(„Schoßgebete“ directed by Sönke Wortmann, 2014)

SchoßgebeteSeine kleinen Neurosen, die hat wohl jeder Mensch. Elizabeth Kiehl (Lavinia Wilson) hat die auch. Aber eben auch mittelgroße, ganz große und überlebensgroße. Kontrollsucht, Eifersucht, Rachesucht, die 33-Jährige hat so ziemlich jede Störung, nach der ein einzelner süchtig werden kann. Vor allem der dramatische Autounfall, bei der die Hälfte ihrer Familie ausgelöscht wurde, hat tiefe Spuren hinterlassen. Zum Glück gibt es jedoch zwei Personen in ihrem Umfeld, auf die sie sich immer verlassen kann: ihr Mann Georg (Jürgen Vogel) und Frau Drescher (Juliane Köhler), die Therapeutin. Mit ihrer Hilfe schlägt sie sich durchs Leben, kümmert sich um ihre Tochter und treibt jeden in den Wahnsinn, der sich in ihre Nähe wagt.

Das Buch hatte eine Auflage von rund zwei Millionen, die Verfilmung lockt knapp eine Million Zuschauer in die Kinos – Feuchtgebiete von Charlotte Roche war gleich in mehrfacher Hinsicht ein Überraschungserfolg. Wenig überraschend ist daher, dass auch der zweite Roman „Schoßgebete“ nun kurze Zeit später als Leinwandfassung hinterher geschoben wird. Schließlich ging auch das Zweitlingswerk über eine Million über die Ladentheke, da bekommen Filmproduzenten schnell glänzende Augen. Und dieses Mal ging man auch mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein an die Sache: ein größerer Verleih, größere Namen bei der Besetzung.Schoßgebete Szene 1

Ob sich das aber auch in größeren Einspielergebnissen niederschlägt, darf bezweifelt werden. Lebte Feuchtgebiete noch von der bewussten Provokation und dem Niederreißen von Tabus, gibt sich Schoßgebete deutlich zahmer. Einige explizite Sexszenen gibt es und auch die eigene Ekelgrenze wird wieder ausgelotet. Doch mit der Geschichte hat beides relativ wenig zu tun, so wie hier viele Elemente aufeinanderprallen, die nicht recht zusammenpassen wollen: absurder Humor, dramatische Schicksale, Kritik am Boulevardjournalismus, ein bisschen psychologische Selbstzerfleischung und eben das Thema Sex. Das ist dann auch insgesamt das größte Problem: Der Film weiß nicht so recht, was er eigentlich sein will.

Nun muss eine Wundertüte nicht zwangsweise schlecht sein, wenn die einzelnen Zutaten interessant sind oder zumindest auf eine originelle Weise kombiniert werden. Doch hier ist beides nicht der Fall. Die Witze sind müde, die Charaktere nichts sagend bis nervig, nicht einmal auf der emotionalen Ebene wird man wirklich mitgenommen. Natürlich ist es legitim, in seinem künstlerischen Schaffen persönliche Erfahrungen zu verarbeiten, Schoßgebete ist wie schon Feuchtgebiete vorher deutlich autobiografisch gefärbt. Nur bleibt der Film die Antwort schuldig, warum einen diese interessieren sollten, sofern man nicht zu den von Roche kritisierten Voyeuren gehört.Schoßgebete Szene 2

Dabei gibt es vereinzelt durchaus starke Szenen, vor allem diejenigen mit Elizabeth’ Mutter (Anna Stieblich) treffen einen wie ein Faustschlag. Nur gehen die in einem Film unter, der dann doch mehr auf grellen Krawall und bemühte Skurrilität setzt. Wirklich bemerkenswert ist bei Schoßgebete dann auch nicht der Film an sich – der ist dafür zu belanglos und letztendlich auch langweilig –, sondern dass hier mit Sönke Wortmann (Der bewegte Mann, Deutschland. Ein Sommermärchen) nicht nur ein bekannter Regisseur, sondern mit Jürgen Vogel, Juliane Köhler und Robert Gwisdek auch noch eine Reihe sehr guter Schauspieler verschwendet werden. Und das hätte es dann wirklich nicht gebraucht.

Schoßgebete läuft ab 18. September im Kino

Schoßgebete
4 (80%) 15 Artikel bewerten

Schoßgebete
Absurder Humor, menschliches Drama, Gesellschaftskritik, dazu Sex, Ekelszenen und Überlegungen über den Tod – bei Schoßgebete wird wahllos zusammengeworfen. Vereinzelte Szenen sind stark, insgesamt ist die Romanverfilmung aber zu unentschlossen und schlichtweg langweilig.
4von 10

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