
Nach dem ungeklärten Tod des ansässigen Sheriffs übernimmt Ulysses (Bob Odenkirk) übergangsweise die Führung der Polizei in der amerikanischen Kleinstadt Normal. Trotz der geringen Bevölkerung von lediglich 2000 Einwohnern floriert das Städtchen und leistet sich sogar ein neues Rathaus für über 16 Millionen Dollar. Auch Kriminalität ist so gut wie nicht vorhanden, was dem Sheriff auf Zeit einen sehr entspannten Arbeitsalltag ermöglicht. Diese Ruhe verfliegt jedoch schlagartig, als die hiesige Bank ausgeraubt wird. Am Ort des Geschehens findet sich Ulysses in einer Verschwörung wieder, die ihn erkennen lässt, dass in dieser Stadt außer dem Namen nichts so normal ist, wie es scheint.
Wheatlys Genre-Sammelsurium
Während seiner zwei Jahrzehnte umspannenden Filmografie hat sich Regisseur Ben Wheatley als Genre-Allrounder etabliert. Mit High-Rise lieferte er 2015 ein gesellschaftskritisches dystopisches Sci-Fi-Drama. Danach folgten Action-Thriller, Drama und sogar Creature-Action mit Meg 2: Die Tiefe sowie Romantik mit Bulk im Jahr 2025. Im gleichen Jahr feierte auch Normal auf dem Toronto International Film Festival seine Premiere. Sich auszeichnend durch lockere Tonalität und die spritzige Handschrift Wheatleys folgen Zuschauer diesmal dem in die Jahre gekommenen Aushilfs-Sheriff Ulysses während eines actiongeladenen Thrillers dabei, das dunkle Geheimnis der Stadt Normal zu lüften.
Strukturproblem im Schneegestöber
Die Stärken des Films liegen, genau wie seine bisherige Arbeit vermuten lässt, in Inszenierung und Ausgestaltung der Action-Sequenzen. Normal liefert ein ganzes Arsenal an schnell geschnittenen, durch interessante Props bereicherten Szenen. So rollt beispielsweise ein gepanzerter Schneeräumer unter Dauerbeschuss durch die Straßen der verschneiten Kleinstadt. Den Überraschungseffekt dieser Szenen nimmt Wheatley aber stets durch plumpes Foreshadowing vorweg. Letzteres beraubt die Action nicht nur ihres Aha-Effekts, sondern entschleunigt den Film auch unbeabsichtigt, was dazu führt, dass Normal trotz einer Laufzeit von 90 Minuten besonders gegen Ende spürbare Längen aufweist.
Insgesamt ist die Erzählstruktur eine von zwei großen Schwächen des Films. Wheatley lässt sich viel Zeit zur Einführung seiner Charaktere und zum Schaffen der offensichtlichen Fassade seiner allzu harmonischen Kleinstadt. Echte Charaktertiefe schafft er dabei nicht. Stattdessen begnügt er sich mit stereotypen Figuren, die einzig als Stichwortgeber und Plotvehikel funktionieren. Wenn der Film dann endlich Fahrt aufnimmt, verschießt Normal sein Pulver innerhalb kürzester Zeit. Das Drehbuch vermag es dabei nie, fehlende Tiefe aufzufangen. Hinter Action-Sequenz und häufiger Actionfilmreferenz offenbart sich fehlende Charakterzeichnung, die Vernachlässigung von Plausibilität zugunsten dramaturgischer Effekte und ein inkohärentes Finale. Hommage und kreativen Parallelen zu Fargo unterstreichen den Klassenunterschied beider Filme umso deutlicher.
Ein Held ohne Reise
Wie sein Namensvetter findet sich Ulysses auf seiner ganz eigenen Odyssee. Ähnlich dem ithakischen Helden sieht er sich mit Versuchung und charakterlicher Prüfung konfrontiert, weit entfernt von seiner Frau, respektive Ex-Frau. Mit diesem motivischen Ausflug in die griechische Mythologie eröffnet der Film eine zusätzliche Ebene, die er nie konsequent bespielt. Stattdessen bereichert Ulysses ungelenk geschriebene Hintergrundgeschichte Normal kaum und dient einmal mehr als klischeegetränkter Lückenfüller. Die etwaige Charakterentwicklung des Protagonisten bleibt konsequenzlos und sein Wandel weitgehend unglaubwürdig.
Trotz fehlender Ausgestaltung überzeugt Bob Odenkirk einmal mehr als ein Mr. Nobody, als ein in die Jahre gekommener Normalo, der unverschuldet aus einer prekären Larger-than-life-Situation entkommen muss. Neben seinem rustikalen Charme glänzt er in Normal vor allem durch Situationskomik und seine präzise Pointensetzung. Unter dem Prädikat Actionkomödie verschiebt sich die Gewichtung spürbar zugunsten des Humors. Die Action setzt erst spät ein und ist dann in zu komprimierter Form. Normal trifft zwar nicht mit jedem Gag ins Schwarze, doch die hohe Schlagzahl an Pointen verleiht dem Film eine überwiegende Kurzweiligkeit.
OT: „Normal“
Land: USA
Jahr: 2025
Regie: Ben Wheatley
Drehbuch: Derek Kolstad
Musik: Harry Gregson-Williams
Kamera: Armando Salas
Besetzung: Bob Odenkirk, Lena Headey, Henry Winkler, Brendan Fletcher, Jess McLeod, Billy MacLellan, Ryan Allen, Peter Shinkoda
Toronto International Film Festival 2025
SXSW 2026
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