(„The Queen“, directed by Stephen Frears, 2006)

Mit ihrer Darstellung von Queen Elizabeth II. heimste Helen Mirren in den Jahren 2006 und 2007 alle wichtigen Filmpreise in der Kategorie „Beste Hauptdarstellerin“ ein. Die Liste beginnt natürlich mit dem Oscar, ließe sich aber nach dem Golden Globe oder dem BAFTA Award endlos fortsetzen. Wahrscheinlich war The Queen auch der meistdiskutierte britische Film im Jahr 2006 und ist nun – vier Jahre nach seinem Kinostart – bereits auf dem besten Weg, sich einen Status als Klassiker zu erarbeiten. Zu Recht.

Die filmische Porträtierung der Royals und deren Umgang mit dem Tod von Prinzessin Diana 1997 vermag den Filmliebhaber auf mehreren Ebenen zu stimulieren. Zum Ersten wäre die Wahl der Darsteller zu nennen – fast noch besser besetzt als Mirren für die Rolle der Queen ist James Cromwell – bekannt aus Schweinchen Babe – als ihr Gatte Prinz Philip. Cromwell sieht dem echten Prinzen nicht nur sehr ähnlich, er leistet hier wohl auch die beste Darstellung seiner gesamten Karriere ab, wenn er die Lupe an den Prinzen legt und all seine Angewohnheiten, den typischen Gang und den viel diskutierten Humor Philips täuschend echt imitiert. Highlight ist hier die Szene, in der er mit seiner Gattin und deren Mutter um den Fernseher sitzt, die Nachrichten mit der Todesmeldung von Diana sieht und beginnt, über die am nächsten Morgen stattfindende Pirsch zu diskutieren oder die abfällige Bemerkung über Tony Blair, der mit seinem Anruf dafür verantwortlich war, dass der Tee für Queen Elizabeth kalt wurde.

In dieses hervorragend aufspielende Duo reiht sich Michael Sheen als Premierminister Tony Blair ein – ebenfalls eine glänzende Wahl, da auch Sheen Blair sehr ähnlich sieht und ihn hervorragend darzustellen versteht. Von der Optik ebenfalls sehr gelungen ist die Wahl Alex Jennings’ als Prinz Charles, hier muss jedoch kritisiert werden, dass Jennings es mit seiner Mimik und seinen Gesten zu sehr übertreibt und Prinz Charles – unabsichtlich – beinahe parodiert, was dem Film nicht zu Gute kommt. Die einzige wirkliche Fehlbesetzung ist Sylvia Syms als Queen Mum. Syms spielt zweifellos gut, passt aber weder vom Alter noch vom Aussehen zur Königin Mutter.

Der Glaubwürdigkeit des Films sehr zugute kommt auch die Tatsache, dass der Film keine bösartige Abrechnung mit den Royals darstellt. Die Familie bzw. deren Umgang mit ihrer Trauer wird zwar – hier in Form von Tony Blair und der Presse – zeitweise kritisiert, so wie sie es 1997 erfahren mussten, doch wird diese Kritik im Ganzen schließlich relativiert. Man versucht, Verständnis für Queen Elizabeth aufzubringen, ihre Handlungen werden schließlich am Ende von Tony Blair gerechtfertigt. Frears Film ist kein Akt der Abrechnung oder Bosheit, er macht sich zu keiner Zeit über die Royals lustig. Der Zuschauer schmunzelt zwar über Prinz Philip, doch sieht man Fernsehübertragungen, in denen der Prinz in die für ihn typischen Fettnäpfchen tritt, wird einem klar, dass hier nicht parodiert, sondern schlicht dargestellt wird.

Gespickt ist The Queen mit Fernsehberichten aus der Zeit von Dianas Tod, was den Film zusätzlich authentisch macht, atemberaubend schön ist auch die Landschaft Schottlands eingefangen, die den Film ein wenig auflockert, wozu man zu der Frage käme, ob man ein wenig politisches Interesse beim Zuschauer für dieses Werk voraussetzen sollte, damit einen der Film nicht langweilt. Ist man eher actionlastiges Popcornkino gewohnt, wird man sich mit diesem Drama natürlich schwer tun, denn es ist ein ruhiger Film, doch man muss sich mit der englischen Politik nicht (gut) auskennen, um Zugang zu dem Film finden zu können – in dieser Beziehung ist es ein sich selbst erklärendes Werk, der sehr viel Vergnügen macht, weil er noch unbeholfene Charakterzüge in den Politikern entdeckt, die wir alle in uns tragen, was der Zuschauer auch zu erkennen vermag. Das macht die Figuren in dem ausgezeichneten Film so greifbar und sympathisch, ohne dass Frears hier offensichtlich um die Sympathie der Kinobesucher buhlt.

Die Queen ist ein edler Film mit exzellenten darstellerischen Leistungen, einer hervorragenden Musik von Alexandre Desplat, einem Drehbuch, welches sehr geschickt und sicher die Brücke zu schlagen versteht zwischen guter Unterhaltung und hohem Niveau. Queen Elizabeth wird für die Tränen, die sie beim Anblick eines toten Hirsches weint, die sie jedoch nicht bei der Nachricht von Dianas Tod vergossen hat, nicht verurteilt und das ist die große Stärke des Films: er ist humorvoll und traurig zugleich, er verliert aber nie den Respekt vor den Charakteren.

Die Queen
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