(„The Bed Sitting Room“ directed by Richard Lester, 1969)

“Are you a doctor, doctor?“

Im Himmel schwebt ein Heißluftballon, an dem ein altes, verrostetes Auto hängt. In ihm sitzt ein Polizist, der die letzten zwanzig Menschen des Landes überwacht. Die Londoner U-Bahn ist zugemüllt, überall hängt Staub und Dreck in der Luft, manchmal fällt das Licht aus und wenn die Menschen ihre Gesichter an die Fensterscheiben drücken, sehen sie aus wie gespenstische Zombies, die ihre Gefühle für diese Welt längst verloren haben. Das Wasser hat grell-pinke Schaumkronen gebildet, ein alter Mann sitzt auf einem riesigen Berg mit alten Stiefeln inmitten einer kalkweißen Umgebung, in der es keine Häuser, keine Motoren, keine Hoffnung mehr gibt. Menschen verwandeln sich in Häuser, in Möbelstücke, in Hunde, am Ufer eines verschmutzten Sees haust ein Doktor in Schwesterntracht, der Männlichkeitstest durchführt, damit ein Bräutigam in der Hochzeitsnacht keine bösen Überraschungen erlebt, hat er sich vor der St. Pauls Cathedral, von der lediglich noch die Kuppel aus einem sumpfigen Morast ragt, trauen lassen.

Richard Lesters Danach ist der wahrscheinlich letzte gute Film, den der britische Regisseur jemals gedreht hat – und was für ein Abschluss es ist! Sein Werk gibt sich als surrealistische, absurde Farce, bei der die wahren Stars das fantastische, detailliert ausgearbeitete Set-Design und die Kameraarbeit sind, von denen letzteres die Szenerie teilweise in ein flirrendes Licht taucht und die verlassene Gegend in ein knalliges Rot getaucht ist. In dieser Welt ist alles anders und The Bed Sitting Room gibt sich in all seiner Absurdität und den pointierten, skurrilen Dialogen wie ein Vorreiter und Vorbild Terry Gilliams mit Humor. Dabei gibt es in dieser Zeit eigentlich nichts zu lachen. Vor einiger Zeit hat eine atomare Bombe 40 Millionen Menschen getötet. Danach ist eine Satire – eine sehr bissige, und weil sie viele Eigenheiten und Lügen der modernen Gesellschaft und Politik so gut durchschaut hat, ist sie außerdem geschmacklos. Das macht sie aber auch so gut.

Penelope (Rita Tushingham) lebt mit ihrem Vater und ihrer Mutter in der Londoner U-Bahn, aus der sie sich eines Tages zu entsteigen entschließen – zusammen mit Allan (Richard Warwick), dem neuen Freund des schwangeren Mädchens. Während sich der Vater mit seinem potentiellen Schwiegersohn über die Form der Brüste seiner Tochter unterhält, wandern sie mit einem großen, schweren Koffer durch die karge Landschaft, in die sie durch eine Rolltreppe gelangt sind, die ins Nichts führte und ein abruptes Ende fand. Das können Sie als Zuschauer nun interpretieren, denn Danach ist vollgepackt mit symbolträchtigen Bildern, die vor Metaphern nur so strotzen und sich manchmal als etwas überladen erweisen, denn Richard Lester macht bald den Eindruck, ein wenig selbstverliebt in seine absurden Schöpfungen zu sein, so zahlreich reiht er all die Unmöglichkeiten in diesem gerade einmal 90-minütigen Film aneinander, dass man kaum so schnell schauen kann.

Auf ihrem Weg durch das post-nukleare London treffen sie auf verschiedene Gestalten, von denen der eine mehr, der andere weniger verrückt zu sein scheint. Da wäre der Reporter der BBC, der an die imaginären Türen klopft, um sich schließlich hinter ein kaputtes Fernsehgerät zu setzen und die Nachrichten vorzulesen oder der Briefträger, der anderen eine Torte als Einschreiben ins Gesicht schmeißt. Dieser infantile Ulk funktioniert dank einem hervorragenden Timing ganz prächtig in dieser bissigen Satire, die anfangs zwar etwas umständlich erzählt zu sein scheint, in dem Handlungsstränge nicht vollendet werden und der Blickpunkt ständig wechselt, der sich aber aus diesen scheinbaren Schwächen zu entwickeln weiß, in dem die Menschen mit den unterschiedlichen Schicksalen miteinander verknüpft werden, was dem Regisseur weitere Gelegenheiten zur Entfaltung bietet. Seit 18 Monaten ist Penelope nun schwanger und wartet endlich auf ihr Kind – doch wartet sie wirklich, oder wäre es ihr viel lieber, das Kind würde für immer in ihrem Bauch bleiben (was auch der Doktor für das Beste hält), denn wer strebt nach einer Existenz in einer nuklear verseuchten Welt?

Das scheint ansonsten aber niemanden zu stören – ob der Boden verseucht ist oder nicht, nimmt man mit einem Schulterzucken entgegen, wenn man sich darüber überhaupt Gedanken macht. Die menschlichen Bedürfnisse sind auch in einer Welt wie dieser nicht außer Kraft gesetzt. Gefühle scheinen hier keine allzu große Rolle mehr zu spielen, aber bedeutet das wirkliche eine Verschlechterung gegenüber der Gesellschaft, wie man sie vor der atomaren Katastrophe kannte? In nur kurzen Rückblenden können wir erahnen, dass damals die Absurdität des Lebens bereits ihren Höhepunkt erreicht hatte, wenn der Premierminister zusammen Mao-Tse-Tung vor der Downing Street Nr. 10 steht und verkündigt, dass nun alles in Ordnung ist, da man einen Mietvertrag über dieses berühmte Gebäude unterzeichnen konnte. Der Weltfriede ist also gerettet. Dann schlägt die Bombe ein. Das Erschreckende mag an alldem sein, dass all die Absurditäten ihren Ursprung in der Realität haben, dass sie lediglich aus der Zuspitzung des unspektakulären Lebens geboren sind, wenn der Doktor in der Schwesterntracht Eintrittskarten für die Geburt eines Kindes anbietet – vielleicht schmunzelt man ja an dieser Stelle, wenn man an all die Väter in den Kreißsälen denkt, die die Geburt ihres Kindes filmen. Richard Lester hat die Katastrophe als symbolträchtige, pointierte Satire verfilmt – hochinteressant!

Danach ist seit 14. Juli auf DVD erhältlich

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