Maysoon
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Maysoon

Maysoon
„Maysoon“ // Deutschland-Start: 19. März 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Am Anfang steht die Idylle, Glückskäfer und Regenbogen inklusive. Die Ägyptologin Maysoon (Sabrina Amali), die aus Alexandria stammt, scheint in ihrem Berliner Leben angekommen zu sein. Mit ihrem deutschen Partner Tobi (Florian Stetter) hat sie zwei süße Kinder. Der Familie geht es gut. Tobi bezieht als Architekt ein üppiges Gehalt, Maysoon arbeitet als Museumsführerin. Keiner der Freunde glaubt, dass ausgerechnet dieser Familie das passieren könnte, was Tobi eines Abends der Mutter seiner Kinder gesteht: Er hat mit einer anderen Frau geschlafen. Damit steht alles in Frage: die Liebe, das Sorgerecht für Tochter und Sohn, sogar der Aufenthaltsstatus von Maysoon. Die ägyptische Botschaft zögert die Verlängerung von Maysoons Pass hinaus und will sie zur Beschaffung von Dokumenten in ihre ehemalige Heimat locken, die sie vor über zehn Jahren wegen ihres Engagements für den (letztlich gescheiterten) „Arabischen Frühling“ verlassen hat. Mit großer Einfühlungskraft begleitet Regisseurin Nancy Biniadaki in ihrem zweiten langen Spielfilm den Kampf einer ebenso starken wie verletzlichen Frau um ein würdevolles Leben in der Fremde, selbst wenn alle Bindungen wegzubrechen drohen.

Starke atmosphärische Details

Ehrfurchtsvoll blickt die Kamera auf die Figuren des Museums. Selbst nach fünftausend Jahren scheinen die Inschriften und Mythen der alten Ägypter noch zu uns zu sprechen. Maysoon erzählt den Besuchern von Zauberschriften, die einen verstorbenen Menschen per „Klon“ zu uns sprechen lassen. Von einem Ehepaar, das dafür betet, vom Glück nicht verlassen zu werden. Und vom Gefühl der Machtlosigkeit, das den Schutz einer höheren Instanz herbeisehnt. Was der Film hier anklingen lässt, wird auch in Maysoons Leben eine Rolle spielen. Allerdings geschieht das nicht eins zu eins und keineswegs so, dass die Religion, die die Atheistin studiert hat, ihr helfen könnte, aus der Krise wieder herauszufinden, die sie sogartig in die Tiefe zieht.

Überhaupt profitiert Maysoon davon, nicht alles auszubuchstabieren – und auch nicht alle Widersprüche glattzubügeln. Damit bewegt sich das Drama nah am echten Leben, bedient sich nur sparsam bei gängigen Erzählmustern und verlässt sich in erster Linie auf Stimmungen, Gefühle und atmosphärische Details. So viel macht der Film aber deutlich: Maysoons Krise hat nicht nur etwas mit der Untreue ihres Partners zu tun, sondern auch mit einer verdrängten Vergangenheit, mit Schuldgefühlen und Kontaktabbrüchen.

„Ich bin nicht deine Heimat, ich bin einfach nur ein Mann“, sagt Tobi irgendwann zu Maysoon, die ihre kleine Familie als ein neues Zuhause empfunden hat – bevor alles zerbrach. Mit dem Spruch hat Tobi einerseits Recht, doch das ist nur eine halbe Wahrheit. Es ist die Lesart derjenigen, die ihre Heimat niemals verlassen mussten. Wie es den anderen geht, das schildert Filmemacherin, Autorin und Videokünstlerin Nancy Biniadaki (Die Oberfläche der Dinge, 2017), die aus Griechenland stammt und seit langem in Berlin lebt, aus der radikal subjektiven Perspektive ihrer Filmfigur. Die Regisseurin schickt sie auf eine kompromisslose Reise nach innen, ohne Rücksicht auf die Gepflogenheiten bürgerlich-liberaler Großstädter, die sich nach Trennungen großzügig-tolerant in Patchwork-Konstellationen fügen. Die Regisseurin lässt Maysoon ihre Wut ausleben, lässt sie Rache nehmen, lässt sie ungerecht sein auch gegenüber denen, die es gut mit ihr meinen. Wohl nicht zufällig ist die einzige, die Maysoon wirklich trösten kann, eine ägyptische Landsfrau, die in Berlin ein Schönheits- und Massagestudio betreibt. Dank ihr scheint in Maysoons Ritt durch die Hölle eines Ausnahmezustandes auch die Chance einer Heilung auf.

Stolz und Verletzlichkeit

Hauptdarstellerin Sabrina Amali, die sonst vor allem fürs Fernsehen dreht, trägt den Film durch eine Mischung aus Stolz, Sturheit und Verletzlichkeit. Sie lässt sich tief in die Verzweiflung ihrer Figur fallen, kostet sämtliche Facetten ihres blinden Zorns aus und geht den Weg der Abwärtsspirale konsequent in eine Einsamkeit, die ihren Freunden große Sorgen bereitet. Die Kamera von Jean-Marc Junge ist fast stets an der Seite der Hauptdarstellerin, hebt ihr Gesicht manchmal aus unscharfer Umgebung heraus und fängt dabei Blicke ein, die selbst im tiefsten Schmerz eine große innere Stärke verraten. Sie zeugt vom Selbstbewusstsein derer, die schon ganz andere Krisen überstanden haben.

Indem sich der Film ganz auf die Seite von Maysoon stellt, löst er auch Unbehagen aus, zumindest wenn man sich selbst zum liberal-aufgeklärten Bürgertum zählt. Eingebettet in ein individuelles Schicksal, das nicht zum Verallgemeinern einlädt, erzählt Maysoon auch vom alltäglichen Rassismus in unserem Land, selbst wenn er nicht so plump daherkommt wie das Lob für ein akzentfreies Deutsch. Es gibt da ein paar subtilere Varianten. Etwa als Tobis neue Freundin Julia (Susanne Bormann) der Konkurrentin vollstes Verständnis für deren Lage versichert. Und vorgibt, sie könne gut verstehen, wie es sich anfühle, sein Land verlassen zu müssen: „Alexandria ist ja eine schöne Stadt“. In solchen Momenten mag man sich ertappt fühlen – und vor lauter Fremdschämen am liebsten unter den Kinosessel kriechen.

Credits

OT: „Maysoon“
Land: Deutschland, Griechenland
Jahr: 2024
Regie: Nancy Biniadaki
Drehbuch: Nancy Biniadaki
Kamera: Jean-Marc Junge
Besetzung: Sabrina Amali, Florian Stetter, Susanne Bormann, Vivian Daniel, Heike Hanold-Lynch, Maya Ghazal, Karyofyllia Karabeti, Deborah Kaufmann, Mehdi Meskar, Josef Mohamed

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Maysoon
fazit
„Maysoon“ folgt dem Schicksal einer jungen Mutter, die mit der Liebe auch vieles andere verliert: Job, Sicherheit und Aufenthaltsrecht. Regisseurin Nancy Biniadaki und Hauptdarstellerin Sabrina Amali tauchen intensiv tief in den seelischen Ausnahmezustand der Protagonistin ein – und halten dem aufgeklärt-liberalen Bürgertum den Spiegel seiner Komfortzone vor.
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