
Die Verwunderung ist groß, als in einer Münchner Isarwehranlage die Leiche einer Frau gefunden wird. Zwar war vorher schon bekannt, dass jemand sie ermordet hatte. Nur deckt sich der Zustand der Leiche nicht mit der Beschreibung von Léon Kamara (Yoli Fuller), der die Tat seinerzeit gestanden hatte. Denn der gab an, die Tote zerstückelt zu haben. Aber warum sollte er lügen? Während Cris Blohm (Johanna Wokalek) und Dennis Eden (Stephan Zinner) noch über die Ungereimtheiten nachgrübeln und versuchen, aus den Widersprüchen schlau zu werden, wartet bereits ein nächster Fall auf sie. Ein Mann wurde überfahren, die Tatperson hat anschließend Fahrerflucht begangen. Eigentlich ist das kein Fall für die beiden, das fällt nicht in ihren Zuständigkeitsbereich. Als sie dennoch der Sache nachgehen, stellen sie fest, dass auch bei dieser Geschichte etwas nicht stimmt …
Nicht viel zu rätseln
Nachdem Fans von Polizeiruf 110 lange auf Nachschub warten mussten, beglückte die ARD diese zuletzt wieder verstärkt. Wobei die Ausbeute sehr unterschiedlich ausfiel. Da war zuerst Der Wanderer zieht von dannen über eine ermordete alte Frau, ein würdiger Abschluss der melancholischen Trilogie aus Halle. Danach behandelte der Magdeburger Beitrag Your Body My Choice das emotional aufgeladene Thema Abtreibung, wenn die Mitarbeiterin einer Frauenarztpraxis einen tödlichen Fahrradunfall hat. Eine Woche später folgt mit Ablass bereits der nächste Teil, diesmal geht es wieder nach München. Und auch die 425. Episode der beliebten Krimireihe nimmt sich einiger großer Themen an, über die eifrig diskutiert werden kann – und wohl auch soll.
Dabei dauert es eine Weile, bis wir an dem Punkt ankommen. Zuerst einmal dürfen die Zuschauer und Zuschauerinnen über etwas ganz anderes nachdenken. Warum sollte jemand, der die Tötung einer Frau zugegeben hat, über den Tathergang lügen? Anfangs sieht es dabei aus, als sei Polizeiruf 110: Ablass einer dieser Krimis, die gezielt das deutsche Justizsystem in Frage stellen wollen, wenn niemand wegen einer Tat mehrfach angeklagt werden kann – selbst wenn es ein krasses Fehlurteil gab. Stattdessen bewegt sich die Geschichte in eine andere Richtung. Richtig viel zu rätseln gibt es dabei nicht. So wird durch den parallel eingeführten zweiten Fall relativ schnell klar, worum es denn eigentlich in dieser Folge geht. Auch die Polizei kommt vergleichsweise früh auf die Lösung, anstatt wie sonst üblich erst in den Schlussminuten das Puzzle zusammenzusetzen.
Fragen der Moral
Das wird nicht allen gefallen. Wer in erster Linie grübeln möchte, wird wenig bedient. Hinzu kommt, dass das Ende manche empören wird. Die meisten Krimis leben auch von einer gewissen Befriedigung, wenn zum Abschluss für Gerechtigkeit gesorgt wird. Polizeiruf 110: Ablass verweigert dem Publikum eine solche. Das ist aber nicht das Ergebnis schlampiger Drehbucharbeit. Vielmehr will Regisseur und Autor Christian Bach (In fremden Händen) gerade das Konzept von Gerechtigkeit in Frage stellen und aufzeigen, dass diese oft nur hypothetisch ist. Der Film behandelt das Thema, dass es auch in Deutschland zu Unterschieden kommt, je nachdem, welche Mittel einem zur Verfügung stellen.
Das ist alles recht plakativ dargestellt, Tobias Moretti in der Rolle des schmierigen Anwalts August Schellenberg ist schon nahe einer Karikatur. Und auch bei anderen Figuren setzt der Film auf Stereotype. Dafür bleibt Polizeiruf 110: Ablass auf andere Weise ambivalent, wenn es darum geht, die Taten der einzelnen Menschen zu beurteilen. Wer sich gern mit moralischen Fragen auseinandersetzt und sich nicht daran stört, dass das hier nicht unbedingt nah am Alltag gelegen ist, kann es hiermit schon versuchen. Man darf nur eben keinen gewöhnlichen Krimi erwarten, in der Hinsicht ist das hier weniger interessant geworden.
OT: „Polizeiruf 110: Ablass“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Christian Bach
Drehbuch: Christian Bach
Musik: Ege Ateslioglu
Kamera: Namche Okon
Besetzung: Johanna Wokalek, Stephan Zinner, Yoli Fuller, Shenja Lacher, Sophie Rogall, Victoria Mayer, Josefine Keller, Liliane Amuat, Elias Krischke, Marion Mitterhammer, Tobias Moretti
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