(„Tanguy“ directed by Étienne Chatiliez, 2001)

Tanguy – Der NesthockerEndlich raus aus dem Familienhaus, auf eigenen Beinen stehen, ein eigenes Leben führen – viele Jugendliche können es kaum erwarten, ihre Unabhängigkeit zu erreichen. Nicht so Tanguy Guetz (Eric Berger). Dem macht es nicht viel aus, mit 28 Jahren noch bei seinen Eltern zu wohnen. Warum auch? Es ist doch viel bequemer so. Er muss sich um nichts kümmern, Kochen übernehmen andere, ebenso Wäsche und Putzen. Während ihm das Hotel Mama so hinterherräumt, kann er sich ganz seiner Doktorarbeit kümmern. Und um seine diversen Liebschaften, die er gerne abends mit nach Hause nimmt.

Bei seinen Eltern hält sich die Freude über den Nesthocker hingegen in Grenzen. Vor allem seine Mutter Edith (Sabine Azéma) leidet seit einiger Zeit unter der ständigen Anwesenheit des Nachwuchses, und das sogar körperlich. Aber auch Vater Paul (André Dussollier) wäre seinen Sohn lieber gestern denn morgen los, allein schon um weiteren gehässigen Sprüchen von Oma Odile (Hélène Duc) aus dem Weg zu gehen. Als sich Tanguy auch noch entscheidet, seine Doktorarbeit zu verschieben und so mindestens ein weiteres Jahr daheim zu bleiben, ist der Ofen für seine Eltern aus und sie versuchen, ihn aus dem Haus zu ekeln. Doch damit fangen die Probleme erst richtig an.Tanguy – Der Nesthocker Szene 1

Als Tanguy 2001 in die Kinos kam, war die Prämisse noch deutlich ungewöhnlicher als heutzutage. Warum sollte ein Endzwanziger noch bei seinen Eltern wohnen? Zwölf Jahre später, wenn Lebensläufe oft durch befristete Arbeitsverträge, Praktika oder Endlosstudien definiert werden, sieht das schon ganz anders aus. Dadurch ist es entsprechend schwieriger geworden, sich noch in die Problematik der Ausgangssituation hineinzuversetzen – dafür ist das inzwischen zu sehr Alltag geworden.

Doch der wahre Spaß beim kürzlich wiederveröffentlichten Film bestand ohnehin immer in den absurden Versuchen der Eltern, den Sprössling loszuwerden. Anfangs noch eher harmlose Streiche, steigern sich deren Maßnahmen recht bald und werden später geradezu boshaft. Realistisch ist ab dem Zeitpunkt gar nichts mehr, die französische Komödie richtet sich da an die Zuschauer, die übertriebenen Humor schätzen. Und natürlich, wenn sich Menschen gegenseitig das Leben so richtig zur Hölle machen. Die sind hier ebenso überzeichnet wie ihre Handlungen, vor allem Tanguy wirkt mit seiner gutmütigen und nachsichtigen Art, mit seinen ständigen Zitaten von Konfuzius & Co. nicht wie von dieser Welt.Tanguy – Der Nesthocker Szene 2

Am witzigsten ist Tanguy – Der Nesthocker dann auch während dieser Auseinandersetzungen, wenn die beiden Welten aufeinanderprallen. Leider ist Regisseur und Koautor Étienne Chatiliez aber keine zündende Idee eingefallen, wie er diese Geschichte zum Abschluss bringen könnte. Das Ende und die damit verbundene obligatorische Versöhnung der Streithähne ist da etwas zu beliebig ausgefallen und viel braver, als es der bissige Film bis dahin hätte erwarten lassen. Ebenfalls nicht ganz geglückt ist die Unzahl an Figuren, die immer wieder auftauchen, ohne aber etwas zur Handlung beizutragen. Da hätte man doch noch einiges rauskürzen dürfen.

Von diesen Schwächen aber einmal abgesehen, hat die Komödie auch heute noch genug amüsante Szenen zu bieten. Wer also über die Weihnachtstage mal wieder mit nervigen Verwandten zu kämpfen hat, die überall herumwuseln und einem die Luft zum Atmen rauben, sollte sich mit denen vielleicht einfach mal die Erlebnisse der Familie Guetz anschauen. Und sei es nur, um sich daran zu erinnern, dass es noch viel schlimmer kommen könnte.

Tanguy – Der Nesthocker ist seit 22. November auf DVD erhältlich



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Tanguy – Der Nesthocker
Ein Endzwanziger, der noch bei seinen Eltern wohnt, ist heute nicht annähernd so ungewöhnlich wie 2001, als Tanguy – Der Nesthocker erschien. Doch noch immer macht die französische Komödie Spaß, vor allem bei den absurden Versuchen der Eltern, den Sohn endlich loszuwerden. Da sieht man auch über das etwas beliebige Ende hinweg.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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