
Alyssa (Eya Bellagha) will nichts wie weg aus Tunis. Doch nach dem Tod ihres Vaters muss sich die 19-jährige Schülerin um ihre jüngere Schwester Zeineb (Zeineb Neji) und ihre kranke Mutter (Lobna Mlika) kümmern. Alyssas bester Freund, der ein paar Jahre ältere Mehdi (Slim Baccar), den sie schon ihr gesamtes Leben kennt, will derweil als Künstler durchstarten. Als Alyssa auf einen Zeichenwettbewerb aufmerksam wird, dessen Sieger ein Atelieraufenthalt in Deutschland winkt, glaubt sie, zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen zu können. Sollte Mehdi den Wettbewerb gewinnen, will sie mit ihm nach Berlin ziehen und Tunesien ein für alle Mal den Rücken kehren. Doch erst einmal müssen die zwei zur Preisverleihung nach Djerba gelangen. Mit gerade einmal 120 Dinar in der Tasche und ohne fahrbaren Untersatz entwendet Alyssa kurzerhand einen Wagen, und das ausgerechnet von Rabii (Firas Khoury), der übelsten Type im ganzen Stadtviertel.
Arabische Frühlingsbrise
Alyssa ist eine echte Naturgewalt. Die 19-jährige Schülerin lässt sich von nichts und niemandem aufhalten. Mit wallendem Haar, funkelnden Augen und einem westlichen Kleidungsstil, der konservative Gemüter erzürnt, träumt sie von einer Zukunft im Ausland, fernab all der selbsternannten Moralapostel. Dafür geht sie ungewohnte Wege. Über verschlossene Tore klettert sie mühelos hinweg und für jedes Problem, das sich ihr und dem ein wenig älteren Mehdi während eines Roadtrips in den Weg stellt, findet Alyssa eine Lösung, listig und nicht immer legal. Als sie bei der gemeinsamen Reise allerdings Gewalt erfährt, ist selbst die aufgeweckte junge Frau mit ihrem Latein am Ende. Doch Mehdi, den sie von Kindesbeinen an kennt, steht ihr treu zu Seite.
Eya Bellagha legt Alyssa als einen wahren Wirbelwind an, der weder physisch noch psychisch stillsteht, womit sie das Kinopublikum von den Sitzen reißt. Mit Slim Baccar steht ihr ein Schauspielpartner auf Augenhöhe gegenüber. Der von ihm verkörperte Mehdi ist wie Alyssa ein Träumer. Doch während seine beste Freundin wild fabuliert, sinnt Mehdi sinnlich über seine Zukunft nach. Seine sensible Künstlerseele trifft auf einen rebellischen Hitzkopf, Wasser auf Feuer – und das Kinopublikum stellt sich die Frage – ganz so, wie es der arabische Titel dieses Films tut –, wohin der Wind dieses unkonventionelle Paar trägt.
Poetischer Roadtrip
Der englische Originaltitel dieses in Tunesien gedrehten Coming-of-Age-Films lautet Where the Wind Comes From und interessiert sich somit für den umgekehrten Weg, also nicht wohin der Wind die Figuren führen könnte, sondern woher der Wind weht. Auch dieser lyrische Titel hat seine Berechtigung. Denn während die Figur der Alyssa dem Film durch virtuos visualisierte Tagträume eine poetische Note verleiht, macht es Mehdi vermittels der Geschichten, die er sich beim Zeichnen seiner surrealen Bilder ausdenkt. Eine davon ist, wie Wind entsteht, nämlich nicht als natürliche Luftbewegung, sondern aus uns Menschen heraus. Eine wunderschöne Metapher eines an symbolischen und gleichermaßen farbenfrohen Bildern reichen Films.
Nach zwei Kurzfilmen und einem Beitrag zu einem Omnibusfilm legt die tunesische Regisseurin und Drehbuchautorin Amel Guellaty mit Wohin der Wind uns trägt ihr Langfilmdebüt vor. Das tragikomische Roadmovie feierte Ende Januar 2025 beim Sundance Film Festival seine Weltpremiere. Es begeistert mit einem unverstellten Blick auf die (junge) tunesische Gesellschaft anderthalb Jahrzehnte nach dem Arabischen Frühling, nicht zuletzt deshalb, weil es keine angestaubten Klischees bedient. Die von Guellaty selbst verfasste Story über die Zuneigung zweier Freunde bleibt tatsächlich platonisch und rutscht nicht in romantische Stereotype ab, die Kamerafrau Frida Marzouk zeigt Tunesien von seiner ungewohnten Seite abseits der typischen Ikonografie aus Urlaubskatalogen und der für die Musik verantwortliche Omar Aloulou mixt traditionelle mit rockigen Klängen. So modern, frisch und frech sah der nordafrikanische Staat im Kino selten aus. Gemeinsam mit den zwei einnehmenden Hauptfiguren träumt am Ende auch das Kinopublikum von einer Zukunft, in der alles möglich ist.
OT: „Where the Wind Comes From“
Land: Tunesien, Frankreich
Jahr: 2025
Regie: Amel Guellaty
Drehbuch: Amel Guellaty
Musik: Omar Aloulou
Kamera: Frida Marzouk
Besetzung: Eya Bellagha, Slim Baccar, Maya Blouza, Firas Khoury, Zeineb Neji, Lobna Mlika
Sundance Film Festival 2025
International Film Festival Rotterdam 2025
Filmfest Hamburg 2025
International Film Festival Rotterdam 2026
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