(„Viridiana“ directed by Luis Bunuel, 1961)

Stephan Eicke

Die arme Viridiana ist eine tragische Figur, die immer wieder unschuldig schuldig wird, und an deren Schicksal der Atheist Luis Bunuel einen sardonischen Spaß gehabt haben muss, den das junge, blonde Mädchen ist Nonne, die sich längst von der Welt abgekapselt hat – aus einem guten Grund, wie sich später herausstellen soll, denn außerhalb des Klosters sieht sie sich bald von Sünden und Sündern umzingelt – so lange, bis sie nicht mehr imstande ist, sich dem zu widersetzen. So gesehen ist Viridiana ein typischer Film des originellen Regisseurs, der mit diesem, vor 50 Jahren in die Kinos gekommenen Werk eine ätzende Kritik an der Scheinheiligkeit, Religionen und falscher Moral vorlegte, bei der es nicht überraschen würde, wenn Bunuel selber dieses melancholische Drama als giftige Satire bezeichnet hätte. Wenig überraschend provozierte der Spanier bei der Premiere 1961 damit zahlreiche Skandale aufgrund der expliziten Behandlung von Sex und Gewalt, was zwar nicht in empörenden Ausschreitungen endete, die der Regisseur seit Der andalusische Hund gewohnt sein sollte, immerhin in Spanien und Italien aber zu Verboten der Vorführung führte. Zeiten ändern sich und das Label Pierrot Le Fou präsentiert Bunuels Meisterwerk nun ungeschnitten und freigegeben ab 12 Jahren.

Für Viridiana (Silvia Pinal) ist das Kloster, in dem sie seit unbestimmt langer Zeit lebt, eine Welt für sich. Eine Welt, in der sie sicher ist, in der sie nichts zu fürchten hat, in der sie sich nicht alleine fühlt und Anerkennung entgegen nimmt für ihre Gottesfürchtigkeit und ihren strengen Glauben. Ich möchte nicht in die Welt zurück, sagt sie zur Mutter Oberin, als sei die Gegend außerhalb der vier Wände des heiligen Ortes ein anderes Universum voller Gefahren und Verderben. Letztlich lässt sie sich aber doch dazu überreden, ihre Füße außerhalb des Klosters zu setzen, weil ihr Onkel (Fernando Rey) sie gerne sehen möchte. Der wohlhabende Witwer ist alt und da auch seine Gesundheit zu wünschen übrig lässt, bittet er seine Nichte, die er kaum je gesehen hat, zu sich in seine Villa, um ihm für ein paar Tage Gesellschaft zu leisten nach anfänglichem Widerstreben betritt die schöne Viridiana das Grundstück des alten Mannes, der sich zwar über die Ankunft freut, aber auch von der Ehrlichkeit seiner frommen Nichte überrascht ist, als diese ihm eröffnet, dass sie kaum etwas für ihn übrig habe, da sie ihn kaum kenne. Dieses Verhältnis wird sich in den kommenden Tagen noch verkomplizieren, denn Viridiana verfügt über eine erstaunliche Ähnlichkeit zu ihrer Tante, mit welcher ihr Gastgeber Don Jaime verheiratet war.

Die Ähnlichkeit seiner Nichte zu seiner verstorbenen Frau wird für den sich nach Liebe sehnenden Millionär bald zur Qual und Obsession. Nicht nur, dass er des Nachts heimlich vor dem Spiegel das Brautkleid seiner toten Gemahlin bewundert und sich ihre Schuhe anzieht – bald hält er um die Hand seiner Nichte an, damit sie bei ihm bleibe auf seinem Gut, bis das der Tod sie scheide. Doch Viridiana will nicht. Sie wehrt sich gegen die Avancen ihres Onkels, die bald darin münden, dass er ihr, mit der Hilfe seiner Haushälterin, Schlafmittel verabreicht, um sie anschließend ins Bett tragen zu können. Der Plan, den Don Jaime ausgeheckt hat, ist diabolisch, auch wenn er von einem Mann kommt, der wenige Szenen zuvor in reiner Warmherzigkeit einer ertrinkenden Wespe das Leben gerettet hat. Doch all seine Versuche, die attraktive Blondine an sich zu binden, scheitern. Viridiana will verschwinden – jetzt erst recht. Kaum hat sie das Haus verlassen, erhängt sich ihr Onkel. Aus Einsamkeit, aus Scham, aus Trauer. Und die fromme Nonne wurde unschuldig schuldig am Tod ihres Familienmitgliedes.

Von Entsetzen erfüllt – nicht aufgrund der Tatsache, dass ihr Onkel sich erhängt hat, sondern darüber, dass sie daran Schuld war – beschließt sie, ihre Sünde und die des Toten wieder gutzumachen. In den nächsten Tagen beendet sie ihr Leben im Kloster, zieht in der verlassenen Villa ein und nimmt Dutzende Obdachlose auf, sie mit Essen, warmer Kleidung und einem Dach über dem Kopf versorgend. Doch wieder soll sie darin kein Glück finden – unausweichlich kommt es zu einer Katastrophe. Luis Bunuel filmt Viridiana nicht wie eine Nonne; lustvoll lässt er die Kamera ihre nackten, zarten Beine hinab- und wieder hinaufgleiten, als wären sie das achte Weltwunder, weil Viridiana auch keine Nonne ist. Sie ist eine Scheinheilige, wie dieser ganze Film über Scheinheiligkeit ist, über den Versuch, sich von etwas reinzuwaschen, nur um sich danach besser zu fühlen und nicht, um anderen Gutes zu tun. Viridiana, der ein Herz aus Gold nachgesagt wird, ist notgedrungen dazu fähig, für fremde Obdachlose mehr Gefühl und Zuneigung aufzubringen, als für ein einsames Familienmitglied, weil erst das Unglück sie zu einem Gutmenschen macht. Oder doch nicht? Ist es einzig und allein das schlechte Gewissen, was sie dazu veranlasst, sich um andere zu kümmern, um Menschen, von denen sie glaubt, dass sie ihr nicht gefährlich werden können, während der gepflegte Sohn des wohlhabenden Verstorbenen kaltherzig und abweisend behandelt wird, weil er in all seiner Attraktivität die Verführung darstellt, die es um jeden Preis zu vermeiden gilt?

Entfremdet von der realen Welt muss sie feststellen, dass sie außerhalb der Klostermauern, von denen sie sich gelöst hat, kaum siegen kann, umgeben von all den Sündern, die mit Frauen zusammenleben, ohne verheiratet zu sein, die sich gegenseitig beschimpfen und demütigen. Denn diese Fürsorge, die Viridiana für die Obdachlosen aufwendet, wird ihr – wie sollte es auch anders sein – nicht gedankt, erst recht nicht, da Bunuel eines seiner einprägsamsten Bilder dadurch schafft, indem er die Gesellschaft der ungepflegten Zigeuner ablichten lässt wie das berühmte Gemälde Da Vincis: Das letzte Abendmahl. Die schwachen Menschen, die Orgien feiern und sich in Sünden ergehen, werden abgelichtet wie Jesus und seine Jünger, bevor sie mit der Zerstörung beginnen – nicht aus Undankbarkeit, sondern weil sie nicht anders können; aus Determination, aus Gewohnheit, aus Lasterhaftigkeit und über all dieser Wut erklingt das Halleluja aus Georg Friedrich Händels Messias, bevor die tragische Hauptfigur erkennen muss, dass der Weg aus dem Kloster sie nur anfangs befreit hat – der große Befreiungsschlag ist nicht nur der Weg aus den Klostermauern als Symbol, sondern das Eingliedern in die moderne Gesellschaft mit all ihren Fehlern und Genüssen. Viridiana hat aufgegeben.

Viridiana erscheint am 30. September auf DVD

Falko Fröhner

In Viridiana setzt sich Luis Buñuel mit der Polarität zwischen den Wertansichten der katholischen Kirche und der Lebenswirklichkeit der unteren Gesellschaftsschichten auseinander. Die Novizin Viridiana erbt das Anwesen ihres Onkels Don Jaime und fasst daraufhin den Entschluss, aus dem Herrenhaus ein Heim für Arme und Hilfsbedürftige zu machen. Sie lädt daher sämtliche Obdachlose des Ortes und den unehelichen Sohn ihres Onkels, Jorge, auf das Anwesen ein. Getreu ihren christlichen Prinzipien versucht die junge Frau, allen ihren Gästen mit Nächstenliebe und Verständnis gegenüber zu treten. Während der Abwesenheit Viridianas und Jorges schleichen sich die Obdachlosen, die eigentlich im Zeughaus untergebracht worden sind, in das prunkvolle Herrenhaus und feiern eine maßlose Orgie…

Viridiana, die nach strengen katholischen Prinzipien lebt, wird von den Obdachlosen in keinster Weise ernst genommen, geschweige denn respektiert; man erklärt die Gönnerin für verrückt und mokiert sich über deren „hohe Ideale“. Jorge hingegen, der aus den Ländereien möglichst viel Kapital schlagen will und sich an seinem neu erworbenen Wohlstand ergötzt, verkörpert den Typus des bourgeoisen „Neureichen“.

Buñuel gelingt es in seinem kammerspielartig inszenierten Film, grundlegende gesellschaftliche Konflikte in verdichteter Form darzustellen und der Lächerlichkeit preis zu geben – Viridiana scheitert bei dem Versuch, die Lebensverhältnisse und -ansichten der Obdachlosen nach christlichen Wertvorstellungen neu zu ordnen und gerät außerdem mit Jorge, der wiederum seine eigenen Interessen durchzusetzen versucht, in Konflikt. Durch die Darstellung dieser Auseinandersetzungen, die in einem maßlosen, vulgären Saufgelage gipfeln, verdeutlicht Buñuel die Weltfremdheit des Katholizismus‘.

Viridiana ist des Weiteren von einer beachtenswerten filmischen Virtuosität – zahlreiche denkwürdige, symbolische Bilder/ Szenen (ein brennender Dornenkranz, eine Katze, die eine Maus fängt, Anspielungen auf Da Vincis „Das letzte Abendmahl“ etc.) und ein Score, wie er zynischer nicht sein könnte (v.a. Händels „Hallelujah“) – die dem Film zusätzlich an Substanz verleiht.

Überdies nimmt sich der Regisseur, wie man es von ihm gewohnt ist, die Freiheit, die verschiedensten menschlichen Perversionen darzustellen und zahlreiche sexuelle Anspielungen in seinen Film einfließen zu lassen … Buñuel verarbeitet erneut Themen, die sein ganzes Schaffen durchziehen, doch erreicht er in stilistischer Hinsicht mit Viridiana einen Höhepunkt seiner Filmkarriere!

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