt.

Nein, wirklich sympathisch muss einem die Familie nicht sein, die sicherlich Pech hatte, allerdings auch viel dafür tat, die Situation zielsicher noch ein klein wenig schlimmer zu machen. Winspeare zeigt keine reinen Opfer, keine idealisierten Helden, die unter einer unfairen Situation zu leiden haben. Es sind Menschen, mit denen er seine Geschichte bevölkert. Menschen, wie sie einem im täglichen Leben begegnen könnten, mit Schwächen und Marotten. Dieses Gefühl der Authentizität wird durch diverse Maßnahmen noch verstärkt, von der sehr realistischen Präsentation, die etwa auf Musik verzichtet, bis zu den Darstellern, die hier alle das erste Mal vor der Kamera standen. Fast wie ein Dokumentarfilm mutet das Drama dann auch an. Direkt und unmittelbar.

Ein bisschen Sitzfleisch und Geduld muss man bei Ein neues Leben dann aber schon mitbringen, der Länge wegen – der italienische Film ist über zwei Stunden lang –, der Erzählweise wegen. Alltäglich, beinahe beiläufig ist der Ton, es gibt auch keine nennenswerten Zuspitzungen oder eine sich steigernde Dramaturgie. Vielmehr tauchen wir ein in das Familienleben, verbringen einige Zeit an ihrer Seite, lernen mit ihnen, was es bedeutet ein neues Leben anfangen zu müssen, manchmal auch zu dürfen. Ein Feel-good-Werk ist das sicher nicht, aber auch nicht so düster-hoffnungslos, wie sich das vielleicht anhört. Denn dafür gibt es dann doch noch zu viel Schönes, kleine Momente des Glücks und des Zusammenhalts, sowie wunderschöne Aufnahmen Süditaliens, die einen zumindest manchmal daran glauben lassen, dass Geld am Ende vielleicht doch nicht so wichtig ist. Und damit auch keine Zahlen.

Ein neues Leben
5 (100%) 2 Artikel bewerten

Ein neues Leben
„Ein neues Leben“ erzählt davon, wie eine Drei-Generationen-Familie nach dem Bankrott wieder von vorn anfangen muss. Die Alltäglichkeit der Szenen, der unaufgeregte Erzählton und die Laiendarsteller helfen dabei, dem Drama viel Authentizität zu verleihen und trotz der dezenten Ereignislosigkeit am Schicksal teilhaben zu lassen.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.