Mit Hasan in Gaza
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Mit Hasan in Gaza

Mit Hasan in Gaza
„Mit Hasan in Gaza“ // Deutschland-Start: 26. März 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Im November 2001 fährt Kamal Aljafari in den Gazastreifen. Er sucht Abderrahim Shamiyeh, einen Mann, den er 1989 als Mithäftling in einem israelischen Gefängnis kennengelernt hatte. Aljafari hat Palästina 1998 verlassen und studiert zu diesem Zeitpunkt an der Kölner Acadamy of Media Arts. Er filmt die Fahrt – mitten während der Zweiten Intifada – mit einer Digitalkamera. Danach verschwindet das Material in einer Schublade, gerät in Vergessenheit. Erst mehr als zwanzig Jahre später, während der israelischen Angriffe auf Gaza infolge des Hamas-Terrors vom 7. Oktober 2023, findet er drei MiniDV-Kassetten wieder. Aus diesem Fund entsteht Mit Hasan in Gaza, ein Film, der 2025 im Wettbewerb der 78. Filmfestspielen von Locarno seine Weltpremiere feierte. Für Aljafari, der sich inzwischen als einer der interessantesten Archivfilmer des zeitgenössischen Kinos etabliert hat, markiert das Werk eine Zäsur. Während er für Filme wie Recollection (2015) oder A Fidai Film (2024) auf fremdes, oftmals manipuliertes oder neu montiertes Archivmaterial zurückgriff, basiert Mit Hasan in Gaza ausschließlich auf eigenem, unbearbeitetem Filmmaterial. Es ist ein Film, der sich dem Vergangenen nicht analytisch, sondern erinnernd nähert. 

Die Ästhetik des Beiläufigen

Was man sieht, ist zunächst wenig mehr als eine Art Reisetagebuch. Aljafari fährt mit dem Taxifahrer Hasan Elboubou durch den abgeriegelten Gazastreifen. Die Kamera blickt aus dem Autofenster, hält an Marktplätzen, in Cafés, in Wohnungen, an Grenzposten. Ab und zu sind Schüsse zu hören, das Knattern von Waffen liegt in der Luft. Die politische Situation bleibt zwar zunächst unausgesprochen, ist aber allgegenwärtig: Die Zweite Intifada hat 2000 begonnen, ausgelöst durch Ariel Sharons Besuch auf dem Tempelberg. Gewalt, Anschläge, militärische Gegenmaßnahmen prägen diese Jahre – bis zum Waffenstillstand 2005. Aljafaris Reise fällt mitten in diese Eskalation. 

Bemerkenswert ist die formale Zurückhaltung. Aljafari widersteht der Versuchung der nachträglichen Dramatisierung. Die Bilder folgen der Chronologie ihrer Entstehung; Schnitte sind rar, die Kamera wackelt, verliert das Motiv, sucht im Schwenk nach Halt. Diese Heimvideo-Ästhetik erzeugt eine Unmittelbarkeit, die durch die minimalistischen Klänge von Simon Fisher Turner (bekannt durch seine Arbeiten für Derek Jarman) und gelegentliche arabische Popsongs eher akzentuiert als geglättet wird. Nur spärliche Texteinblendungen über Aljafaris eigene Gefängniserfahrung während der Ersten Intifada schlagen eine Brücke zwischen den Generationen des Widerstands. 

Das Bild als Versprechen 

Gerade diese Ästhetik erzeugt eine eigentümliche Spannung. Zu Beginn dominieren scheinbar banale Alltagsszenen: Kinder spielen am Strand, Männer spielen Karten, lachen in die Kamera. Besonders die Kinder drängen sich ins Bild, wollen gesehen werden. Doch je weiter die Fahrt voranschreitet, desto deutlicher tritt die Realität der Besatzung hervor: zerstörte Häuser, Sandsäcke in Fenstern, Panzer an Grenzzäunen. Die Menschen, denen Aljafari begegnet, fordern ihn aktiv auf, die Trümmer festzuhalten. Die Kamera fungiert hier nicht als Voyeur, sondern als Zeuge – sie gibt das stille Versprechen ab, dass das Gesehene nicht dem Vergessen anheimfällt. 

Für ein Publikum im Jahr 2026 ist es kaum möglich, diese Bilder nicht mit den aktuellen Aufnahmen aus Gaza zu vergleichen. Genau darin liegt die politische Sprengkraft des Films. Aljafari benennt die Gegenwart nicht explizit, aber er schafft eine direkte Verbindung zwischen 2001 und heute. Die Gewalt erscheint nicht als Ausnahme, sondern als Kontinuität. Die Bilder legen nahe, dass die Zerstörung nicht erst 2023 begonnen hat. Diese Perspektive ist überzeugend, zumal das Material eine bedrückende Evidenz besitzt. 

Die notwendige Subjektivität 

Gleichzeitig bleibt eine Leerstelle. Mit Hasan in Gaza zeigt ausschließlich eine Seite des Konflikts. Von Selbstmordanschlägen der Hamas oder anderer Gruppen während der Zweiten Intifada ist nicht die Rede. Der Film ist kein ausgewogener Nachrichtenbericht, sondern eine subjektive Setzung. Aljafari bezieht Stellung durch das Zeigen dessen, was er sah – und was er sah, war die Lebensrealität einer belagerten Zivilbevölkerung. Das schmälert nicht die Authentizität der Bilder, verlangt aber vom Publikum ein Bewusstsein dafür, dass es sich um eine subjektive Setzung handelt. Allein die Entscheidung, das Material gerade jetzt zu veröffentlichen, ist eine politische Geste. 

Dass die ursprüngliche Motivation der Reise – die Suche nach Abderrahim Shamiyeh – lange in den Hintergrund rückt, ist kein Mangel, sondern Teil der filmischen Struktur. Erst gegen Ende taucht sie in Texteinblendungen wieder auf. Gerade diese beiläufige Erzählweise verleiht dem Film seine Glaubwürdigkeit, die auch entsteht, wenn Aljafari dem Fahrer Hasan zeitweise die Kamera überlässt. Man könnte meinen, man sähe ein privates Urlaubsvideo – wäre da nicht die allgegenwärtige Zerstörung. So gelingt Aljafari ein Film, der aus der Vergangenheit heraus brennend aktuell ist. Mit Hasan in Gaza macht erfahrbar, welche Macht Bilder besitzen: Sie verdichten Geschichte, geben ihr ein Gesicht. Der Film verlangt seinem Publikum viel ab – historische Einordnung, moralische Reflexion, die Bereitschaft, mit Unvollständigkeit zu leben. Doch gerade darin liegt seine Stärke. Er liefert keine einfache Wahrheit, sondern ein präzises, subjektives Dokument.  

Credits

OT:With Hasan in Gaza“ 
Land: Katar, Deutschland, Frankreich 
Jahr: 2025 
Regie: Kamal Aljafari 
Buch: Kamal Aljafari 
Musik: Simon Fisher Turner, Attila Faravelli 
Kamera: Kamal Aljafari, Hasan Elboubou

Bilder

Trailer

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Mit Hasan in Gaza
fazit
„Mit Hasan in Gaza“ ist ein stiller, subjektiver Dokumentarfilm von großer politischer Wucht. Aus beiläufigen Bildern entsteht ein erinnerndes Zeugnis palästinensischer Lebensrealität, das Vergangenheit und Gegenwart verbindet, ohne zu erklären oder zu relativieren.
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