Vapeur
© La Bête

Vapeur

Vapeur
„Vapeur“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Privatdetektiv Goro (Goro Koyama) bekommt einen für westliches Verständnis ungewöhnlichen Auftrag, in Japan ist der Grund für seinen Trip zur Vulkaninsel Sakurajima ein immer wiederkehrendes Trauerspiel: Spurlos verschwinden Menschen ins selbstgewählte Exil, sie „verdampfen“ quasi. Meist geschieht dies, wenn sie Schicksalsschläge wie Schulden, Arbeitslosigkeit, Ehrverlust, Scheidungen, usw. nicht mehr schultern können und keinen anderen Weg mehr sehen, als unter neuem Namen sich irgendwo anders eine neue Existenz aufzubauen –sozusagen als Vorstufe zum Suizid, der in solchen Fällen die Ultima Ratio darstellt. In diesem Fall wird Goro von einer Klientin in den Süden Japans geschickt, um einen „Mr. Ito“ zu finden, 45 Jahre alt, ursprünglich aus Tokio. Bei seinen Recherchen kommt Goro mit etlichen Bewohnenden der kleinen Ortschaft am Fuße des extrem aktiven Vulkans ins Gespräch und bringt zunehmend in Erfahrung, dass die vulkanischen Dämpfe geheimnisvolle Geschichten verbergen.

Verdampfende Menschen

Heutzutage gehört es zum guten Ton, zur Festivalsaison Hybride aus Dokumentation und Fiktion anzubieten, die verzugsweise mit magischem Realismus besprenkelt sind, und Vapeur des Künstlerduos Anush Hamzehian und Vittorio Mortarotti schlägt in eben jene Kerbe. Die beiden gehen diesen methodischen, langsamen, karg anmutenden Film intelligent an: Mit dem eigensinnigen Privatdetektiv und dem Setting auf einer mysteriösen Insel gegenüber der Großstadt Kagoshima sind gleich zwei interessante Prämissen gegeben, die diesen Dokumentarfilm gleich aufgrund der Synopsis besonders erscheinen lassen, und die Laufzeit ist auf angenehme 73 Minuten beschränkt. Dafür kann die ungewöhnliche Story, die sich hier entfaltet, sich alle Zeit der Welt nehmen, und das Publikum erfährt umso mehr vom Leben auf der Insel, deren Vulkan jederzeit ausbrechen könnte, und von den japanischen Gepflogenheiten, die diese „Verdampfung“ von Menschen überhaupt erst ermöglichen.

Die Lebensumstände am Sakurajima sind leicht widrig, doch umso entspannter, ruhiger, natürlicher. Dem Privatdetektiv wird erzählt, dass es mehr Wildschweine als Menschen auf der Insel gibt, dass diese teilweise die Scheu vor Menschen verloren haben, und deswegen gejagt werden müssen: 12.000 Yen bezahlt der Staat, wenn man ein erlegtes Wildschwein mit Ohren, Schwanz und Foto beweisen kann. Die Ortschaft ist klein, angebunden nur durch eine Überfahrt mit einer Fähre, und alle kennen dort einander; von einem Mr. Ito, der irgendwann nur noch zu einem fernen Ziel wird, hat jedoch niemand etwas gehört, obwohl Goro die Information hat, dass dieser  in einem Convenience Store vor Ort all sein letztes Bankguthaben abgehoben haben soll. Doch gut – gerade in solch einem Dorf wird es wohl einfach sein, abzutauchen, ohne dass jemand etwas großartig mitbekommt.

Am Fuße des Vulkans

Die japanische Gesellschaft besitzt, trotz natürlich auch etlicher Vorzüge, ein enormes, druck- und regelbasiertes System, das für manche Menschen eine viel zu schwere Last darstellt. Vor allem die zahlreichen Methoden des „Übernehmens von Verantwortung“, nachdem man „Schande“ über sich, seine Vorgesetzten oder seine Umgebung gebracht hat. Sei es die Selbstverstümmelung innerhalb organisierter Kriminalität, der rituelle Selbstmord bei den Samurai und alten Feudalherren, das komplette Zurückziehen aus der Öffentlichkeit nach Promiskandalen oder eben, in kleinerem Rahmen, das Verschwinden ganzer Existenzen; manche sperren sich selbst ein und verlassen ihre Wohnung nie wieder, andere leben allein mit ihrer Last weiter, ohne jemandem jemals wieder zur Last zu fallen. Auch wenn solch ein Verständnis von Verantwortung zumindest zu einem Bruchteil beispielsweise mal aktuell westlichen Politiker*innen gut zu Gesicht stehen würde, sind die Maßnahmen oft drastisch und sorgen für noch mehr Kummer, weswegen Goro ja auch Mr. Ito finden soll.

Die Bewohnenden des Örtchens kennenzulernen, ist allerdings eine Einbahnstraße, und natürlich zeigen diese auch Interesse am mysteriösen Detektiv, der selbst so viel über sie in Erfahrung bringen möchte. Dabei wird die ruhige Atmosphäre von der Kamera schön eingefangen: Die Shots sind statisch, die Bildkomposition formalistisch, es wird mit Metaphern und traumähnlichen Sequenzen gespielt, aber auch die bloße Realität eingefangen. Es gibt ein paar Twists, paar psychische Analysen, viele Erklärungen für das „Warum“, also warum Leute so agieren wie sie agieren. Dabei fließt die Dokumentation eher langsam vor sich hin und nimmt mal hier, mal da eine Abzweigung, statt einen wirklichen Bogen zu spannen oder die Geschichte um Mr. Ito gänzlich aufklären zu wollen.

Credits

OT: „Vapeur“
Land: Frankreich
Jahr: 2025
Regie: Anush Hamzehian, Vittorio Mortarotti
Drehbuch: Anush Hamzehian, Vittorio Mortarotti
Kamera: Anush Hamzehian, Vittorio Mortarotti
Besetzung: Goro Koyama



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Vapeur
fazit
„Vapeur“ des Regie-Duos Anush Hamzehian und Vittorio Mortarotti ist ein gelungener Versuch, ein sehr nischiges Thema in einer umso nischigeren Umgebung zu beleuchten und geht dabei auf zahlreiche menschliche Aspekte ein, die wichtig sind beim Thema des plötzlichen Verschwindens bzw. Evaporierens von Personen in Japan. Die Insel wird hübsch eingefangen, die Persönlichkeiten verständlich skizziert; am Ende gibt es formal und tiefentechnisch ein paar Unzulänglichkeiten, auch hätte der Film echt nicht länger gehen dürfen, da die Story relativ flott auserzählt ist. Ein empfehlenswertes Beispiel für eine moderne Dokumentation mit dem Prädikat „nett“.
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