(„Hafið“ directed by Kormákurby Baltasar , 2002)

Dieser isländische Film, der anscheinend die halbe skandinavische Insel ins Kino lockte, bietet in 110 Minuten Laufzeit zwar nicht viel Neues, aber der Einblick in ein Familiendrama kommt äußerst solide und interessant daher. Bisher hatte ich noch keinen Film dieses, anscheinend durchaus bekannten, Regisseurs gesehen, war aber von der Qualität des Streifens erstmal überrascht. Die Story dreht sich um eine Familie, die eine Fischfabrik besitzt und auf dem Land lebt. Der Patriarch Þórður (Gunnar Eyjólfsson) wird langsam senil und er überlegt sich, welchem seiner Kinder er die Firma übergeben sollte. Zwar arbeitet sein Sohn Haraldur (Sigurður Skúlason) seit er klein war im Betrieb, doch er würde lieber den jüngeren Ágúst (Hilmir Snær Guðnason) der in Frankreich Wirtschaft studiert, die Verantwortung übertragen. Seine einzige Tochter Ragnheiður (Guðrún Gísladóttir), die eine katastrophale Ehe mit Morten (Sven Nordin) samt verwöhnten, Problemkind führt, scheidet dabei sowieso aus, da ihr Vater nichts von ihr hält und sie zudem eine Frau ist. Ágúst, der aber mittlerweile sein Studium aufgegeben hat und sich vollkommen der Musik zugewandt hat, reist nur wider Willen auf Verlangen seiner schwangeren Freundin Françoise (Hélène de Fougerolles) nach Island. Dort angekommen trifft er sofort auf seine Halbschwester María (Nína Dögg Filippusdóttir), zu der er früher ein inzestuöses Verhältnis pflegte. Sobald sie im Haus ihres Vaters angekommen sind, erlebt Françoise eine seltsame Szenerie: Einerseits scheint die Familie sehr verbunden zu sein, andererseits beschimpfen und beleidigen sie sich gegenseitig. Niemanden scheint es ernsthaft zu interessieren was der jeweils andere denkt und fühlt. Bestimmte Themen wie etwa die Vergewaltigung von Ragnheiður als sie jung war, oder die Tatsache, dass ihr Vater nun die Schwester seiner verstorbenen Ehefrau, mit der er zu deren Lebzeiten schon eine Affäre hatte, zur Frau hat, sind dabei ein Tabu. Als Ágúst schließlich ablehnt die Firma zu übernehmen und stattdessen, so wie seine Geschwister, dem Vater vorschlägt die Firma zu verkaufen, bricht ein Streit zwischen den Familienmitgliedern aus, der damit endet, dass der jüngste Sohn die Fischfabrik niederbrennt. Sein Vater, der sichtlich verbittert ist, verkauft deshalb das übriggebliebene Fisch-Kontingent seinem Erzrivalen und zieht in die Hauptstadt Reykjavík.
Ein Streifen der eine tragische Familiengeschichte erzählt und dabei bei Tabuthemen wie Inzest oder Vergewaltigung nicht Halt macht. Die teilweise verschneite und bedrückende Umgebung Islands macht noch alles einen Tick düsterer und kälter. Die Qualität des Filmes ist nicht zu unterschätzen, vor allem weil er einen Einblick in die Kommunen des nordischen Landes gewährt. Ob die Darstellung der isländischen Mentalität aber tatsächlich zutrifft, kann ich natürlich nicht garantieren. Ähnlich wie in anderen skandinavischen Werken scheinen die kühlen und traurigen Momente ein wichtiger Teil der Gesellschaft zu sein. Sollte man die Gelegenheit haben ihn zu sehen, sollte man sich nicht scheuen, zu einem Kauf würde ich aber nicht unbedingt raten.

Die kalte See
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