(„Les Contes de la Nuit“ directed by Michel Ocelot, 2011)

Tales of the NightZauberer, Feen und Drachen – in Teil 65 unseres fortlaufenden Animationsspecials erwachen die alten Märchengestalten zu neuem Leben. Aber auch bei den Menschen hinter den fantastischen Geschichten begegnet uns ein alter Bekannter.

Jeden Abend treffen sich ein Junge, ein Mädchen und ein alter Mann in einem kleinen Theater, das seine beste Zeit schon hinter sich zu haben scheint. Doch eben dieses Theater wird zum Schauplatz großer Erzählkunst: Gemeinsam beratschlagen die drei, welches Märchen sie aufführen möchten, welche Kleidung sie dafür tragen wollen, bestimmen Zeit und Ort der Handlung. Es sind Geschichten von Werwölfen, die sie sich erzählen, von dem Kampf junger Männer gegen einen Drachen, von sprechenden Pferden und magischen Trommeln. Und schon sind wir Teil des Geschehens, tauchen tief ein in Welten voller Wunder und Magie.

In Deutschland dürfte der Name Michel Ocelot vor seinem Überraschungserfolg Kiriku und die Zauberin über einen kleinen, gewitzten, afrikanischen Jungen nur den wenigsten ein Begriff gewesen sein. In seiner Heimat hatten zuvor jedoch schon viele das Privileg gehabt, die fantasievollen und optisch eigenwilligen Animationswerke des französischen Regisseurs zu sehen. 1989 etwa macht er mit Ciné si von sich reden, einer Fernsehserie, in der er klassische Märchen mit Hilfe von Schattensilhouetten erzählte, so wie es einst Lotte Reiniger (Die Abenteuer des Prinzen Achmed) getan hatte. Statt kräftig in den Farbeimer zu langen, wie man es von den meisten seiner Zeichentrickkollegen gewohnt war, dominierte hier entsprechend die Farbe Schwarz, lediglich die Hintergründe bildeten mit ihren Farbverläufen einen Kontrast.

Sehr erfolgreich war die Serie jedoch nicht, weshalb nach den acht Folgen auch keine weiteren mehr gedreht wurden. Und nach Deutschland schaffte es Ciné si ohnehin nicht. Erst sehr viel später, nach dem Erfolg von Kiriku, durfte der Veteran seine vom chinesischen Schattenspiel inspirierte Technik wieder aufgreifen: 2000 folgte die Anthologie Princes et Princesses, die sechs der acht ursprünglichen Folgen enthielt, 2010 eine neue Serie namens Dragons et Princesses. Auch diese beiden sollten nicht ihren Weg hierher schaffen. Immerhin aber sind die Contes de la Nuit unter dem Namen Tales of the Night auch auf Englisch erhältlich. Dabei handelt es sich um eine erneute Zusammenstellung, dieses Mal von fünf der zehn Folgen aus Dragons et Princesses, ergänzt um eine exklusive, nie im Fernsehen ausgestrahlte sechste. Und als wäre das alles nicht schon kompliziert genug, hatte Ocelot schon 1992 einen Fernsehfilm unter dem Titel Les Contes de la Nuit realisiert, mit der gleichen Technik, aber anderem Inhalt. Einfach macht es einem diese Veröffentlichungstaktik nicht, den Überblick zu behalten.

Wer den Konfusionsschock überwunden und Tales of the Night eingelegt hat – oder eine der anderen französischsprachigen Veröffentlichungen –, der darf dafür schnell den Alltag hinter sich lassen und von fernen Ländern und seltsamen Kreaturen träumen. Die Geschichten sind äußerst simpel, was der jeweiligen Länge von einer knappen Viertelstunde pro Episode geschuldet ist, aber auch der Zielgruppe, schließlich soll die ganze Familie angesprochen werden. Es steht immer ein junger Mann im Vordergrund, der Aufgaben zu erfüllen hat oder große Abenteuer erlebt. Die Einteilung in Gut und Böse ist recht eindeutig, große moralische Erkenntnisse gibt es nicht. Die Abwechslung hält sich damit eher in Grenzen, die kommt hier wenn dann durch die Hintergründe und die seltsamen Wesen ins Spiel.

Erzählt werden typische Gutenachtgeschichten, wie man sie früher vor dem Zubettgehen vorlas, weshalb die unblutigen, etwas altmodischen Märchen auch ideal für ein jüngeres Publikum sind. Aber auch Erwachsene dürfen sich hier in ihre eigene Kindheit zurückversetzt fühlen, als ferne Länder noch in der Fantasie bereist wurden, bevor in einer globalisierten Welt Internet und Filmtricktechnik jedes Gefühl von Exotik verstümmelt haben. Völlig auf modernste Errungenschaften möchte aber auch Ocelot nicht verzichten: Anstatt wie früher alles mühselig per Hand auszuschneiden und zu animieren, stammt Tales of the Night aus dem Computer, übernimmt zwar Flair und Optik der Cut-out-Technik, bringt sie mit flüssigen Bewegungen und gelegentlichen Effekten aber auf einen aktuellen Stand. Visuell sind die fast ausschließlich in der Seitenansicht gehaltenen Märchen trotz oder auch wegen dieser Tricksereien ein Fest fürs Auge, ein von Zeit und Raum befreites Traumland, weshalb auch Freunde ungewöhnlicher Animationsfilme zum Import greifen sollten.

Tales of the Night
3.75 (75%) 4 Artikel bewerten

Tales of the Night
„Tales of the Night“ erzählt mit Hilfe einer an traditionelle Schattenspiele angelehnten Optik sechs klassische Märchen. Die sind relativ simpel, die Handlung vom Aufbau her immer sehr ähnlich, weshalb sie in erster Linie für ein jüngeres Publikum gedacht sind. Aber auch Erwachsene dürfen dank der fantasievollen Geschichten und der ungewöhnlichen Optik von fremden Ländern und eigenartigen Wesen träumen.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Eine Antwort

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.