
Aus logistischen Gründen werden vier Giraffen gemeinsam aus Südafrika erworben: Ein Paar geht an einen Zoo in Israel, ein weiteres an einen Zoo im Westjordanland. Die beiden Tiere im israelischen Zoo sterben früh, der Bulle im Westjordanland während der Intifada im Jahr 2002, die Kuh fünf Jahre später. Beide Tiere werden später für ein Naturkundemuseum präpariert; der Bulle wird 2007 sogar auf der documenta 12 als Kunstobjekt ausgestellt. Eine andere Episode erzählt von einem britischen Ehepaar, das in den 1970er Jahren seine Ranch in Kenia aufgeben musste und daraufhin in Nairobi das Giraffe Manor gründete – zunächst als Stiftung, heute sowohl Naturschutzzentrum für gefährdete Giraffenarten als auch touristisches Hotel mit direktem Kontakt zu den Tieren. Diese beiden Geschichten sind nur zwei von insgesamt 16 Episoden, die alle auf unterschiedliche Weise mit Giraffen verbunden sind und die Lea Hartlaub in ihrem Film sr zusammenführt.
Die Kontexte einer Giraffe
Was der Titel sr bedeutet, erfährt man erst ungefähr in der Mitte des Films. Im ersten Wörterbuch ägyptischer Hieroglyphen wird die Hieroglyphe für die Giraffe als „sr“ transkribiert; eine ihrer Bedeutungen lässt sich mit „vorhersehen“ oder „vorhersagen“ übersetzen – eine Fähigkeit, die dem Tier im alten Ägypten zugeschrieben wurde. In den 16 Episoden, die aus insgesamt 91 Einstellungen an rund 30 Schauplätzen bestehen, erfährt das Publikum daher tatsächlich einiges über Giraffen. Doch das eigentliche Interesse von Regisseurin Lea Hartlaub gilt weniger dem Tier selbst als den kulturellen Kontexten, in denen es auftaucht. In einem Statement zum Film beschreibt sie das so: „Es ging mir jedoch nie um das Tier selbst oder darum, ihm eine bestimmte Bedeutung zu geben. Vielmehr ging es mir um das Betrachten der Kontexte, in denen ich es platziert fand. In ihrer Vielfältigkeit berichteten sie alle im Kern vom Menschen und seinem Handeln.“
Die Giraffe fungiert damit als roter Faden, der die sehr unterschiedlichen Episoden miteinander verbindet. Sie erscheint im Film in verschiedensten Zusammenhängen: als exotisches Tier in Zoos, als Objekt kolonialer Jagdexpeditionen, als Motiv in afrikanischer Felskunst oder als Gegenstand wissenschaftlicher Debatten. Im Kern geht es darum, wie Menschen Tiere und Natur symbolisch aufladen und für ihre eigenen kulturellen Narrative nutzen. Die einzelnen Episoden machen deutlich, wie stark Machtverhältnisse, koloniale Geschichte und kulturelle Vorstellungen unseren Blick auf die Natur prägen. Allerdings formuliert der Film diese Zusammenhänge selten direkt. Stattdessen lässt Hartlaub sie durch Bilder, Archivmaterial und Kommentare allmählich sichtbar werden – vorausgesetzt, das Publikum ist bereit, diese Verbindungen selbst herzustellen.
Experimentell und intellektuell fordernd
Die visuelle Gestaltung unterstützt diesen Denkprozess. Die Kamera arbeitet mit präzise komponierten, meist statischen Einstellungen, die Landschaften, Gebäude oder Objekte lange und ruhig betrachten. Diese Bildsprache lädt nicht nur dazu ein, das Gezeigte aufmerksam wahrzunehmen, sondern auch über die Zusammenhänge nachzudenken, die der Off-Kommentar andeutet. Gesprochen wird dieser Kommentar von der Schweizer Schriftstellerin Dorothee Elmiger, die für ihren Roman „Die Holländerinnen“ 2025 sowohl mit dem Deutschen als auch mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet wurde. Elmiger trägt den Text nüchtern und ohne große emotionale Akzente vor. Auch hier nimmt der Film dem Publikum also nichts ab, sondern überlässt ihm einen großen Teil der interpretativen Arbeit.
Das kann anstrengend sein und wird mit Sicherheit auch manche Zuschauer überfordern. Langsamkeit und eine solche Informationsdichte sind heute auf Leinwand oder Bildschirm selten geworden. sr ist daher weniger ein unterhaltsamer als ein experimenteller und intellektuell fordernder Film. Er eignet sich nicht zum beiläufigen Konsum, sondern verlangt Aufmerksamkeit und Geduld. Wer sich jedoch auf diese Form einlässt, bekommt einen Eindruck davon, wie tief koloniale Strukturen und kulturelle Vorstellungen bis heute in unserem Denken verankert sind – gerade weil der Film scheinbar weit voneinander entfernte Themen miteinander verknüpft. Gleichzeitig macht ihn genau das zu einem Werk für ein spezielles Publikum: Wer mit essayistischem Kino oder Videokunst wenig anfangen kann, dürfte sich von dieser Form eher ausgeschlossen fühlen.
OT: „sr“
Land: Deutschland
Jahr: 2024
Regie: Lea Hartlaub
Buch: Lea Hartlaub
Kamera: Lea Hartlaub
Mitwirkende: Dorothee Elmiger
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