(„Dog Pound“, directed by Kim Chapiron, 2010)

Dog Pound beginnt mit einer Liebesszene zwischen Davis (Shane Kippel) und dessen Freundin. Langsam, aber mit einem alles andere als zärtlichen Lächeln schiebt er ihr den Slip herunter, ehe er sich Drogen in den Mund steckt. Der Anfang ist plakativ, er muss jungen Zuschauern einfach gefallen, um diese vom vorzeitigen Wegzappen abzuhalten. Es ist erschreckend, dass solche Szenen heutzutage zwar als plakativ, aber alles andere als provokativ empfunden werden, denn zu sehr hat man sich an solche Darstellungen in Filmen gewohnt – nicht erst seit Kids von Larry Clark, der ganz ähnlich beginnt.

Beide Filme beschreiben Jugendliche, denen das Wichtigste im Leben fehlt: Halt. Sei es von ihren Eltern, ein fehlender Glaube an sich, an Religion oder Kultur. Dieser fehlende Halt veranlasst Menschen wie Davis, Angel (Mateo Morales) und Butch (Adam Butcher), Illegales zu tun, Autos zu stehlen, Wärter anzugreifen und dafür ins Gefängnis zu wandern, in den Jugendknast Enola Vale. Ein Film also über das (Über)leben in einer Jugendvollzugsanstalt, wie so viele Filme vorher, wie zuletzt der von vielen Kritikern beachtete deutsche Picco. Dog Pound leidet nicht wie Picco darunter, seinem dokumentarischen Anspruch nicht gerecht werden zu können, doch Dog Pound hat dafür andere Probleme, denn er vermag dem Genre nichts Neues hinzufügen zu können und viele Chancen zu verschenken.

Sehr bald sehen sich die drei Jugendlichen im Knast mit Leidensgenossen konfrontiert, die stärker zu sein scheinen als sie, die sie bedrohen, erpressen, schlagen. Irgendwann wird es Zeit, zurückzuschlagen und mitten in diesem Chaos sind die wenigen Wärter, die machtlos sind und hilflos zusehen müssen. Dog Pound“ist vorhersehbar. Es gibt eine Masturbationsszene im Schlafsaal, es gibt Szenen, in denen mit Drogen gedealt wird, es gibt eine Vergewaltigungsszene, Szenen mit sexistischen Vorstellungen der Insassen von feuchten Frauen – es gibt all das und nichts, denn Kim Chapirons Film ist ein äußerst schwaches Porträt, das sich in Aneinanderreihungen altbekannter Formeln ergeht, ohne sich für die Charaktere und deren Innenleben zu interessieren.

Wie auch in Picco weiß der Zuschauer nichts über die Figuren Butch, Davis und Angel, als diese ins Gefängnis kommen. Das muss er auch nicht. Doch er muss nach 87 Minuten feststellen, dass er auch, während der Abspann läuft, noch immer nichts über diese Personen weiß, die sich nicht entwickelt haben, die kein Seelenleben zu haben scheinen, keine Vergangenheit, keine Zukunft, nur eine Gegenwart voller Furcht, Gewalt und Hass. Keine Liebe, keine Träume, nur hier und da sehnsuchtsvolle Anklänge, die bald im Meer von Häme und unreifem Verhalten verhallen. Chapirons Steifen bleibt oberflächlich – viel ärgerlicher, als dass er sich von Anfang an nicht für seine Charaktere interessiert, ist die Tatsache, dass zahlreiche viel versprechende Chancen verschenkt werden, in die Tiefe einzugehen, wenn etwa der Wärter sichtbar mit sich selber kämpfen muss, als er um das Leben eines Insassen bangt. Eine Minute lang.

Schnitt und es ist nie wieder Thema von dieser inneren Auseinandersetzung, stattdessen ergeht sich Dog Pound weiterhin in schon zu oft gesehenen Aneinanderreihungen von Konfrontationen, die in jeder Szene zu bewundern sind. Es wird zur zweifelhaften goldenen Regel, dass in jeder Szene eine Form von Gewalt vorhanden sein muss. Erniedrigungen jeglicher Art reihen sich fortwährend aneinander, ohne dabei ein Zentrum erkennen zu lassen. Worum geht es hier? Jugendliche kämpfen für sich selbst gegen andere? Ist es nur ein Symbol für die Machtlosigkeit der Wärter, ist es eine Anklage an derartige Vollzugsanstalten, in denen ein seltsames System herrscht von Gefangenen, die regieren und wo die eigentlichen Aufseher tatenlos zusehen?

Man beobachtet die Jugendlichen also verhältnismäßig teilnahmslos. Wenn wir nichts über sie wissen, nichts über sie erfahren, warum sollten wir uns für ihr Schicksal interessieren? Schlimmer noch, denn jegliche Individualität geht in diesem Film durch diesen Ansatz verloren. Wer Angel, Butch oder Davis ist, spielt keine Rolle, denn alle sind gleich, alle verkommen zu einer einzigen Masse in einer Geschichte, die keine ist, sondern eher eine nüchterne, distanzierte Beobachtung mit zarten Anklängen einer Reflexion, die in der letzten halben Stunde gute Ideen aufkommen, diese aber auch sehr schnell wieder verkommen lässt. Da ist der Wärter, der einen fatalen Unfall eines Insassen zu verantworten hat, da gibt es Streit unter den Aufsehern, von denen einer nicht auf den Geburtstag seiner Tochter darf, weil man es ihm aufgrund des zunehmenden Chaos im Gefängnis verbietet. Da gibt es den Insassen, der nur noch zwei Wochen ohne Vorfälle absitzen muss, ehe er in die Freiheit darf – doch vorher muss er sich bewähren. Warum nun nimmt man nicht eine dieser kleinen Nebenhandlungen und nimmt sie zum Anlass, die Geschichte voranzubringen?

Jede dieser Ideen hätte sich hervorragend als Ausgangssituation, als zentraler Punkt für Dog Pound geeignet, jeder hätte Möglichkeiten zur Entfaltung der Charaktere gegeben. Stattdessen: keine Szene, die man in einem ähnlichen Film nicht bereits schon gesehen hat und was den Zuschauer die Motivation der Filmemacher ernsthaft in Frage ziehen lässt, dieses so langweilige Werk zu inszenieren, dessen einzig interessante Idee das Außerkraftsetzen der Gut/Böse-Muster ist. Denn hier hat jeder Mensch seine dunklen Seiten und zögert nicht, diese auszuleben. Doch die Menschen sind hier weniger Menschen als vielmehr aufgrund ihrer Oberflächlichkeit blasse Schatten, die vorbeihuschen und aus dem Blickfeld bald wieder verschwunden sind.

Dog Pound ist seit 15. April auf Blu Ray und DVD erhältlich

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