(„The Walk“ directed by Robert Zemeckis, 2015)

The Walk

„The Walk“ läuft ab 22. Oktober im Kino

Asgerechnet Zahnschmerzen sind es, die das Leben von Philippe Petit (Joseph Gordon-Levitt) für immer verändern werden. Als sich dieser in einer Praxis die Wartezeit mit dem Lesen eines Artikels vertreiben will, erfährt er hierbei von dem geplanten Bau des World Trade Centers. Für den französischen Akrobaten steht damit fest: Er muss dorthin, ein Drahtseil zwischen den beiden Türmen spannen und darauf balancieren. Die Zeit drängt jedoch, ist der Bau erst einmal abgeschlossen, wird es keinen direkten Zugang mehr zur Spitze geben. Doch mithilfe seiner Freundin Annie Allix (Charlotte Le Bon), seines alten Mentors Papa Rudy (Ben Kingsley) und anderer Leute gelingt ihm das Jahrhundertwerk schließlich.

Ganze 45 Minuten harrte Petit am 7. August 1974 in luftiger Höhe aus, führte kleine Kunststückchen auf, hielt sein Publikum in Atem und die Polizei zum Narren – der Höhepunkt im Leben des Franzosen wie auch des Films. Recht lange müssen die Zuschauer ausharren, um dieses Bravourstück erleben zu dürfen. Doch die Wartezeit lohnt sich: Robert Zemeckis, dessen Absturzszene in Flight einer der spektakulärsten Filmsequenzen der letzten Jahre war, zeigt auch hier wieder sein Händchen für besondere Momente. Wenn Gordon-Levitt in (vermeintlich) mehr als 400 Metern Höhe auf dem Seil balanciert, sollte man besser einigermaßen sattelfest sein, um den Blick in die Tiefe zu überstehen.

Nun kann ein Film aber nicht nur aus einem Moment bestehen, so besonders dieser auch sein mag. Also entschied sich Zemeckis, der nicht nur Regie führte, sondern auch am Drehbuch mitschrieb, sehr viel Zeit der Vorbereitung und Vorgeschichte zu widmen. Petit wird dabei als charmanter Schelm porträtiert, ein Mensch mit dem Talent, jeden in den Wahnsinn zu treiben, dem man aber nicht ernsthaft böse sein kann. Dreh- und Angelpunkt von The Walk ist dann auch Joseph Gordon-Levitt, der während der Seilnummern nicht nur eine beachtliche Grazie zeigt, sondern immer wieder auch seine Französischkenntnisse unter Beweis stellen darf: Der Film wechselt im Original ständig zwischen Englisch und Französisch hin und her, was sehr willkürlich und ein klein wenig kurios wirkt.

Aber The Walk ist an vielen Stellen anders, als man vielleicht erwarten würde. Da wären zum einen die vielen Szenen, in den Petit nicht nur Figur, sondern auch Erzähler ist. Nötig gewesen wäre die ständige Kommentierung der Geschehnisse nicht, zumal die Einspieler, in denen er auf der Freiheitsstatue steht, ein bisschen sehr offensichtlich gestellt sind. Andererseits passt es zu dem skurril-märchenhaften Ton, welchen Zemeckis hier verfolgt. Anfangs spielt er beispielsweise ein wenig mit den Farben, danach rückt er seine Figuren in den Vordergrund. Und von denen ist einer verschrobener als der andere, nicht nur der Seiltänzer wirkt so, als wäre er mit beiden Beinen in der Luft.

Und auch die minutiösen Vorbereitungen auf den Coup, welche jedem Heist Movie gut gestanden hätten, sind hier mit einem Augenzwinkern erzählt – The Walk ist Filmen wie Ocean’s Eleven sehr viel näher als Man on Wire dem oscargekrönten Dokumentarfilm über Petits Seilakt. Diesen humorvollen Ansatz, der phasenweise fast schon in einer Komödie gipfelt, mag man angesichts des großen Risikos unangemessen finden, unterhaltsam ist er dennoch. Abgerundet wird das durch die Schauspieler getragene Vergnügen durch die schöne Ausstattung, welche die 70er Jahre in die gegenwärtigen Kinosäle holt und so für eine Menge Retro-Atmosphäre sorgt.

The Walk
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The Walk
Ein skurril-märchenhafter Ton, ein französisch-englisches Kauderwelsch und verschrobene Figuren – „The Walk“ nähert sich dem berühmten Seiltanz auf dem World Trade Center auf eine sehr eigenwillige, aber unterhaltsame Weise. Optischer Höhepunkt ist dabei natürlich der große Moment in der Luft, für den man einigermaßen schwindelfrei sein sollte.
8von 10

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